Kehre ein, Du Heiligkeit

Dalai-Lama-AT-2012

„Das ist eine prima Gelegenheit für einen interessanten Abend“, dachte ich mir, als ich das Plakat vom bevorstehenden Wien Besuch des Dalai Lama sah. „Komm’ste essen?“, fragt mich die Dame des Hauses, just, als ich dabei bin, die Heiligkeit zum Abendessen einzuladen. „Du hast WEN eingeladen???“, höre ich fünf Minuten später von der Familie. „Warum denn nicht“, frage ich zurück. Immerhin weiß er, dass er hier eine offene Tür hat, selbst wenn es sich nicht ausgeht mit einem Besuch. Und so kam’s dann. Es blieb bei einer sehr freundlichen Absage aus Termingründen. Dann halt beim nächsten Mal.

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20 Fragen an Wien

Nach zwei Jahren in Wien beginne ich langsam mich an die lokalen Eigenheiten zu gewöhnen. Ich „sudere“ und „motschkere“ nach Kräften – wenn auch noch auf Grundkurs-Niveau. Allerdings sticht mir beim „Gewöhnen“ an die lokalen Besonderheiten immer wieder das eine oder andere ins Auge:

  1. Wieso gehen die Tore von Spielplätzen meist nach außen auf? Damit die Kinder einfacher abhauen können, oder um ihnen den Zugang zu erschweren?
  2. Wieso sind die Haltestellen der Straßenbahn meist hinter der Ampel? Damit die Öffi-Nutzer mehr Abgase einatmen während einer Rot-Phase?
  3. Wieso werden, wenn’s eng wird, immer die Fahrradwege wegrationalisiert?
  4. Wie kann mein nicht Deutsch sprechender Nachbar die Mülltrennung verstehen, wenn statt Bildern Buchstaben auf den Containern sind, und dazu das Maskottchen der MA48, das eine Blechbüchse im Haar hat?
  5. Warum hat man bei der Fahrplanauskunft der Wiener Linien immer dann, wenn man mal wirklich eine Frage hat, das Band dran?
  6. Wieso kosten die Fahrscheine in der Straßenbahn mehr als im Vorverkauf? Um Spontannutzer zu bestrafen?
  7. Warum kann man in der Straßenbahn keine Kurzstrecken-Tickets kaufen?
  8. Wieso ist auf Kinderspielplätzen das Ballspielen und Fahrradfahren verboten aber nicht das Rauchen (update August 2010: die meisten Spielplätze haben nun entsprechende Stickers angebracht, mal sehen wann die Umerziehungsphase gelungen ist).
  9. Dienen die dunklen Folien an der Straßenbahnfenstern dazu, dass die Fahrgäste von öffentliche Verkehrsmittel anonym benutzen können, oder damit die Stadterkundung erschwert wird?
  10. Was macht ein nicht Ortskundiger, wenn er wegen der Sperrung vom Südbahnhof den Ausweich-Bahnhof Meidling sucht und nicht weiß, dass die entsprechende U-Bahn-Haltestelle Philadelphia-Brücke heißt?
  11. Wirkt die Aufforderung an den Rolltreppen „Rechts stehen“ politisierend?
  12. Warum hat die U3 in der Station Herrengasse braune Bügel, wenn die Linie Orange ist?
  13. Wäre es nicht sinnvoll, wenn auf dem Bratislover-Prospekt der OEBB der Bahnhof in Bratislava so eingezeichnet wäre, dass man ihn auch findet?
  14. Der Ansager auf der U6 sagt richtig „49ich“ aber falsch „52ik und 58ik“. Wieso diese Sprachvielfalt?
  15. Wieso hat der Fahrkartenautomat am Flughafen Wien-Schwechat keine Auswahltaste für das Fahrtziel „Wien-City“?
  16. Was ist der Erfolgsindikator, wenn die Wiener Linien stolz verkünden, dass sie jeden Tag 100 Tonnen Müll einsammeln?
  17. Wieso muss man sich in der U-Bahn mit der Nase über den Mistkübel bücken, um etwas auf dem Stadtplan nachzusehen?
  18. Warum erhalten Hausfrauen bzw. -männer keine Förderung vom Wiener-Ausbildungsförderungs-Fonds?
  19. Woher soll man wissen, was eine Zusatzwertkarte für die Wiener Linien ist, wenn noch nicht einmal google mit dem Begriff etwas anfangen kann?
  20. Wie kalkuliert denn dieser Bäcker? 2 Semmeln, 2 Laugenstangen und 1 Körnerbrötchen: Das macht dann 3,49 EUR.

Österreich ist Europameister!!!

Aschenbecher in Form einer Riesen-Zigarette
Aschenbecher in Form einer Riesen-Zigarette

Subjektiv habe ich Österreich schon lange als Raucherland wahrgenommen. Gestern bin ich über die Seite der Europäischen Statistik-Behörde EUROSTAT gestolpert und dort gibts dann die objektive Preisverleihung:

Österreich ist Europameister!!!

Kurzbeschreibung: Der Tabakkonsum stellt weiterhin die führende vermeidbare Ursache für Krankheit und Todesfälle in unserer Gesellschaft dar. Er bildet einen hohen Risikofaktor für Herz- und Gefäßkrankheiten, chronische Bronchitis und Emphyseme, Lungenkrebs und andere Erkrankungen. Der Indikator wird definiert als Zahl der aktuellen Raucher, ausgedrückt als prozentualer Anteil an der Bevölkerung. Als aktueller Raucher gilt, wer angibt, täglich oder gelegentlich zu rauchen. Die Daten stammen aus nicht-harmonisierten nationalen Gesundheitserhebungen (HIS, Health Interview Surveys). Die Länder wurden gebeten, die Daten gemäß den Eurostat Leitlinien nachzubereiten. Die HIS-Daten wurden je nach Land in verschiedenen Jahren erhoben, im Zeitraum von 1996 bis 2003.

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Quelle: Eurostat


Austria Tabak

Betriebskrankenkasse Austria Tabak
Betriebskrankenkasse Austria Tabak

Dass man sich in Österreich in besonderer Weise der Raucher annimmt, zeigt auch die Existenz dieser skurrilen Krankenkasse, der Betriebskrankenkasse Austria Tabak.

Die Selbstdarstellung verrät: „Wir wollen ein fairer Partner für Sie sein. Ihre Gesundheit ist unser Anliegen.“

Nicht ganz so fair ist es, dass der Eigentümer von Austria Tabak (fehlende) Sprachkenntnisse zu seinem Vorteil nutzt. Auf der internationalen Seite von Japan Tobacco Inc., dem drittgrößten Tabakkonzern der Welt, ist die Sektion „Smoking and Health“ als Teilbereich der „Corporate Responsibility“ absichtlich nur in englischer Sprache verfügbar.

Please note, this page is intentionally left in English.
Verantwortungsvolle Kommunikation: "Please note, this page is intentionally left in English."

Widerstand

gegen die Qualmerei gibt es aber auch. Er findet sich in Form von Stickern an Laternenpfosten.

Sticker: Smoke Sucks
Sticker: Smoke Sucks
Ka'Tschickistan! - Kampagnenaufkleber
Ka'Tschickistan! - Kampagnenaufkleber

Zur Erklärung sei vermerkt: Ein „Tschick“ ist in Österreich das, was man in Deutschland als „Kippe“ bezeichnet. Und die Kampagne „Ka‘ Tschick ist an! – Keine Kippe ist an!“ richtet sich gegen das Rauchen im Auto:

Dass Zigarettenrauch schädlich ist, hat sich schon herumgesprochen. (Passiv)rauchen im Auto ist besonders gefährlich: Die Schadstoffkonzentration und die Feinstaubbelastung im Wageninneren übersteigen die im Freien erlaubten Grenzwerte bis um das 20-Fache!

Kinder leiden besonders unter den Auswirkungen des Passivrauchens, da ihre Organe und ihr Immunsystem noch nicht voll entwickelt sind. Auch nichtrauchende erwachsene Mitfahrer (und natürlich Sie) sind der höheren Schadstoffkonzentration ausgesetzt.

Darüber hinaus gefährdet Rauchen im Auto die Verkehrssicherheit: Es lenkt ab (Zigarette anzünden, Abäschern, etc.), wirkt sich negativ auf die Konzentrationsfähigkeit aus (der Kohlenmonoxidgehalt im Blut steigt, während der Sauerstoffgehalt im Gehirn sinkt), und nicht zuletzt können noch brennende, aus dem Fenster geworfene Zigarettenstummel gefährliche Brände verursachen.

Darum: verzichten Sie auf die Zigarette im Auto!

www.katschickistan.at

Alles in Ordnung!

"Aus is' - Im Aschenbecher"
"Aus is' - Im Aschenbecher"

Rund 868 Millionen Zigarettenstummel landen jährlich in Wien am Boden: Damit könnte man flächenmäßig 30 Fußballfelder füllen. Ob die Magistratsabteilung 48, zuständig für Sauberkeit und Müllentsorgung in Wien, mit den neuen zigarettenförmigen Sonderbehältnisse dem Werfen von Zigarettentummeln aus dem Autofenster Einhalt gebieten kann, ist fraglich.

Das jährliche Volumen der weggeworfenen Stummel entspricht dem Inhalt von 36.200 Papierkörben. Mit der Aufschrift „Host an Tschick?“ versehene Aschenrohre aus einem feuerfesten Metall- Zylinder sollen jetzt für mehr Sauberkeit sorgen. Die neuen Aschen- Rohre fassen über 1.000 Zigarettenstummel und sind daher auch auf gut frequentierten Plätzen ausreichend dimensioniert. Die Entleerung erfolgt mittels Klappe am unteren Ende, welche die MA 48 selbst entwickelt und beim Patentamt angemeldet hat.

„Es gibt längst keine Ausreden mehr, Zigarettenstummel ordentlich zu entsorgen, das Angebot der MA 48 steht“, so Umweltstadträtin Ulli Sima. Zigaretten benötigen rund ein bis fünf Jahre zum Verrotten. In Grünflächen sind sie nur sehr schwer bis gar nicht zu entfernen. Dass die neuen Aschen- Rohre allein für mehr Sauberkeit in der Stadt sorgen werden, glaubt aber anscheinend auch im Rathaus nur wenige. Deshalb wurde in einer Aussendung der Wiener Rathauskorrespondenz auch gleich vorsorglich darauf hingewiesen, dass „die Wiener WasteWatcher befugt sind, bei Nichtbefolgen der ordnungsgemäßen Entsorgung zu ermahnen, aber auch Organstrafmandate in der Höhe von 36 Euro zu verhängen“.

Quelle: www.austria.com – „Host an Tschick?“ – Wien macht gegen Zigarettenstummel mobil

Fast dasselbe, genau das gleiche

Beobachtender Ausländer zu sein ist in Österreich für einen Deutschen eine etwas komplexere Aufgabe, als es das in Indien war. Die Unterschiede sind viel feiner. Entgegen der optischen Lehre verschwimmen die Konturen offenbar mit der Nähe. Dasselbe Anschauungsobjekt erlaubt verschiedene Ableitungen, wie diese Karten aus einem Kinderlexikon uns lehren.

deutsche und österreichische Ansichtssache.
Bild: Eine Landschaft, zwei kartographische Darstellungen: deutsche und österreichische Ansichtssache.

Ähnlich verhält es sich mit der Grammatik:

Ihre Announce wurde erfolgreich aufgegeben!
Sie wird spätestens am nächsten Werktag freigeschalten.

Aus freigeschaltet wird freigeschalten, und die Monate wechseln im Singular das Geschlecht – aus der Monat wird das Monat.  Das Service heißt es und auch das e-Mail.

Bitte sich festzuhalten - Wiener Straßenbahn
Bitte sich festzuhalten - Wiener Straßenbahn

Aber dafür wird in Österreich ganz rückbezüglich „Bitte“ groß geschrieben.

Baumwoll-Integration

„Wenn Menschen wirklich rationale Wesen wären, würden wir alle in Kartoffelsäcken statt in teuren Markenkleidern herumlaufen. “ An diesem Ausspruch meines Professors mag viel Wahres sein, mein Kompromiss ist: Second Hand und Schnäppchenjagd. Aber selbst die hat mich vor kurzem ins Grübeln gebracht. Ein Diskount-Laden hatte in der Auslage original Österreich-Trainingsjacken für zwei Euro im Angebot. In super Qualität – ein wahrhaftiges Schnäppchen. Was gibt es lange zu Überlegen?

Nun ja: Ich wohne seit letztem September als einer von 40 000 Deutschen in Wien. Und die Jacken – ein Restbestand der EURO 2008 – sind Replika der offiziellen Cordoba 19ÖsterreichFanArtikel_agricolus78 Ausstattung. Nun muss man wissen – wohl kaum ein Österreicher, der es nicht weiß –, dass Österreich im WM-Turnier in Argentinien wie durch ein Wunder Deutschland im Fußball besiegt hat, in Cordoba, am 21. Juni 1978.

Mir kamen Zweifel: Wie wird meine österreichische Umwelt das Tragen einer solchen Jacke aufnehmen? Die Allgemeinheit wird – solange ich den Mund halte – von meiner Kleidung kaum Notiz nehmen. Etwas Anderes ist es im Bekanntenkreis. Dort muss ich nichts mehr sagen, um mich als Deutscher zu Erkennen zu geben. Eine kurze Umfrage brachte Reaktionen von „überintegriert“ bis „schwierige Sache“ zutage. Andererseits: Auf Wiens Straßen sind auch Trainingsjacken aus Jamaika ein durchaus häufiger Anblick. Ein Deutscher mit Cordoba-Jacke wäre eben mal etwas Anderes.

Als ich dann, nach erstmaligem Waschen, einige Zeit später die Jacke Premiere trug, geschah etwas Sonderbares. Auf dem Weg vom Meiselmarkt bis zur Wienzeile – Wiens 15. Bezirk wird von vielen Menschen aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien bewohnt – sind mir an diesem Morgen auf den wenigen Kilometern sage und schreibe viermal Österreich-Jacken Cordoba 1978 begegnet. Getragen meist von Männern im Pensionsalter, dem Aussehen nach durchwegs mit Migrations-Hintergrund. Erste Geschäfte verkaufen die Jacken nun um zehn Euro – ein guter Zugewinn bei zwei Euro Einkaufspreis. Der Markt entfaltet seine Kräfte. Und binnen kurzer Zeit sind Cordoba-Jacken ein alltäglicher Anblick geworden im 15. Bezirk.

Die Erinnerung an das große Glück des kleinen Fußball-Landes, genäht in China und zum Wahnsinnspreis in Billigläden erhältlich, wir allerorten auch von Ausländern geteilt. Ein durchaus willkommener Beitrag zur Integration inmitten der ausgrenzenden Wahlwerbung der FPÖ. An diese Nebenwirkung hatte ich beim Schnäppchenkauf gar nicht gedacht.

…und draußen stirbt die Reindorfgasse

Am oberen Ende der Gasse, dort nur ein paar Treppenstufen entfernt von der Mariahilfer Straße – der äußeren – brummt unverdrossen Das Cafe Plauscherl in der Reindorfgasse in 1150 Wienein Laster. Der Fahrer raucht genüsslich eine Zigarette. Ebenso gemütlich dreht sich auf der Ladefläche der Asphaltmischer. Sein Inhalt wird von Hand aus Eimern auf den Fahrweg geschüttet: Eine langsame traditionelle Arbeitsweise. Ganz Reindorfgasse: Langsam und mit Tradition.

Direkt gegenüber kündigt ein neonbuntes Schild den Total-Abverkauf eines Modegeschäfts an. Die Mode im Schaufenster war modern als die Reindorfgasse noch prominent war. Heute schlendert man an leeren Schaufenstern vorbei. Das Cafe Plauscherl trotzt mit stoischer Ruhe und den wenigen Stammgästen der Rückzugswut. Kaffee und Imbiss – auch Bier gezapft, der Piff zum Frühstück. Aus dem Radio singt Rainhard Fendrich vom Glück, das ihn verlassen hat. Draußen kämpft die Reindorfgasse ums Überleben.

Eine niedliche Pfarrkirche steht etwas zurückgezogen auf dem mediterran anmutenden Platz mit den Bäumen, Bänken und den betagten Bewohnern, der die Gasse in der Mitte teilt. An die Ecke zur Oelweingasse schmiegt sich der schöne Schanigarten des legendären Gasthaus Quell – auch dort wenig Neues (der letzte Newseintrag auf der Webseite ist acht Monate alt). Ist Dr. Ostbahn in den Ruhestand getreten? Das Siechtum zieht sich ohne erkennbares Muster durch die gesamte – wahrscheinlich ehemals quirlige – Einkaufsstrasse. Leermit mediterranem Charme aber weniger wuseligstehende Geschäfte als Metastasen eines nicht lokalisierbaren Geschwürs.

Lebenserhaltend wirken noch ein paar Geschäfte und Gastronomiebetriebe. Die Firma Urban Tools hat sich  auf die andere Straßenseite vergrößert. Eine Dependance mit integrierter Küche und Essbereich repräsentiert stolz die gelebte Work-Life-Balance der Kreativen. Einige Galerien haben eröffnet in leerstehenden Geschäftsläden. Noch zu wenige Pflaster, als dass man von einem Heilverband reden möchte. In ihrer Betonung des Außergewöhnlichen stellen sie einen angenehmen Gegenpol zur engstirnigen Plakatwerbung der FPÖ dar, die am unteren Ende der Gasse ein Parteibüro innehat.

Kulinarische Berührungspunkte: Die auf Spanferkel und -lämmer spezialisierte Fleischerei – deren Verkäuferin mir auch nach Dutzenden liebevollen Ermahnungen noch immer die Leberkäs-Semmel zum Direktverzehr in Folie einpackt und die Pizzeria Mafiosi. Eingekleidet in eine dunkle Holzvertäfelung, wird man den Eindruck nicht los, eine Räuberhöhle zu betreten. Viel gemütlicher ist es im Innenhof, wo bei Preisen von zwei Euro pro Halbliter-Flasche das Feierabendbier vielen Studenten, Arbeitstätigen – und solchen, die es einmal waren – schmeckt.

agricolus_reindorfgasse_05Nur blitzlichtartig scheint manchmal auch die versteckte Seite der Reindorfgasse geheimnisvoll auf: Routiniert diagnostiziert die Rettungs-Assistentin die Droge, die den jungen Mann im Hauseingang hat zusammenbrechen lassen. Eine unbekannte Welt auch die Beisln mit den austauschbaren Namen, in denen in Lederjacken gekleidete Männer sich vor dem Satelliten-TV räkeln, wenn sie nicht gerade in fremder Sprache geschäftig mit ihren Mobiltelefonen vor dem Gasthaus auf und ab laufen.

Die Reindorfgasse ist eigentlich genau so, wie eine Wiener Gasse – Straßen sind selten im eng bebauten Alt-Wien – sein soll. Leicht verträumt, angenehm gemächlich, einladen gemütlich und etwas verstaubt. Vielleicht ist es diese Patina alter Zeiten, die heute von der kleinen, einst großen Gasse ablenkt. Es bleibt zu hoffen, dass der Fahrradweg, den die Bauarbeiter am oberen Ende gerade errichten, Menschen in die Gasse zieht, die den sanften Wandel zur Kreativ-Meile mit Traditionsbestand so sehr zu schätzen wissen wie ich.

mehr Bilder aus der Reindorfstrasse: auf agricolus.de

Barcamp „Tourism 2.0“ – Tourism Sustainability and Social Media

Als ich vor zwei Wochen per skype über eine Internet-Konferenz zum Tourismus und Klimawandel gesprochen habe, sagte der: “Du musst begreifen, dass fast jeder, der älter als 15 Jahre alt ist, im Hinblick auf Computer und Internet eigentlich Analphabet ist.“

Beim Barcamp zu Tourismus, Nachhaltigkeit und Neue Medien an der MODUL-Universität in Wien letzte Woche, wurde mir schnell klar, wie recht er hatte. Man kommt sich altmodisch vor, wenn man gedruckte Visitenkarten mit jemanden austauschen will, der ein Poken um den Hals hängen hat. Bis im November die Reisemesse-Saison beginnt, sollte ich besser vorbereitet sein. Auch die Möglichkeiten, die ich in der Verwendung von virtuellen Landkarten gesehen hatte, scheinen längst überholt. „Wer nur auf einen Kartenanbieter setzt, läuft schnell Gefahr,

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Foto: Karola Riegler

dass sich schwarze Löcher oder Ungenauigkeiten einstellen.“ Die Einbindung verschiedener Kartenanbieter – dem Benutzer per Klick zur Auswahl gestellt – ist technisch eher am Puls der Zeit. Unter den Teilnehmern waren Touristiker ein seltener Anblick. Ein Mangel, wie sich im Gespräch mit einigen Technik-Freaks herausstellte. Innerhalb kürzester Zeit traten vielfältige Einsatzmöglichkeiten neuer Technologie für die Freizeitindustrie zutage. Und hier liegt die Stärke von Barcamps. Es sind informelle Treffen, auf denen, wer das wünscht, selbst den eigenen Vortrag in einem Blanko-Veranstaltungsplan einträgt. Die Freiräume, die zwischen den Präsentationen eingeplant sind, lassen ausreichend Zeit für vertiefende Gespräche – gerne auch interdisziplinär.

Auch – oder gerade – wer mit Begriffen wie Semantic Web, Wikis, New Media, Geospatial Web, Blogs oder Mobile Web (noch) nichts oder nur wenig anfangen kann, dem sei eine Teilnahme am nächsten Barcamp ans Herz gelegt. Die Schnittstellen zum Tourismus sind ebenso zahlreich wie die Geschäftsmöglichkeiten. Es werden sicherlich auch in Zukunft nur wenige Reise-Profis den Weg in die „fremde“ Technikwelt wagen. Sie aber werden diejenigen sein, die in Kürze auf die anderen zurückblicken – mit einigem Vorsprung.

Nasenbluten

by: romanlili on flickr.com
by: romanlili on flickr.com

Seit ich die Kids schon vor 14 Uhr im Kindergarten abhole, verbringe ich so einige Zeit auf Kinderspielplätzen (Erwachsenenspielplätze sind leider selten – dies am Rande). Eines Tages war eine Hortgruppe zu Gast und die einzige Betreuerin widmete hektisch ihre Aufmerksamkeit überwiegend einem einzigen Kind: Dem mit dem Nasenbluten. Mit einem Auge immer nach der Meute auf dem Spielplatz schielend, hielt sie den Kopf des Jungen und erklärte gebetsmühlenartig: „Du musst den Kopf nach unten halten – ich presse dir feuchte Tücher auf die Stirn.“ Die feuchten Tücher wurden über eine filigrane Lieferkette von den Kindern erst trocken zum Brunnen und dann feucht wieder zurück gereicht.

Ich wunderte mich: „Der Kopf muss ins Genick. Sonst hört das nie auf.“ Meine Bank-Nachbarin, mit der ich den Gedanken teilte, schlägt vor: „Hinlegen und ein feuchtes Tuch in den Nacken.“ Aber wir schwiegen. Nicht so die drei Frauen, die im Verlauf der nächsten Minuten die Erzieherin mit guten Ratschlägen versorgten. Die erste schlug vor, die Nasenflügel zusammen zu drücken. Die zweite riet: „Fest an der Nasenwurzel pressen.“ Der Vorschlag der dritten, einen Bindfaden ums Handgelenk zu binden, wurde mangels Schnur ohnehin gleich abgelehnt. Aber die Erzieherin blieb standhaft. Nach circa einer Stunde, geschätzten zwei Litern Blut und vierzig Taschentüchern hörte die Blutung endlich auf. Die beratungsresistente Erzieherin hatte offenbar recht mit ihrer Heilmethode.

weitere Infos: Verband unabháengiger Blutspendedienste im deutschsprachigen Raum

Alle Vöglein sind schon da – Fahrradausflug zum Frühlingserwachen am Neusiedler See

Vom Wiener Südbahnhof fährt man mit dem Zug gerade einmal 45 Minuten bis zu dem einzigartigen Flachsee im Burgenland. Etwa 40 Fahrräder im vollbesetzten Zug lassen erkennen, dass viele Wiener den See als Frühlings-Ausflugsziel schätzen. Und man lockt sie mit großformatigen Plakaten: Eine scharf angeschnittene Radfahrerin vor der Kulisse des Schilf bewachsenen See-Ufers fragt platonisch: „Kennen Sie das Gefühl?“ Die Tourismuswerbung des Bundeslandes im Süden Wiens hofiert die Radfahrer als umwelt-, genuss- und gesundheitsbewusste Zielgruppe. X Radwege wurden ausgebaut und eine kostenfreie Karte weist den Weg. Wie wertvoll die Karte ist wird deutlich, wenn man sich ohne sie auf Entdeckungsfahrt begibt. Viermal fragen, vier Antwortvarianten mit vier verschiedenen Richtungsangaben: „Auto-mobil“ denkende, Abkürzungen anratende, ortsunkundig „glaubende“ und Distanz schlecht bewertende Einheimische. Die Beschilderung weist den Weg sporadisch und undetailliert – die Qualität der Wegweiser steht weit hinter der der Wege zurück.

Wenn im Frühjahr die Zugvögel zurückkehren zu ihren Brutplätzen in Europa, verwandelt sich die beschauliche Stille des Sees in einen Tummelplatz von Federvieh. Im Schilfgürtel und den Lacken am Rande des Gewässers ziehen Dutzende, teils sehr seltene und bedrohte, Arten ihre Jungen groß. Die Vielfalt von Sprachen und Autonummern verrät, dass Vogelbegeisterte aus Nah und Fern hier jetzt gerne mit ihren Ferngläsern auf die Pirsch gehen. Dennoch machen sie – zumindest am Wochenende – nur einen Bruchteil der Besucher aus. In den Ausflugslokalen liegt die Aufmerksamkeit der Gäste eher auf den regionalen Wein- und Essens-Spezialitäten als auf den Grauganskolonien jenseits des Zaunes zum Nationalpark.

Während manche Gastwirte das Kommen und Gehen von Touristen aktiv durch Werbetafeln schon auf den Anfahrtswegen forcieren, verzichten andere Betriebe bewusst auf laute Lockrufe. „Wir wollen gar nicht von allen See-Besuchern gefunden werden“, erklärt ein Wirt etwas abseits der Hauptroute, die um den See führt. Seine Gäste kommen, weil sie den kleinen Schankgarten mit dem liebevoll gestalteten Kinderspielplatz den großen Bierbank-Kolonien vorziehen. Immer wieder kommen sie – und sie erzählen ihren Freunden und Bekannten vom Gastgarten mit den hausgemachten Spezialitäten aus der Familienküche und dem hauseigenen Weingarten. Als er die Kondensmilchpackung eilig vom Unterteller vor den starken Windböen rettet, erklärt mir der Wirt entschuldigend, dass er letzte Woche sechs Säcke voll Plastik- und Glasmüll aus den Hecken um sein Haus gelesen habe. „Das Umweltbewusstsein der meisten Touristen ist sehr gering“, beklagt er. Daran habe auch die Auszeichnung des sensiblen Ökosystems zum Nationalpark wenig geändert. Dass nach XY Jahren der Schutzgedanke endlich in der Bevölkerung einigermaßen verankert sei, sei nur ein erster Schritt. „Gerade die Ausflügler müssten besser geschult werden.“

Folgt man dem Radweg weiter nach Norden weg von der Haupt-Schutzzone des Nationalparks prägen zunehmend Ferienhäuser, Eigenheime und Campingplätze mit Seezugang das Landschaftsbild. Die großen Parkplätze vor den Strandbädern sind gut gefüllt mit den Autos sonnenhungriger Badegäste. Kite-Surfer, Segelboote, und Lenkdrachen teilen sich den Wind mit Möwen und Greifvögeln vor der Kulisse der Windkrafträder an den Hängen der Hügel am Horizont. Der See erfreut sich großer Beliebtheit und wohin die Entwicklung des zum Welterbe zählenden Naturjuwels Neusiedler See/ geht ist ungewiss. Das verschlafene Neusiedl, das mir von meinem ersten Österreich-Urlaub mit Oma und Opa vor fast dreißig Jahren in Erinnerung war, hat sich ein eine quirlige Kleinstadt verwandelt. Kurz hinter dem See-Radweg weisen große Schilder auf den städtischen Bauhof hin. Zum Bahnhof muss man sich mühsam durchfragen.

Weitere Fotos vom Neusiedler See

web:  Nationalpark Neusiedlersee-SeewinkelFerienregion Neusiedler See/BurgenlandWelterbe-Region Ferto&Neusiedlersee