Meine erste Fotoausstellung

„La main d’oevre“, so sagen die Franzosen zur Arbeit. Klingt allemal besser als Handarbeit, der Titel, den ich mir ursprünglich für die Fotokollektion ausgedacht hatte. Schön, wenn man frankophile Freunde hat, im konkreten Fall Joachim vom Weddingweiser-Blog. Aber auch ohne hochtrabenden Titel hätten die Bilder, die ich von arbeitenden Händen in Indien gemacht habe, Sophia vom Café Aman! in Berlin wohl gefallen. Sie hat jedenfalls gleich zugestimmt, als ich Sie nach einer Ausstellungsfläche gefragt habe.

Seit 29. August hängen die Bilder nun in der Sprengelstraße in Berlin-Wedding und können dort täglich ab 17 Uhr angeschaut werden.

Die Werbung für die Vernissage kam übrigens vom Nr. 1 Blog für den Wedding.

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Stürmisches Wasser in Brandenburg

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Letzte Woche noch Motorradwetter, nun Schneegestöber und Sturmwarnung in Berlin. Pünktlich zum Ferienbeginn. Was tun? Frei nach dem Motto „Unbekannte Weiten entdecken“ haben wir der Hauptstadt den Rücken gekehrt und uns – kurz vor dem Start der BUGA – in Brandenburg an der Havel und auf der Havel eingerichtet. Unser Floß heißt Albert, so wie der Einstein, und es schaukelt nun schon ganz beachtlich. Im Hintergrund lalülalat die Feuerwehr auf der Suche nach aufgerollten Blechdächern und fliegenden Ästen. Wir haben versprochen, das Floß am Anleger zu lassen. Vermutlich eh eine kluge Wahl.

Europarc Conference 2013 Hortobágy National Park

Auf dem Boden liegend: Ganz nah am Summen der größten Steppe Europas

Der Einladung in die ungarische Steppe, um als Redner einen Kommunikationsworkshop bei der Europarc Conference zu mitzugestalten, bin ich gerne gefolgt.  Vom 9. bis 13. Oktober 2013 traf sich die Creme de la Creme der europäischen Schutzgebietsmanager in Debrecen zum Erfahrungsaustausch.

“40 years Working for Nature”Integrated Management of Protected Areas – 2013The 2013 conference was hosted by the  and in Debrecen, Hungary from October 9 – 13, 2013

Vielleicht interessiert sich jemand für den offiziellen Konferenzreport

Von Hand zu Fuß

Altes Plakat der Rodalbkinder Schuhfabrik„Ich weiß nicht ob ich der letzte im Landkreis bin, der noch Schuhe von Hand macht, aber viele sind wir nicht mehr.“ Schuhproduktion hat im Pfälzer Wald Tradition. Alleine im Ort Rodalben gab es zeitweilig 38 Schuhfabriken, heute ist Johannes Wagner ein Unikum im Ort.

Nach dem Maßnehmen wird aus Lederstücken, Klettverschluss, Ösen und Gummisohle in knapp eineinhalb Stunden ein fertiger Kinderschuh. Herr Wagner läuft selbst von Maschine zu Maschine. Der Stanzer mit den Formen in verschiedenen Schuhgrößen steht im Erdgeschoss, die Nähmaschinen zum Absteppen der Lederteile im Stockwerk darüber. „Früher hatten wir bis zu zwanzig Angestellte hier; 270 Paar Schuhe sind hier am Tag gemacht worden.“, erzählt der rüstige Sechsigjährige. Gegründet hatte vor über fünfzig Jahren sein Vater den Betrieb. Damals war die große Zeit der pfälzischen Schuhe schon am Abklingen, aber in der Nische konnte man leben. Gemeinsam mit dem Bruder übernahm er den Betrieb. Ehrensache. „Mit der Herstellung hatte ich ursprünglich gar nichts zu tun. Ich war kaufmännischer Leiter.“ Nach dem Ausscheiden des Bruders – der hatte die Produktion geleitet – kam die Sinnfrage. Wagner entschied sich für Gesundschrumpfen und Weitermachen. Und brachte sich selbst alle Prozesse, Tricks und Kniffe bei. Da war er 58. Seither macht er meist Spezialschuhe auf Maß für Orthesen-Träger. „Viel ist es nicht, aber ich muss heute auch nicht mehr davon leben. Es ist ein schöner Zeitvertreib und eine sinnvolle Ergänzung.“ Dass er mit einem ostasiatischen Lohnniveau weder mithalten kann noch will, ist klar. Bezahlbar sind seine Schuhe dennoch allemal. Und das Erlebnisprogramm beim Entstehen des eigenen Schuhs zuzuschauen, das ist für Kinder und Erwachsene ohnehin einiges Wert.
http://www.rodalbkinder.de

Hamburg – Hansestadt auf Eis

Hamburg begrüßt uns in aller Ruhe bei eisigen fünfzehn Grad minus. Der Nachtzug aus Wien kommt um 8:00 Uhr an, die Tourist-Info am Hauptbahnhof öffnet um 9:00. Ein Glück, möchte man sagen, sonst wäre uns womöglich ein vorzügliches Frühstück mit Rührei, Körnerbrötchen und heißer Milch erspart geblieben. Die Bäckerei auf dem Bahnhofsvorplatz wirbt auf den Tischsets mit Lehrstellen-Casting inklusive Facebook-Fanpages: Freundliches Fachpersonal möchte man ausbilden – von Aushilfskräften scheint man an der Elbe wenig zu halten

Bestückt mit einer günstigen Gruppen-Tageskarte für 9,90 EUR – die hätte vor neun sowieso noch nicht gegolten – verlassen wir die Tourist-Info mit Wegwerf-Stadtplan und dem Tipp, dass die Streckenführung vom 112er Bus einen schönen Eindruck von Hamburgs Sehenswürdigkeiten ermöglicht. In mollige Wärme gehüllt kutschern wir eine halbe Stunde durch Wohn- und Gewerbegebiete bis zur Endstation „Hammerbrookplatz“ Der Hammerbrook wurde im zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört. Auf den Trümmern des demolierten Areals entstanden nach und nach Gewerbeflächen und wenige Wohnanlagen. Umso mehr freut uns der winterlich verlassene Spielplatz – nach der langen Nachtzugreise ein schöner Ausgleich für die Kinder. Das kleine Wohngebiet ringsum strahlt diese gewisse Gemütlichkeit der Vorstadt aus. Der Gratis-Stadtplan versagt. Laut Streckenplan an der Bushaltestelle sind wir irgendwo in Planquadrat T 23. Nicht janz weit draußen, aber schon ein Stück entfernt vom innerstädtischen Rummel.

Unsere Gastgeber schütteln fragend den Kopf, als wir von unserer ersten Stadtexkursion erzählen. Sie wohnen tatsächlich weit draußen am Stadtrand. Ein Häuschen im Grünen für die freundliche Familie mit drei Kindern. Tag zwei beginnt also mit Schlittschuhlaufen auf dem Weiher im nahegelegenen Wald. Der Nachmittag ist dem Besuch des historischen Bauernhofs im „Nachbardorf“ gewidmet: Volksdorf trägt den ländlichen Charakter noch im Namen, ist aber längst Stadtteil. Um einen adretten Platz gruppieren sich kleine Läden, Gallerien, Handwerksbetriebe und dreistöckige Mehrfamilienhäuser. Erstaunlich ist die Bäckereidichte. Auf knapp 20.000 Einwohner von Volksdorf kommen sage und schreibe acht Bäcker – man entschuldige, wenn ich nicht alle entdeckt habe. Hier scheint Brot noch was zu gelten.

Was ist das größere Glück: Der Tipp mit der Mittagsandacht im Michel oder der Fund des Wochenmenü-Flyers vom Seemannsheim Krayenkamp? Dankbar nehmen wir beides wahr – zumal ob der räumlichen und zeitlichen Nähe. St. Michaelis, so der offizielle Name des Hamburger Wahrzeichens, erstrahlt nach abgeschlossener jahrelanger Sanierung in neuem Glanz. Besonders prunkvoll hat man das Orgelwerk renoviert. Eine alte Frau hatte durch eine großzügige Spende die Wiederherstellung des im Kriegs zerstörten Fernwerks finanziert. Über einen Kanal werden die Klänge der Orgel in die Mitte der Kuppel übertragen. Aus drei Richtungen kommen die Töne – alles ist Klang. Tamuna lauscht mit weit offenem Mund, Samiran wirkt fast eingeschüchtert von dem akustischen Feuerwerk. Nach der geistigen Stärkung kümmern wir uns um das leibliche Wohl. Tamuna, die seit kurzem nur noch „gutes Fleisch“ essen will, probiert am Großneumarkt die Rossbratwurst. Pferde scheinen moralisch unbedenklich zu sein. Wir sind als Landratten zwar ungewöhnliche, aber dennoch willkommene Gäste zum Mittagessen im Seemannsheim. Klischee lass nach: es gibt dort Grünkohl mit Kochwurst und Mettenden, als Alternativ-Menü steht Kohlroulade auf der Speisetafel. Lokales Essen, gut und günstig, in exklusiver Atmosphäre. Toll.

Zwischen dem Michel und der Reeperbahn überwacht ein überlebensgroßer Bismarck die Bauarbeiten in seinem Vorgarten. Vieles ist in Hamburg in Bewegung – wie wir beim Besuch des Stadtmodells in der Wexstrasse lernen. Mit der Hafencity entsteht ein komplett neuer Stadtteil, der die Hamburger City um 40 Prozent erweitern und Tausenden neuen Bewohnern Platz bieten wird. Es ist das größte innerstädtische Bauprojekt Europas. Neue Kai-Anlagen entstehen auch, um die zunehmende Anzahl von gigantischen Kreuzfahrtschiffen abzufertigen. Dem wirtschaftlichen Segen, den dies bringt, steht auch Verdruss entgegen. Wir lernen von einem Städteplaner, dass es gar nicht so einfach ist, die Schiffe während des Landgangs mit Strom zu versorgen. Eine internationale Norm für Stromspannung und verwendete Stecker etc. gibt es offenbar nicht. Also bleibt der Motor an – zum Glück neuerdings mit „relativ“ umweltfreundlichem Schiffsdiesel. Schweröle dürfen auf dem Binnengewässer nicht mehr verbrannt werden. Bis die neue Landstromanlage fertig ist, müssen die Einwohner der Umwelthauptstadt 2011 wohl mit dem Gestank und den Abgasen aus dem Schiffsrumpf leben. 120 Kreuzfahrtschiffe verpesten die Luft im gleichen Umfang wie 50.000 Autos jährlich. Aber das sind alles kleine Fische:12.000 Frachtschiffe werden jährlich im Hamburger Hafen abgefertigt. Und auch die schalten die Dieselaggregate nicht ab.

Vielleicht hätte Astrid Lindgren ja eine Idee, wie man das alles ganz praktisch lösen kann. Der schwedischen Kinderbuchautorin ist eine Ausstellung im Schulmuseum St. Pauli gewidmet. Während Samiran auf dem kleinen Onkel aus Pappmache reitet und Tamuna ihren Beitrag „Villa Kunterbunt im Sommer“ für den Malwettbewerb vorbereitet, erfahren wir spannende und lustige Hintergrund-Geschichten zu Pippi Langstrumpf, Ronja Räubertochter, Karlsson vom Dach, den Kindern von Bullerbü und wie die kleinen Helden sonst noch alle heißen. Auch deren Erfinderin erscheint in ganz neuem Licht – als Preisträgerin des Friedenspreises des deutschen Buchhandels und des Alternativen Nobelpreises.

Ein besonderes Geschenk macht uns zum Abschied die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt. Sie gibt nach langem Abwarten bei 20 Zentimeter Eisdicke die Außenalster frei für Eisläufer und Fußgänger. Ein seltenes Vergnügen und eine wundersame Erinnerung: Auf dem Weg zum Bahnhof übers Wasser gelaufen zu sein.

Winnie the poux

Ein wahrlich tierischer Herbst ist vorbei. Gemeinsam mit den Zugvögeln sind wir Anfang November in Südwest-Frankreich eingetroffen. Im Gepäck tierische Begleiter. Zum einen als Gute-Nacht-Lektüre für die Kinder die Gesamtausgabe von „Pu der Bär“ – im Englischen Originaltitel „Winnie-the-Pooh“. Das zweite animalische Gepäckstück ist ebenfalls ein Pu: Poux ist die französische Bezeichnung für Läuse.

Männliche Kopflaus (By Gilles San Martin [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons)

Männliche Kopflaus (By Gilles San Martin [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)%5D, via Wikimedia Commons)

Nach einigen Tagen unbemerkter Vermehrung wimmelt es auf den Kinderköpfen. Wir schlußfolgern, dass es sich um ein Souvenir von der Nachtzugreise handelt, das dann von Kind zu Kind Ausflüge übernommen hat. Erst von Tamuna zu Samiran, danach zu den vier Kindern unserer Gastfamilie. Es gibt Momente, wo man kaum dankbar genug sein kann, bei Privatleuten untergekommen zu sein. Eine Lausbehandlung in einem Hotel muss der Horror schlechthin sein. Wir behandeln binnen einer Woche alle Köpfe – kindlich wie erwachsen – zweimal mit der chemischen Keule und waschen sämtliche Kleider und sonstigen Textilien. Die Waschmaschine läuft rund um die Uhr, die großen Teile wie Bettwäsche gehen in den Waschsalon. Zum Glück erlauben Außentemperaturen von fast 20 Grad schnelles Trocknen an der Sonne. Fraglich wie eine solche logistische Meisterleistung in einem öffentlichen Raum funktionieren soll. Wir profitieren noch heute von den Erfahrungen. Kaum aus dem Urlaub zurück flattern aus Schule und Kindergarten die Warnzettel ein: „Es sind Fälle von Lausbefall aufgetreten“. Also startet Behandlungsmarathon Nummer zwei. Nach insgesamt 80 Euro Ausgaben für französische und österreichische Anti-Laus-Chemie,  zweifachem Komplett-Waschprogramm und 15 Zentimeter Haarverlust bei den Kindern – zwecks erträglicherem Auskämmen mit dem Lauskamm – klingelt letzte Woche das Telefon: Der Kindergarten. Bei Samiran, am selben Morgen amtsärztlich als lausfrei testiert, wurde eine Laus gefunden. Ob schlechter Witz oder Ironie des Schicksals, er muss wieder in Behandlung. Diesmal mach ich mich vorher ein wenig schlau und finde zweierlei heraus: Mayonnaise scheint als Hausmittel bestens geeignet – und das spart richtig Geld. Ammenmärchen scheinen ebenso schwer loszuwerden wie die Lauseier selbst:  Läuse werden nur selten von Kapuze zu Kapuze übertragen, Nissen an den Haarspitzen sind gefährlich,…. Die neuen Therapie-Optionen nehmen dem Lausangriff etwas den Schrecken.

England – Der Süden

Das Pfund steht günstig wie nie, höchste Zeit die britische Insel einmal jenseits der englischen Haupstadt zu erkunden.
Wir sind zu Gast bei einer jungen Dame, die uns im Frühjahr in Wien beehrt hat. Dandylion – Pusteblume, so ihr klingender Name, ist eine Seele von Mensch. Sie redet gerne über die großenThemen; über Dinge, die viel mit der Zukunft, mit einer gerechten Gesellschaft, mit einer Welt ohne Grenzen zu tun haben. Dinge, die man (leider) selten mit Teens diskutiert – geschweige denn auf einem so souveränen Niveau. Man merkt ihr an, dass sie als Jugendvertreterin auf vielen internationalen Konferenzen die englische Delegation vertreten hat. Mit ihr gemeinsam fahren wir mit dem Mietwagen die Grafschaften Hampshire, Dorset und Sommerset ab und entdecken allerhand Spannendes am Wegesrand.

Ein wenig exzentrisch – oder: Vom gepflegten Landleben

Exzentrisch seien die Engländer, so sagt man. Nach einem langem Fußmarsch auf der Suche nach einem Biobauernhof – wir wollen das Chilifest besuchen – stranden wir ziemlich ausgepowert auf einem Landgut. Der Hausherr empfängt uns verwundert, eine Wandergruppe inkl. zwei Kleinkindern ist offenbar ein seltener Anblick. Zum Nachbarhof – unserem eigentlichen Ziel – seien es noch einige Meilen, zu Fuß kaum zu schaffen. „Darf ich Ihnen einen Tee anbieten?“, lädt er uns in sein Haus ein. Der vermeintliche Altbau entpuppt sich als Jungspunt. Er habe es in Fachwerk-Technik mit frischem Holz bauen lassen und durch das Verziehen des Holzes habe sich ein antiker Touch quasi von selbst ergeben. Sein Stolz sei aber das Nebengebäude. Was von außen wie eine Scheune aussieht, ist in Wirklichkeit ein Konzertsaal mit Bühne und Rangbestuhlung. Wir staunen nicht schlecht. „Hier auf dem Land gibt es nur ein eingeschränktes Kulturangebot, da muss man selbst aktiv werden.“, verkündet unser Gastgeber. Seine Kinder seien Musiker und so organisiere die von ihm ins Leben gerufene Gesellschaft für klassische Musik regelmäßig exklusive Konzerte mit hochrangigen Virtuosen.
Als wir im Landrover den Nachbarhof erreichen, ist das Chilifest schon vorüber. Unseren Gastgeber scheint das fast zu freuen. Er zeigt uns als Alternativprogramm sein bescheidenes Anwesen. Felder soweit das Auge reicht, Weiden für hunderte von Kühen, ein eigener Mähdrescher, Obstbäume, Vogelreservate – eben die Basisausstattung für ein sehr gepflegtes Landleben.

Extrem links – Unterwegs auf Englands Straßen

Das Fahren auf der „falschen“ Straßenseite bedarf der Gewöhnung. Zum stressfreien Üben seien dem rechtsgepolten Kontinent-Bewohner weder die Londoner Innenstadt noch die schmalen Landstraßen von Hampshire empfohlen. Zweimal bricht das Gewohnheitstier im Gegenverkehr durch: Instinktiv das Lenkrad verrissen und PENG: Reifen kaputt. Ein Ersatzrad zählt nicht zur Grundausstattung im Kofferraum eines Mietwagens, für einen gewöhnlichen Platten würde das alternativ beigefügte Flickspray vermutlich ausreichen. Aber die 15 Zentimeter langen Cuts hätte ich höchstens mit Bauschaum abdichten können.
Kann man es den Kindern verdenken, wenn nach einem Tag geprägt von historischen Innenstädten, Kulturdenkmälern und grandiosen Landschaften die Fahrt mit dem Abschleppwagen die einzig nennenswerte Erinnerung ist?

Mystisches Südengland

Überhaupt: Was Kinder sich so alles denken. Der Riese von Cerne Abbas schmückt einen ganzen Hügel aus. Die Ausmaße sind beeindruckend. Während wir über die technische Leistung philosphieren kichert unser Nachwuchs: „Schau mal, was der für einen riesigen Penis hat.“
In Stonehenge schützt ein Zaun das Weltkulturerbe vor allzu aufdringlichen Besuchern. Wir umwandern das Steinmonument und rasten auf der Wiese unweit von zwei in tiefer Meditation versunkenen Chinesen. Als einer der beiden „aufwacht“, spreche ich ihn an, ob denn dies auch für Asiaten ein magischer Ort sei. „Ich hab nichts gespürt.“, sagt mein Gesprächspartner, „aber mein Kumpel sitzt nun schon seit ein paar Stunden hier und ist total entrückt.“ Vermutlich hat er die besseren Sensoren.
Der Zauber von Glastonbury hingegen scheint tatsächlich massentauglich. Die esoterische Literatur beschreibt den Ort als Schnittstelle mehrerer Ley-Linien. Es wird vermutet, dass das viel besungene Avalon hier verortet war. Und das scheint Grund genug, dass sich in der Innenstadt so ziemlich alles findet, was spirituell angehauchte Menschen zu benötigen brauchen: Geschäfte mit Hippie- und Gothic-Kleidung, Headshops und Geistheiler, New-Age-Seminarräume und Selbstfindungs-Workshops. Auch ein quasi buddhistisches Zentrum fehlt nicht. Quasi, weil es wie eine Mischung zwischen Zen-Garten, Hindutempel und Wallfahrtsort für die Muttergöttin erscheint. Wir erklimmen das berühmte Glastonbury Tor im strömenden Regen querfeldein durch die Schafweiden. Der Lohn für unsere pitschnasse Kleidung ist die relative Ungestörtheit – die Reisebus-Massen verdingen sich offenbar derweil beim Afternoon Tea in einer lokalen Konditorei -, die Strafe sind 100 Meilen Autofahrt mit angelaufenen Scheiben.

Vier Wände aus Heimwerkerzubehör

Manchmal mutiere ich zum Trüffelschwein für ungewöhnliche Entdeckungen. So bei der Anfahrt in die oben erwähnte Stadt Glastonbury. Mich gelüstet nach einem Kaffee, ein Schild an einem Bauzaun weist den Weg zu einem Kiosk in einem ehemaligen Industriegebiet. Wir kommen ins Plaudern mit dem Besitzer und erfahren, dass wir inmitten eines Community-Projects stehen. Nach jahrelangem Leerstand und kostenintensivem Rückbau hat die Stadt die Segel gestrichen und die Nutzung der Industriebrache einer Bürgerbewegung zuerkannt. Seither wird gehämmert, gestrichen, verkabelt und gebohrt was das Zeug hält. Das Schmuckstück des Projekts steht zwischen den riesigen Hallen und sieht aus wie eine Bauhütte mit Satteldach. Das Besondere: Das ganze Haus hat gerade einmal 300 Pfund gekostet, wie uns der Kioskbesitzer erklärt. Wie bitte? Das Prinzip ist einfach: Ein Heimwerker-Markt verteilt jährlich an alle Haushalte einen sehr kompakten Katalog. Nach einem Aufruf an die lokale Bevölkerung, die durchaus an Backsteine erinnernden Papierklötze nicht dem Altpapier zu überantworten, sondern sie stattdessen abzugeben, war genug Rohmaterial da für einen Hausbau. Der Dachstuhl wurde von einer lokalen Zimmerei gestiftet, die Spanplatten für den Bodenbelag stammen ebenfalls aus Spenden. „Wir wollen zeigen, was man alles aus Abfall herstellen kann, wenn man nur ein wenig Kreativität und guten Willen dazugibt.“, erklärt uns der Bauleiter. Wir sind beeindruckt: Urban Mining auf höchstem Niveau.