Urlaub impossible!

„Gehen Sie dort, wo sie hinfahren, bitte zum Doktor“, hatte mir der Sportarzt in Wien empfohlen. Drei Wochen hatte ich die immer erträglichen Schmerzen im Oberarm mitgeschleppt, bevor ich kurz vor unserer Abreise doch noch in eine Praxis bin. Eine eingehende Untersuchung mit Ultraschall und Röntgen hätte den Besuch zweier weiterer Praxen erfordert, aber dafür war die Zeit zu knapp. „Mr. Marcus bitte“. Wenige Minuten nach der Anmeldung im Beit Sahour Health Center werde ich in den Behandlungsraum gerufen. In fließendem Englisch befragt mich der Arzt nach meinen Beschwerden und schickt mich weiter zum Röntgen. Ein junger Orthopäde, der nach zwölfjährigem Studium in Russland wieder in seine Heimat zurückgekehrt ist, diagnostiziert anhand der Aufnahmen und einiger weiterer Tests einen Muskelfaserriss. Mit einem freundschaftlichen Klapps ob meines falsch verstandenen Heldentums und einer Cortison-Spritze schickt er mich in die Genesung. „Wir sehen uns dann nächsten Freitag wieder. Einfach vorbeikommen, ich bin ab 14 Uhr da.“ Schnell, freundlich, gut – so machen Arztbesuche Spass.

Wenn man im Tourismus tätig ist, dann schwindet schnell die Grenze von Urlaub und Arbeit. Wir kommen beim Abendessen mit Ibrahim, dem Kellner ins Gespräch. „Aus Deutschland? Mein Bruder ist Lektor an der Universität von Breda in Holland.“ Tourismus unterrichtet er dort, gerade ist sein Buch über das Reiseverhalten von Kulturtouristen erschienen.

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Barcamp „Tourism 2.0“ – Tourism Sustainability and Social Media

Als ich vor zwei Wochen per skype über eine Internet-Konferenz zum Tourismus und Klimawandel gesprochen habe, sagte der: “Du musst begreifen, dass fast jeder, der älter als 15 Jahre alt ist, im Hinblick auf Computer und Internet eigentlich Analphabet ist.“

Beim Barcamp zu Tourismus, Nachhaltigkeit und Neue Medien an der MODUL-Universität in Wien letzte Woche, wurde mir schnell klar, wie recht er hatte. Man kommt sich altmodisch vor, wenn man gedruckte Visitenkarten mit jemanden austauschen will, der ein Poken um den Hals hängen hat. Bis im November die Reisemesse-Saison beginnt, sollte ich besser vorbereitet sein. Auch die Möglichkeiten, die ich in der Verwendung von virtuellen Landkarten gesehen hatte, scheinen längst überholt. „Wer nur auf einen Kartenanbieter setzt, läuft schnell Gefahr,

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Foto: Karola Riegler

dass sich schwarze Löcher oder Ungenauigkeiten einstellen.“ Die Einbindung verschiedener Kartenanbieter – dem Benutzer per Klick zur Auswahl gestellt – ist technisch eher am Puls der Zeit. Unter den Teilnehmern waren Touristiker ein seltener Anblick. Ein Mangel, wie sich im Gespräch mit einigen Technik-Freaks herausstellte. Innerhalb kürzester Zeit traten vielfältige Einsatzmöglichkeiten neuer Technologie für die Freizeitindustrie zutage. Und hier liegt die Stärke von Barcamps. Es sind informelle Treffen, auf denen, wer das wünscht, selbst den eigenen Vortrag in einem Blanko-Veranstaltungsplan einträgt. Die Freiräume, die zwischen den Präsentationen eingeplant sind, lassen ausreichend Zeit für vertiefende Gespräche – gerne auch interdisziplinär.

Auch – oder gerade – wer mit Begriffen wie Semantic Web, Wikis, New Media, Geospatial Web, Blogs oder Mobile Web (noch) nichts oder nur wenig anfangen kann, dem sei eine Teilnahme am nächsten Barcamp ans Herz gelegt. Die Schnittstellen zum Tourismus sind ebenso zahlreich wie die Geschäftsmöglichkeiten. Es werden sicherlich auch in Zukunft nur wenige Reise-Profis den Weg in die „fremde“ Technikwelt wagen. Sie aber werden diejenigen sein, die in Kürze auf die anderen zurückblicken – mit einigem Vorsprung.