20 Fragen an Wien

Nach zwei Jahren in Wien beginne ich langsam mich an die lokalen Eigenheiten zu gewöhnen. Ich „sudere“ und „motschkere“ nach Kräften – wenn auch noch auf Grundkurs-Niveau. Allerdings sticht mir beim „Gewöhnen“ an die lokalen Besonderheiten immer wieder das eine oder andere ins Auge:

  1. Wieso gehen die Tore von Spielplätzen meist nach außen auf? Damit die Kinder einfacher abhauen können, oder um ihnen den Zugang zu erschweren?
  2. Wieso sind die Haltestellen der Straßenbahn meist hinter der Ampel? Damit die Öffi-Nutzer mehr Abgase einatmen während einer Rot-Phase?
  3. Wieso werden, wenn’s eng wird, immer die Fahrradwege wegrationalisiert?
  4. Wie kann mein nicht Deutsch sprechender Nachbar die Mülltrennung verstehen, wenn statt Bildern Buchstaben auf den Containern sind, und dazu das Maskottchen der MA48, das eine Blechbüchse im Haar hat?
  5. Warum hat man bei der Fahrplanauskunft der Wiener Linien immer dann, wenn man mal wirklich eine Frage hat, das Band dran?
  6. Wieso kosten die Fahrscheine in der Straßenbahn mehr als im Vorverkauf? Um Spontannutzer zu bestrafen?
  7. Warum kann man in der Straßenbahn keine Kurzstrecken-Tickets kaufen?
  8. Wieso ist auf Kinderspielplätzen das Ballspielen und Fahrradfahren verboten aber nicht das Rauchen (update August 2010: die meisten Spielplätze haben nun entsprechende Stickers angebracht, mal sehen wann die Umerziehungsphase gelungen ist).
  9. Dienen die dunklen Folien an der Straßenbahnfenstern dazu, dass die Fahrgäste von öffentliche Verkehrsmittel anonym benutzen können, oder damit die Stadterkundung erschwert wird?
  10. Was macht ein nicht Ortskundiger, wenn er wegen der Sperrung vom Südbahnhof den Ausweich-Bahnhof Meidling sucht und nicht weiß, dass die entsprechende U-Bahn-Haltestelle Philadelphia-Brücke heißt?
  11. Wirkt die Aufforderung an den Rolltreppen „Rechts stehen“ politisierend?
  12. Warum hat die U3 in der Station Herrengasse braune Bügel, wenn die Linie Orange ist?
  13. Wäre es nicht sinnvoll, wenn auf dem Bratislover-Prospekt der OEBB der Bahnhof in Bratislava so eingezeichnet wäre, dass man ihn auch findet?
  14. Der Ansager auf der U6 sagt richtig „49ich“ aber falsch „52ik und 58ik“. Wieso diese Sprachvielfalt?
  15. Wieso hat der Fahrkartenautomat am Flughafen Wien-Schwechat keine Auswahltaste für das Fahrtziel „Wien-City“?
  16. Was ist der Erfolgsindikator, wenn die Wiener Linien stolz verkünden, dass sie jeden Tag 100 Tonnen Müll einsammeln?
  17. Wieso muss man sich in der U-Bahn mit der Nase über den Mistkübel bücken, um etwas auf dem Stadtplan nachzusehen?
  18. Warum erhalten Hausfrauen bzw. -männer keine Förderung vom Wiener-Ausbildungsförderungs-Fonds?
  19. Woher soll man wissen, was eine Zusatzwertkarte für die Wiener Linien ist, wenn noch nicht einmal google mit dem Begriff etwas anfangen kann?
  20. Wie kalkuliert denn dieser Bäcker? 2 Semmeln, 2 Laugenstangen und 1 Körnerbrötchen: Das macht dann 3,49 EUR.
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…und draußen stirbt die Reindorfgasse

Am oberen Ende der Gasse, dort nur ein paar Treppenstufen entfernt von der Mariahilfer Straße – der äußeren – brummt unverdrossen Das Cafe Plauscherl in der Reindorfgasse in 1150 Wienein Laster. Der Fahrer raucht genüsslich eine Zigarette. Ebenso gemütlich dreht sich auf der Ladefläche der Asphaltmischer. Sein Inhalt wird von Hand aus Eimern auf den Fahrweg geschüttet: Eine langsame traditionelle Arbeitsweise. Ganz Reindorfgasse: Langsam und mit Tradition.

Direkt gegenüber kündigt ein neonbuntes Schild den Total-Abverkauf eines Modegeschäfts an. Die Mode im Schaufenster war modern als die Reindorfgasse noch prominent war. Heute schlendert man an leeren Schaufenstern vorbei. Das Cafe Plauscherl trotzt mit stoischer Ruhe und den wenigen Stammgästen der Rückzugswut. Kaffee und Imbiss – auch Bier gezapft, der Piff zum Frühstück. Aus dem Radio singt Rainhard Fendrich vom Glück, das ihn verlassen hat. Draußen kämpft die Reindorfgasse ums Überleben.

Eine niedliche Pfarrkirche steht etwas zurückgezogen auf dem mediterran anmutenden Platz mit den Bäumen, Bänken und den betagten Bewohnern, der die Gasse in der Mitte teilt. An die Ecke zur Oelweingasse schmiegt sich der schöne Schanigarten des legendären Gasthaus Quell – auch dort wenig Neues (der letzte Newseintrag auf der Webseite ist acht Monate alt). Ist Dr. Ostbahn in den Ruhestand getreten? Das Siechtum zieht sich ohne erkennbares Muster durch die gesamte – wahrscheinlich ehemals quirlige – Einkaufsstrasse. Leermit mediterranem Charme aber weniger wuseligstehende Geschäfte als Metastasen eines nicht lokalisierbaren Geschwürs.

Lebenserhaltend wirken noch ein paar Geschäfte und Gastronomiebetriebe. Die Firma Urban Tools hat sich  auf die andere Straßenseite vergrößert. Eine Dependance mit integrierter Küche und Essbereich repräsentiert stolz die gelebte Work-Life-Balance der Kreativen. Einige Galerien haben eröffnet in leerstehenden Geschäftsläden. Noch zu wenige Pflaster, als dass man von einem Heilverband reden möchte. In ihrer Betonung des Außergewöhnlichen stellen sie einen angenehmen Gegenpol zur engstirnigen Plakatwerbung der FPÖ dar, die am unteren Ende der Gasse ein Parteibüro innehat.

Kulinarische Berührungspunkte: Die auf Spanferkel und -lämmer spezialisierte Fleischerei – deren Verkäuferin mir auch nach Dutzenden liebevollen Ermahnungen noch immer die Leberkäs-Semmel zum Direktverzehr in Folie einpackt und die Pizzeria Mafiosi. Eingekleidet in eine dunkle Holzvertäfelung, wird man den Eindruck nicht los, eine Räuberhöhle zu betreten. Viel gemütlicher ist es im Innenhof, wo bei Preisen von zwei Euro pro Halbliter-Flasche das Feierabendbier vielen Studenten, Arbeitstätigen – und solchen, die es einmal waren – schmeckt.

agricolus_reindorfgasse_05Nur blitzlichtartig scheint manchmal auch die versteckte Seite der Reindorfgasse geheimnisvoll auf: Routiniert diagnostiziert die Rettungs-Assistentin die Droge, die den jungen Mann im Hauseingang hat zusammenbrechen lassen. Eine unbekannte Welt auch die Beisln mit den austauschbaren Namen, in denen in Lederjacken gekleidete Männer sich vor dem Satelliten-TV räkeln, wenn sie nicht gerade in fremder Sprache geschäftig mit ihren Mobiltelefonen vor dem Gasthaus auf und ab laufen.

Die Reindorfgasse ist eigentlich genau so, wie eine Wiener Gasse – Straßen sind selten im eng bebauten Alt-Wien – sein soll. Leicht verträumt, angenehm gemächlich, einladen gemütlich und etwas verstaubt. Vielleicht ist es diese Patina alter Zeiten, die heute von der kleinen, einst großen Gasse ablenkt. Es bleibt zu hoffen, dass der Fahrradweg, den die Bauarbeiter am oberen Ende gerade errichten, Menschen in die Gasse zieht, die den sanften Wandel zur Kreativ-Meile mit Traditionsbestand so sehr zu schätzen wissen wie ich.

mehr Bilder aus der Reindorfstrasse: auf agricolus.de

Alle Vöglein sind schon da – Fahrradausflug zum Frühlingserwachen am Neusiedler See

Vom Wiener Südbahnhof fährt man mit dem Zug gerade einmal 45 Minuten bis zu dem einzigartigen Flachsee im Burgenland. Etwa 40 Fahrräder im vollbesetzten Zug lassen erkennen, dass viele Wiener den See als Frühlings-Ausflugsziel schätzen. Und man lockt sie mit großformatigen Plakaten: Eine scharf angeschnittene Radfahrerin vor der Kulisse des Schilf bewachsenen See-Ufers fragt platonisch: „Kennen Sie das Gefühl?“ Die Tourismuswerbung des Bundeslandes im Süden Wiens hofiert die Radfahrer als umwelt-, genuss- und gesundheitsbewusste Zielgruppe. X Radwege wurden ausgebaut und eine kostenfreie Karte weist den Weg. Wie wertvoll die Karte ist wird deutlich, wenn man sich ohne sie auf Entdeckungsfahrt begibt. Viermal fragen, vier Antwortvarianten mit vier verschiedenen Richtungsangaben: „Auto-mobil“ denkende, Abkürzungen anratende, ortsunkundig „glaubende“ und Distanz schlecht bewertende Einheimische. Die Beschilderung weist den Weg sporadisch und undetailliert – die Qualität der Wegweiser steht weit hinter der der Wege zurück.

Wenn im Frühjahr die Zugvögel zurückkehren zu ihren Brutplätzen in Europa, verwandelt sich die beschauliche Stille des Sees in einen Tummelplatz von Federvieh. Im Schilfgürtel und den Lacken am Rande des Gewässers ziehen Dutzende, teils sehr seltene und bedrohte, Arten ihre Jungen groß. Die Vielfalt von Sprachen und Autonummern verrät, dass Vogelbegeisterte aus Nah und Fern hier jetzt gerne mit ihren Ferngläsern auf die Pirsch gehen. Dennoch machen sie – zumindest am Wochenende – nur einen Bruchteil der Besucher aus. In den Ausflugslokalen liegt die Aufmerksamkeit der Gäste eher auf den regionalen Wein- und Essens-Spezialitäten als auf den Grauganskolonien jenseits des Zaunes zum Nationalpark.

Während manche Gastwirte das Kommen und Gehen von Touristen aktiv durch Werbetafeln schon auf den Anfahrtswegen forcieren, verzichten andere Betriebe bewusst auf laute Lockrufe. „Wir wollen gar nicht von allen See-Besuchern gefunden werden“, erklärt ein Wirt etwas abseits der Hauptroute, die um den See führt. Seine Gäste kommen, weil sie den kleinen Schankgarten mit dem liebevoll gestalteten Kinderspielplatz den großen Bierbank-Kolonien vorziehen. Immer wieder kommen sie – und sie erzählen ihren Freunden und Bekannten vom Gastgarten mit den hausgemachten Spezialitäten aus der Familienküche und dem hauseigenen Weingarten. Als er die Kondensmilchpackung eilig vom Unterteller vor den starken Windböen rettet, erklärt mir der Wirt entschuldigend, dass er letzte Woche sechs Säcke voll Plastik- und Glasmüll aus den Hecken um sein Haus gelesen habe. „Das Umweltbewusstsein der meisten Touristen ist sehr gering“, beklagt er. Daran habe auch die Auszeichnung des sensiblen Ökosystems zum Nationalpark wenig geändert. Dass nach XY Jahren der Schutzgedanke endlich in der Bevölkerung einigermaßen verankert sei, sei nur ein erster Schritt. „Gerade die Ausflügler müssten besser geschult werden.“

Folgt man dem Radweg weiter nach Norden weg von der Haupt-Schutzzone des Nationalparks prägen zunehmend Ferienhäuser, Eigenheime und Campingplätze mit Seezugang das Landschaftsbild. Die großen Parkplätze vor den Strandbädern sind gut gefüllt mit den Autos sonnenhungriger Badegäste. Kite-Surfer, Segelboote, und Lenkdrachen teilen sich den Wind mit Möwen und Greifvögeln vor der Kulisse der Windkrafträder an den Hängen der Hügel am Horizont. Der See erfreut sich großer Beliebtheit und wohin die Entwicklung des zum Welterbe zählenden Naturjuwels Neusiedler See/ geht ist ungewiss. Das verschlafene Neusiedl, das mir von meinem ersten Österreich-Urlaub mit Oma und Opa vor fast dreißig Jahren in Erinnerung war, hat sich ein eine quirlige Kleinstadt verwandelt. Kurz hinter dem See-Radweg weisen große Schilder auf den städtischen Bauhof hin. Zum Bahnhof muss man sich mühsam durchfragen.

Weitere Fotos vom Neusiedler See

web:  Nationalpark Neusiedlersee-SeewinkelFerienregion Neusiedler See/BurgenlandWelterbe-Region Ferto&Neusiedlersee

On the road again!

On the road again!

Autos dicht gedrängt, kreuz und quer - nicht nur auf diesem Parkplatz ein alltäglicher Anblick

Foto: Autos dicht gedrängt, kreuz und quer – nicht nur auf diesem Parkplatz ein alltäglicher Anblick

Frohgelaunt radele ich in die Stadt; am frühen Morgen ist der Verkehr zum Glück noch nicht ganz so unbeherrscht. „Über das tägliche Kampfschwimmen im Verkehrsfluss müsste die Zeitung mal schreiben“, denke ich, „die haben doch schließlich die Aufgabe die Bevölkerung vor unmittelbaren Bedrohungen zu warnen.“ Aber dafür ist das wilde Miteinander auf der Straße – Resultat des Zusammenlebens von 1000 Menschen pro Quadratkilometer – wohl nicht spektakulär genug. Wie schwierig es ist, Alltag zu beschreiben, hatten wir ja schon. Und ich muss gestehen, dass ich selbst – nach monatelangem Training –rasant wie James Bond zwischen den Autos durchflitze; dauerhaft klingelnd, erst im letzten Moment bremsend, und ohne vernünftiges Verhältnis zum Sicherheitsabstand. Man ist ja anpassungsfähig. Gefahr ist eine Sache der Wahrnehmung und der Gewohnheit.

Ein Bus prescht nachts durch eine Strasse in Kalkutta

Foto: Ein Bus prescht nachts durch eine Strasse in Kalkutta

Wenn ich nicht weiß, dass gleich ein LKW ohne Vorwarnung aus der Hauseinfahrt auf die Straße rast, mache ich mir auch keinen Kummer darum. „Die werden schon bremsen“, denkt sich der Fahrer und blockiert frech die ganze Fahrbahn. Und recht hat er. Mit jedem Mal, dass man eine solche Situation erlebt, sinkt der Puls: 200-180-160… Irgendwann ist die Überraschung weg, die Gefahr verflogen, der Vorgang habituiert, die Pulsfrequenz normal. Angst hat man nur vor dem Unbekannten – und um eben das zu entdecken, gehen wir ja auf Reisen. Man gewöhnt sich an allerhand, wenn man nur genug Zeit hat. Lernen ist eine veränderte Reaktion auf sich wiederholende Impulse. Wenn Lernen wirklich ein wichtiger Bestandteil des Reisens ist, dann tut die zweite Jeep-Fahrt auf unbefestigter Straße ins abgelegene Bergdorf schon weniger weh. Und wird vielleicht zu einer der Hauptattraktionen des Urlaubs.