Von der Hand in den Mund

Von der Hand in den Mund

Die Fussball-EM ist am Start und die Zeitverschiebung klaut mir die Nachtruhe. Ruhe, die ich normalerweise gerne zum Schreiben nutze. Großartig, dass die Dame des Hauses Verständnis hat und mit Feder und Papier Hilfe angeboten hat.

Etwas unsicher lächelnd nimmt unsere Perle Geeta Gabel und Löffel in die Hand, um damit- die wahrscheinlich ersten- Spaghetti ihres Lebens zu essen. Fast bewundernd schaut sie uns zu, wie wir routiniert unser Besteck schwingen. Für sie ist es ganz und gar nicht Routine, denn sie isst , wie die allermeisten Menschen hier in Indien, sonst mit ihren Fingern. Was wiederum uns komisch anmutet, so ohne technische Hilfsmittel die Speisen in den Mund zu befördern.

Von der Hand in den Mund - Essen mit den Fingern
Foto: Beim Picknick am Fluss - Mit der linken Hand ein Bananenblatt halten, mit der rechten das Essen in den Mund schieben.

Ohne Besteck essen, nur mit meinen Fingern? Für Euch bestimmt ein komischer Gedanke, ich kann es mir ehrlich gesagt bei unserem Essen in Deutschland auch nicht vorstellen. Ein belegtes Brot, Pommes oder gebratenes Hähnchen ja, aber alles und immer? Nein, unser Essen ist dafür eher ungeeignet. Im Gegensatz dazu sind die allermeisten Gerichte hier sozusagen gemacht dafür. Die Zutaten sind immer – ganz gleich ob vegetarische oder nicht vegetarische Kost – so klein geschnitten, daß man sie bequem mit den Fingern in den Mund schieben kann. Reis ist obligatorisch, und eignet sich genau wie der Dhal – ein Brei aus Linsen zubereitet, der oftmals als Soße dient – hervorragend zum mit den Fingern essen.

Als ich in der Schule unserer Großen zur Saraswati Puja eingeladen bin, haben die Lehrerinnen Kijhuree für die Gäste zubereitet – eine Mischung aus Reis, Dhal und Gemüse. Als ich anfange mit dem Löffel zu essen, fordert mich eine von ihnen auf, mit den Fingern zu essen: „Sie werden es mehr genießen und es wird Ihnen viel besser schmecken“, sagt sie. Ich folge ihrem Rat und schmecke: Ja, sie hat recht, es ist wirklich mit allen Sinnen geniessen. Man fühlt die Konsistenz und die Temperatur des Essens, und es schmeckt wirklich anders als mit dem Löffel gegessen.

Mittlerweile ist es für uns alle alltäglich geworden und seit ein paar Tagen hat auch der Kleine angefangen alleine zu essen, mit den Fingern natürlich. Dass danach der Tisch, der Boden und auch der ganze, kleine Kerl verkleckert sind, ist nicht anders zu erwarten. Es ist gar nicht weiter schlimm, wenn man miterlebt, wie stolz er ist, daß er alleine essen kann.

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Was? Momo

Was ist „Momo“?

a) südasiatische Ravioli

b) Romanheld

c) Waschpulver

Momo

Als Vegetarier zerkleinere man Kohl, als Fleischfresser wahlweise Schwein, Rind, Huhn oder Büffel und fülle damit ein bierdeckelgroßes Stück Teig. Das Ganze in einen speziellen Dünst-Topf – Kochen ist unangebracht – und fertig sind die Momos, eine tibetische Spezialität, die sich auch in Nordbengalen großer Beliebtheit erfreut.

Sinnverlust

Essen mit den Fingern - Mit allen Sinnen genießen
Essen mit den Fingern - Mit allen Sinnen genießen

„Der Westen“ (was auch immer darunter verstanden wird), hat fürwahr eine besteckende Macht. Es waren dieselben dolldreisten Tourismusexperten, die mir erläutert haben, dass die Gäste mit Besteck zu essen wünschen. Nun, die Gewohnheit mit Besteck zu essen, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Aber es ist nunmal indische Art, mit den Fingern zu essen. „Mit allen Sinnen geniessen“, erklärte mir Jayan. „Es schmeckt einfach besser“, war Bobys Erklärung. Das indische Essen ist Fingerfood. Die Zutaten sind meist mundgerecht zerkleinert. Ausgenommen hiervon sind lediglich Hühnerteile und Brote. Streiten sich bei ersterem noch die Etikette-Experten, so bin ich bei zweiterem doch sicher, dass die Aufnahme mit der Hand keinen Faux-Pas darstellt. Dennoch: In ein international taugliches Restaurant gehört Besteck als Normalausstattung, nicht nur auf Anfrage. Auch Bananenblätter sollen künftig Hausverbot haben, eins zu null fuer das gute Porzellan. Vielleicht hätte ich den einen oder anderen (bisher keine weiblichen) Tourismusexperten einfach zum Essen einladen sollen. Krabbencurry mit Chapati. Mit Messer und Gabel sicherlich eine ganz neue Attraktion: lustige Entertainment-Gastronomie.