Die Zukunft zurückgewinnen – ein Besuch in Bodoland

Die Zukunft zurückgewinnen – ein Besuch in Bodoland

Der Manas FlussAls wir 2005 zum ersten Mal in der östlichen Randzone vom Manas Nationalpark waren, war gerade die erste Hütte des Jungle Camps im Rohbau. Wir hatten damals noch im Gästehaus des örtlichen Naturschutz- und Ökotourismus-Vereins geschlafen. Mittlerweile hat das Camp fünf Hütten und einen Essbereich und ein Problem, das uns schon damals berichtet wurde, besteht nach wie vor: Die Elefanten halten sich nicht akribisch genug an die Nationalpark-Grenzen. In der Nacht vor unserer Ankunft hatte sich ein grauer Riese an der Küchenwand den Rücken geschabt, und dabei ein wenig die Statik beeinträchtigt. Vielleicht war er aufgeregt wegen dem Sturm, der auch einige Bäume aus der Fassung gebracht und dadurch die Stromversorgung zum Camp lahm gelegt hat. Ohne Strom kein Wasser, die Punpe funktioniert nur elektrisch. Und so verschieben wir die innig ersehnte Dusche nach der staubigen Fahrt über die Holperstraße – die allerdings gerade mit großem Aufwand ausgebaut wird – auf unbestimmte Zeit. Den Kids macht das wenig, die erkunden mit großer Neugier die Umgebung. Zu entdecken gibt es genug: Dass es eines der artenreichsten Gebiete der Welt ist, interessiert sie wenig, aber in Siliguri haben sie selten Gelegenheit o ungestört durch´s Grüne zu tollen.

Nicht nur unsere Kinder haben in Manas einige Zeit gebraucht, um zu sich selbst zu finden. Auch der Volksstamm der Bodos – die traditionellen Siedler des Gebiets – haben eine lange Zeit mit der Suche nach ihrer Identität verbracht. Und während unsere Kleinen unter Anleitung den einen oder anderen Grashalm abrupfen oder entzückt den Schmetterlingen nachjagen, haben die Bodos während der Zeit ihres Unabhängigkeitskampfes Bäume gefällt und Wild-Tiere erlegt. Auch dies oftmals auf Nachfrage von außen. Dem Nationalpark hat diese Zeit eine tiefe Narbe geschlagen und die Wunden heilen nur langsam. Mit der Anerkennung als autonomes Gebiet – Bodoland – kam das Erwachsenwerden und es stellte sich die Frage: „Wie können wir leben, von dem was wir haben?“ Glücklicherweise waren die Stimmen, die sich für eine nachhaltige Nutzung und den langfristigen Schutz des Naturparadieses am Fuße der Berge von Bhutan entschlossen haben, lauter, als die der Befürworter der schnell Gewinn bringenden Vermarktung der natürlichen Resourcen. Und obwohl keiner eine wirkliche Idee hatte, wie das anzustellen sei, wurde Tourismus als gängiger Weg eingeschlagen. Seither sind Besucher zeitweilige Mitglieder des lokalen Ökotourismus-Vereins und helfen mit beim Freihalten der Park-Wege und bei der Artenerfassung und –beobachtung.

Das klingt sehr streng, ist es aber nicht wirklich. Im Osten des Parks sind illegaler Holzeinschlag und Wilderei so weit eingedämmt, dass sich das Patrouillieren kaum von Nationalpark-Besuchen in anderen Parks unterscheidet. Die Waffen, die von Wilderen den Parkrangern übergeben wurden, ruhen mittlerweile in einem Museum. Heute geht es vor allem um die Präsenz der Naturwächter. Da lokale und auswärtige Mitglieder in kleinen Gruppen unterwegs sind, wird der Besucherdruck nicht auf wenige Stellen im Park konzentriert, sondern ist auf deutlich mehr Wege verteilt. Zudem kann man weit mehr Zeit im Park verbringen und erhält eine sehr intensive Interpretation des Naturraumes. Mit unserem Guide (Vereinsmitglied), fahren wir durch ein ausgetrocknetes Flussbett bis zur Grenze nach Bhutan. Auf dieser Route ist ein Forstbeamter vorgeschrieben, schließlich geht es ins unmittelbare Grenzgebiet. Zumindest unterschwellig ist die Präsenz wilder Tiere immer gegenwärtig. Zwei Gewehre sind an Bord des Autos, um im Falle einer allzu aufdringlichen Begegnung mit Elefanten diese durch Warnschüsse abzuschrecken. Ein komischer Gedanke in einem Schutzgebiet, wenn man sich nicht vor Augen führt, dass die Rüsseltiere das Auto samt Insassen problemlos zerquetschen könnten.

Webstuhl in einem Privathaus in BodolandDer Park ist nur ein Grund, das Land der Bodos zu besuchen, wie bei einem Besuch im Dorf schnell klar wird. Am Marktplatz herrscht geschäftiges Treiben und einige Händler sind aus Bhutan gekommen, um sich mit Waren einzudecken. Auf bhutanesischer Seite ist der Manas-Wald so unzugänglich, dass die Dorfbewohner den Umweg über Indien nehmen müssen, um die Hauptstadt des eigenen Landes zu erreichen. Die Verbesserung der diplomatischen Beziehungen ist ein bedeutender Wachstumsimpuls für unser Dorf Kokilabari. Viele wirtschaftliche Optionen gibt es bisher nicht für das Gebiet. Obwohl Seide hergestellt wird und fast in jedem Haus ein Webstuhl steht, verlassen die bunten Trachten nur selten den Haushalt. Wie auch bei der Landwirtschaft wird das meiste für den Eigenbedarf produziert. Auch die Baumaterialien sind überwiegend lokale Produkte. Die mehrere Gebäude umfassenden Anwesen bestehen traditionell aus Bambus, Holz, Schlamm und Reisstroh. Dass Zinkblech-Platten als Dachbelag immer beliebter werden, weil sie das Wasser besser abhalten, hat auch seine Nachteile. Wie man uns erzählt, wird es im Sommer unter dem Blechdach sehr warm. Die Isolation sei lange nicht so gut, wie beim Reisstroh-Dach. Und obwohl wir die Reisdächer optisch viel ansprechender finden, verstehen wir die Entscheidung zugunsten trockener Gemächer. Eine Anregung, die wir aus anderen Gebieten mitgebracht haben, nämlich das Decken der Blechdächer mit Stroh, wird interessiert diskutiert.

Eine Verbesserung der Infrastruktur und innovative Ideen sind grundlegende Themen. Das Schulwesen ist noch immer mangelhaft, viele Brücken und Straßen sind altersschwach und an einigen Stellen fehlen sie ganz. Die kräftige Finanzspritze durch die Zentralregierung verschafft Linderung, aber es bleibt viel zu tun. Immerhin gilt es, aus einem wenig beachteten Gebiet von Einzelsiedlungen ein funktionierendes Wirtschaftsgeflecht zu knüpfen und dabei den Naturschutz im gesamten Park sicherzustellen. Im Westen des Schutzgebietes sind Handwerker dabei Plattformen auf Boote zu zimmern, um so die Patrouillien-Fahrzeuge über den Manas-Fluss transportieren zu können. Auf dem gleichen Weg können auch Lebensmittel die abgelegenen Dörfer jenseits des Flusses mit Lebensmitteln versorgt werden, um so das Vordringen der Landwirtschaft in den Park zu verhindern. Wie groß die Hoffnungen in den Tourismus sind, wird klar, wenn man die Arbeit an den Wildsichtungs-Stellen und Schutzcamps im Park sieht. Einfache Planen- und Blechhütten machen mehrstöckigen Konstrukten aus Stahlbeton Platz. Eine sichere Bleibe für die Naturwacht und für Besucher gleichermaßen. Wo immer alte Infrastruktur – oft noch aus der Zeit der britischen Herrschaft – existiert, wird diese aufgemöbelt. Wie im Falle des Forst-Bungalows in Muthangori, traumhaft gelegen mit Blick über den Manas-Fluss auf die Bergwelt Bhutans. Die Nachfrage ist bereits jetzt groß, obwohl die Renovierung noch eine Zeit in Anspruch nehmen wird. Und so verbringen wir die restlichen drei Tage auf einem Bauernhof einige Kilometer entfernt vom Parkeingang. Die familiäre Gastfreundschaft ist eine gute Entschädigung für die Übernachtung außerhalb des Parks. Mit Tagesausflügen im Dorf und in den Nationalpark geht die Zeit schnell vorbei und ist eigentlich viel zu kurz, um den Geschichten des alten Mahouts, des Elefantenführers, zu lauschen, der uns stolz das Camp mit fast 50 grauen Einwohnern zeigt. In der Zeit der Forstwirtschaft waren die Elefanten eine wichtige Arbeitskraft. Heute schauen auch die Mahouts erwartungsvoll auf den Tourismus als sinnvolle und stabile Einkommensquelle. Mit der Rückführung der ersten Nashörner aus anderen Reservaten ist ein wichtiger Schritt in eine prosperiende Zukunft im Naturparadies getan.

Werbeanzeigen

Regaining future – a visit to Bodoland

Regaining future – a visit to Bodoland

River Manas
The river flows through a valley of dense green jungle

When visiting the eastern fringe of Manas Nationalpark the first time in 2005, the first hut of the Jungle Camp was just under construction. In that time we had still slept in the guest house of the local conservation and ecotourism society. Now, the camp consists of five huts and a dining space and one problem that had been reported to us already then still persists. The elephants don’t stick painstakingly enough to the Nationalpark’s borders. In the night before we arrived a gray giant had scrubbed his back on the kitchen wall – slightly affecting the statics. Perhaps it was excited due to the storm that had unrooted some trees and so cut off the camp’s electricity supply. Without electricity there is no water – the pump operates only electrically. And thus the deeply longed for shower after the dusty ride on the bumpy road – that admittedly just is overdone with great effort – has to be postponed for time unknown. The kids bother little about that fact, they are wholeheartedly exploring the environs. And that’s quite a lot to do: That it is one of the most diverse biospheres in the world is of little interest for them, but when do they have the opportunity in Siliguri to roam around in the green so undisturbed.

Not only our children needed some time in Manas to find to themselves. The tribal group of the Bodos – the traditional settlers of this area – as well spent a long time in search of their identity. And while our little ones under guidance pluck of a blade of gras and chase excitedly after the butterflies, the Bodos during the time of their independency movement had felled trees and shot wild animals. This as well often due to external demand. The Nationalpark has been left with deep scars from this time and the wounds heal only slowly. With the recognition of Bodoland as an autonomous region, adulthood came and raised the question: „How can we live of what we possess?” Fortunately, the voices that proclaimed a sustainable use and long-term conservation of the natural paradise on the foothills of the Bhutanese mountains had been louder than those of the promoters of a fast profit selling off of the natural resources. And though nobody really had an idea how to go about that, tourism was opted for as a viable means. Since, visitors are temporary members of the local ecotourism association and help in keeping free the park roads, and in listing and monitoring of species. This all sounds very strict, but it isn’t really. Along the eastern fringe of the Park timber logging and poaching have been reduced to almost zero, so that patrolling hardly is different than visits in other parks. The weapons that have been surrendered to the park rangers by poachers nowadays are displayed in a museum. Today, mostly it is the sheer presence of the nature guards that is important.

As local and external members are visiting the park only in small groups, the visiting pressure is not focussed on few spots, but spread over many more routes. Moreover, you can spend much more time inside the park and you get a very intensive interpretation of the environment. With our guide (fellow associate), we drive through a dried-up river bed to the Bhutanese border. On this route a forest guard is compulsory; after all we are in the immediate border area. At least latently the proximity of wild animals is omnipresent. Two rifles are aboard the car to shy away elephants with shots across the bow in case of a too intimate encounter. A strange thought in a conservation area, if one doesn’t consider that the Ruesseltiere can easily squash the car and its inhabitants.

Loom in a Bodo House
Bodo Women weaving colorful cloths on the hand loom

The park is only one reason to visit the land of the Bodos, as we quickly recognize during a village walk. On the market place’s hustle and bustle we see few traders have come from Bhutan to purchase stocks. On the Bhutanese side the Manas forests are so impenetrable that the residents of the villages have to bypass the way to the capital of their own country via India. The improvement of diplomatic relations is an important growth impulse for our village, Kokilabari. Not many economic options are available to the region. Though silk is produced and in almost every house a hand-loom can be found the colorful customs hardly leave the household. As in agriculture the majority of goods are produced for subsistence only. Also the construction materials are mostly local products. The compounds, comprising of several buildings, are traditionally made of bamboo, wood, mud and paddy straw. That tin sheets are becoming increasingly popular as a roof cover, as they keep out the water more effectively, brings some disadvantages as well. We are told that during the summer it gets very hot under the metal roof. Isolation was by far not as good as with the paddy straw roof. And though we prefer the thatched roofs optically, we understand the opting for dry premises. A suggestion that we have carried from other areas, namely the thatching of the tin roofs with straw, is being discussed with great interest.

Any improvement of infrastructure and innovative ideas are elementary topics. The school system is still deficient, many bridges and streets are overaged and at some places they are completely lacking. The substantial financial support by the Central government eases, but a lot still has to be done. After all it is about not less than the transformation of a somewhat unrecognized area of single settlements into a viable economic network while safeguarding conservation of the entire protected area. In the west of the park carpenters are installing platforms on boats to facilitate transport of the patrolling jeeps across Manas river. On the same way food rations can be provided to the remote villages on the other side of the river, thus verhindern the encroachment of the park for new agricultural space. How high the hopes into tourism are becomes clear, as we observe the workings on the sighting spots and protection camps inside the park. Simple huts made of plastics and tin sheets are replaced by multi-storey constructions of ferroconcrete. A safe shelter for the nature wardens and visitors alike. Wherever old infrastructure exists – often from the times of the British rule – it is made over. As in the case of the forest bungalow in Muthangori, traumhaft located with a view over river Manas to the mountain ranges of Bhutan. Enquiry is already high though the renovation will need some more time. And consequently we spend our last three days on a small farm few kilometers away from the park’s entrance. We pass our time with day excursions to the village and the Nationalpark our time passes well too fast to listen to the stories of the old mahout, the elephant guide who proudly shows us around in the camp with almost 50 grey giants. During the time of the timber cutting the elephants had been an important labour force. Today the mahouts provenient hope for tourism as a meaningful and stable source of income. With the returning of the first rhinos from other reserves an important step into a prosperous future of this nature paradise is done.