Eine Hommage an den Glitzi-Schwamm

Eine Hommage an den Glitzi-Schwamm

Hat man einige Monate in einem anderen Land verbracht, ist laut Kulturschock-Modell die Euphorie meist vorüber und es macht sich Ernüchterung breit. Ob das bei uns zutrifft soll hier nicht Thema sein. Jedoch wächst kontinuierlich die Anzahl der kleinen Alltäglichkeiten und Annehmlichkeiten, die man – Jahrzehnte lang an sie gewöhnt – mehr und mehr vermisst. “Brot” werden jetzt die einen denken, ein Klassiker unter den Heimwehsymptomen der Teutonen. “Fleischkäse” mögen die Saarländer meinen, oder “Schwenkbraten”, ganz klar. Fürwahr, man wäre nicht abgeneigt. Aber es geht heute nicht um Essen – die Vielfalt der bengalischen Küche hält man gerne lange aus. Obwohl wir ja schon die Vorzüge unserer Perle gepriesen haben, geht es um banale Artikel des Haushaltes.

Klobürste Indien
Klobürste mit einseitiger Ausrichtung links, die Rundum-Variante zur rechten.
Kinderstuhl aus Rattan
Spezialanfertigung Kinderstuhl

Gestern waren wir in vier Fachgeschäften, bevor wir endlich einen Dosenöffner gefunden haben. Kokosnuß-Ausschaber gab es überall, aber Dosenöffner? Ähnlich ging es uns mit unserer Klobürste. Seit Wochen suchen wir ein Modell mit “Rundumbebürstung”. Vor einigen Tagen waren wir endlich erfolgreich – ein Export aus Thailand. Wär hätte gedacht, dass man so etwas mal vermissen würde. Beleuchtung und Kindersitze für das Fahrrad – wenn es derartiges gibt, dann entspricht es nicht unseren Vorstellungen. Auch unsere Messer mussten wir mehrfach nachschleifen lassen, bevor sie die Ähnlichkeit mit einem Hammer verloren haben. Ein Gitterbett für den Kleenen haben wir extra aus Schilfrohr anfertigen lassen, ebenso einen Hochstuhl. Detailierte Baupläne wurden skizziert und erklärt. Das Ergebnis entspricht zweifellos unserem Auftrag. Ein Bett mit Gitterrahmen und ein Barhocker mit Rundumlehne, an der man einen Gurt befestigen kann. In der Praxis getestet, wurden die Mängel augenfällig. Der gewünschte Abstand der Gitter wurde nicht eingehalten, der Kopf des Kleinen passt fast durch. Fast. Aber halt nicht ganz (zum Glück?). Resultat: Patt. Ohne fremde Hilfe gibt es kein Vor und kein Zurück. Das bestellte fünfte Bein des Stuhles wurde nachgerüstet, nachdem der Kleene – wie vorausgesehen und dem Handwerker auch erklärt – sich beim Essen kräftig am Tisch abgestoßen hat. Kindersicherheit ist eben kein Fall für Kompromisse. Das Spülmittel macht nicht sauber und die Spüllappen halten nur drei Waschgänge aus. Da nutzt es auch nichts, dass zum Spülen gewöhnlich kaltes Wasser verwendet wird. Lange leben sollen sie, die Fettlösekraft von Pril und die Doppelbeschichtung von Glitzi-Schwämmen.

Die Welt ist reich an den unterschiedlichsten Gewohnheiten und diese Vielfalt hat einiges für sich, versichern wir als treue Fans des kulturspezifischen Marketings. Eine Lanze für einen Globalisierungs-Einheitsbrei zu brechen liegt uns ausgesprochen fern. Aber so ein paar Errungenschaften würden wir dennoch gerne international verfügbar wissen. Seien es der TÜV und gute Messer. Die Liste wird vermutlich weiterwachsen.

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Von allen guten Geistern umgeben

Von allen guten Geistern umgeben
Der Schuhputzer heißt Chandrak nicht Cleanfix, die “Waschmaschine” Mayur nicht Miele, der Kofferkuli nan-_3-dec-2007_01.jpgTushi nicht Trolley. Indien muss einige Hundert Millionen Menschen in Lohn und Brot halten und hier sieht man wie sehr die Service-Industrie in Mitteleuropa am Stock geht. Tausende Kleinigkeiten, die – dem Fortschritt sei dank – in Deutschland automatisch erledigt werden, werden hier noch von Hand gemacht. Nicht von eigener Hand wie in Deutschland – der Kaffee kommt ja nicht durch bloßes Anschauen aus dem Automaten und das Gepäck fährt sich auch nicht alleine vom Zugabteil zur Bahnhofshalle – sondern wie von Geisterhand. Menschen sitzen auf der Straße und verkaufen frisch aufgebrühtenTee, ihr Ladengeschäft würde in einen Schuhkarton passen. Andere sind Besitzer einer Waage und bieten einmal Wiegen für 1 Rupie an. Schilder, die den Eingang der Häuser und Geschäfte zieren werden, von Hand gemalt oder etwas vornehmer in Marmor gemeißelt. Briefeschreiber, Snack-Lieferanten, Chauffeure, Laufburschen – es ist eindrucksvoll wieviel man sich abnehmen lassen kann. Unsere neueste Errungenschaft ist ein wahres Multitalent. Hinter dem Modell Geeta verbirgt sich eine freundliche Frau in den Vierzigern, die eines morgens an der Tür geklopft hat. Ohne lange abzuwarten, hat sie sich den Kleinen geschnappt, ist mit ihm einmal durch die Wohnung gelaufen und hat dann angefangen, das Geschirr zu spülen. Den Gedanken, eine Haushaltshilfe einzustellen, um so etwas Freizeit für einen Sprachkurs zu haben, hatten wir schon länger und mit diesem auch nicht hinter dem Berg gehalten. Unsere Nachbarin war die Drahtzieherin im Hintergrund, die uns den guten Geist beschert hat. Seither steht morgens Frühstück auf dem Tisch, wenn wir aus dem Bad kommen, die Ochsentour mit zwei Kindern auf dem Fahrrad hat ein Ende, der Kleine krabbelt auf einem mehrfach wöchentlich geputzten Fußboden, und die vorher häufigen Abend-Besuche in den Garküchen um die Ecke haben ein Ende. Mit Geeta als vorzüglicher Köchin stehen täglich frische Köstlichkeiten der Bengalischen Küche auf dem Tisch.Ein Problem bringt die Beschäftigung eines “Hausgeistes” allerdings mit sich: Man muss die Zeit füllen, während der man zwangsläufig jemand anders beim Arbeiten zuschaut. Da ist der Sprachkurs ab nächste Woche bestimmt eine gute Option – und dann wird aus Geeta, dem bisher meist stummen Geist, bestimmt auch eine recht unterhaltsame Gesprächspartnerin.