Auf einen Tee…

Es funktioniert. Eben war unser erster Besuch da. Wir waren gerade am Kuchen backen, da hat’s an der Haustür geklingelt. Ein Mann, er wirkt etwas 2016_Einladung-zum-Teeverschüchtert, sagt: „Guten Tag, ich bin Ferdi, ich komme aus Syrien. Ich würde gerne einen Tee trinken.“ Im Januar hatten wir einen Zettel ins Fenster gehängt. Auf Arabisch steht da: „Kommen Sie gerne auf einen Tee herein. Wir freuen uns.“ Den hatte uns ein freundlicher Mensch übersetzt. Ferdi hat dann seine Familie auch reingebeten und wir haben zusammen Kuchen gegessen und Tee getrunken. Und siehe da: Ferdis Frau ist die Schwester von einem Arbeitskollegen von Andrea. Und sie wohnen eine Straße weiter, gleich ums Eck. Den Wunsch, öfters Deutsch zu sprechen, nicht nur in der Sprachschule, können wir im Sommer bestimmt einfach erfüllen. Muss man beim Grillen halt auf Vegetarisch oder Rindfleisch umschwenken.

Der Einladungszettel hier zum selbst ausdrucken: Einladung-zum-Tee_arabisch

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Alter Trunk aus neuen Schläuchen

Alter Trunk aus neuen Schläuchen

Nestea aus Plastikbechern in Darjeeling

Moderne Zeiten in Darjeeling: Beuteltee in Plastikbechern

An Teeständen machen Gläser und Tonschalen vermehrt Plastikbechern Platz. Der Teeverkäufer erklärt mir die Vorteile: Der Bruch ist nicht so hoch, es ist billiger und weniger Arbeit. Gläser sind Mehrweg, müssen aber gespült werden – und Wasser beziehen die Straßen-Teestand meist per Kanister. Dieser wird an Brunnen mit Trinkwasser gefüllt und dann zum Stand geschleppt. Die Tonschalen wirft man nach Gebrauch weg. „Die schönen Terracotta-Schälchen“ dachte ich die ersten Male. Aber es ist ungebrannter Ton, Wiederverwendung ist unhygienisch. 100 Tonschalen kosten 20 Rupien. Aber es gibt Ausschuss, nicht alle überleben den Transport zum Teestand unbeschadet. Die Plastikbecher sind einfacher zu stapeln, 100 Stück kosten zehn Rupien und nach Gebrauch wirft man sie einfach weg. Die Tonschalen-Macher – ganze Dörfer leben davon – tragen den Siegeszug der Massenware hoffentlich mit Fassung.Meistens bekomme ich zwei Plastikbecher um meinen Tee – entweder sind die Becher nicht stabil genug, oder der Tee ist zu heiß. Teemännchen-Rechnung.

Unabhängig von der Biersorte haben Bierflaschen in Indien meist eine einheitliche Form. Dafür ist die Glasfarbe beliebig. So bekommt man ein ‘Kingfisher’ mal aus einer klaren, mal aus einer brauen, mal aus einer grünen Flasche. Und kauft man sich ein ‘Dansberg Blue’ ist es genauso, auch wenn der Name anderes suggeriert. Und immer die gleiche Flaschenform. Man muss schon genau auf´s Etikett schauen. Kein Dschungel, wie in Deutschland: Longneck, Euro2, NRW, Stubbi, Bügelverschluss, Kronkorken, Glas, Plastik…. Dafür ist in Deutschland die Farbe meist einheitlich: braun. Dennoch müssen die ganzen Flaschen schön wieder in die Originalkästen und dann zurück zum Herkunftsort. Auch wenn das bayerische Hefeweizen am Nordsee-Strand die Getränkekarte bereichert, der bittere Nachgeschmack ist der Leertransport der Flaschen. Stellt man sich jetzt vor, dass in Deutschland – einem Dorado der Biertrinker – die Flaschenform (wieder) einheitlich wäre, was würde das an Verkehr und an Schadstoffausstoss sparen. Ich kann versichern: An´s Etiketten-Lesen gewöhnt man sich recht schnell.

Abwarten und Tee trinken – Aus der Heimat eines edlen Heißgetränkes

Abwarten und Tee trinken – Aus der Heimat eines edlen Heißgetränkes

Am Fuße des Himalaya wird in großem Stil Tee angebaut. Weite Grünflächen, durchsetzt mit Schattenbäumen prägen das Landschaftsbild.

Darjeeling, die Dooars, Assam: Am Fuße des Himalaya wird in großem Stil Tee angebaut. Weite Grünflächen, durchsetzt mit Schattenbäumen prägen das Landschaftsbild.

Tee besteht aus heißem Wasser und dem Extrakt aus Pflanzenbestandteilen. Und der Auszug aus einer Pflanze hat es den britischen Kolonialbeamten im Nordosten Indiens besonders angetan: Camellia sinensis. Das ganze war eine Erfolgsgeschichte – zumindest für die Welt der Kulinarik. Auf der Suche nach geeigneten Anbauflächen wurde fleißig die Landschaft umgestaltet, um die Neuentdeckung zu kultivieren. Seither ist Indien einer der größten Teeproduzenten der Welt – und Assam und Darjeeling sind weltbekannt.

Heute trauert die Tee-Industrie in Indien oft den goldenen Zeiten nach. International fallende Preise,steigende Konkurrenz aus dem Ausland und der Rückgang in der Binnennachfrage – die Softdrink-Industrie wirbt eifrig Kunden ab – machen Probleme. Mehrere Teegärten mussten bereits schließen und man kann sich vorstellen, dass das in einer arbeitsintensiven Industrie nicht zur Heiterkeit bei der Bevölkerung beiträgt.

Weite Grünflächen, Ruhe, gute Luft und ein alt-englisches Ambiente – Teegärten haben neben der Produktionsfunktion auch einen ganz eigenen Reiz. Einige Vordenker haben schon vor Jahren entdeckt, dass Tourismus und Tee gut zusammenpassen. Mittlerweile wird die Reisebranche als Rettungsanker und Wundermittel für die siechende Industrie gepriesen. Die öffentliche Hand unterstützt das neue Traumpaar mit 60 Millionen Rupien für Infrastrukturentwicklung.

Schnell waren die jugendlichen Teegarten-Arbeiter begeistert von der Idee, den Gästen ihre Lieder und Tänze vorzuführen.

Schnell waren die jugendlichen Teegarten-Arbeiter begeistert von der Idee, den Gästen ihre Lieder und Tänze vorzuführen.

Wenn die Pläne aufgehen, werden wohl bald die Massen einströmen, um genüßlich aus Porzellantassen Tee zu schlürfen, und dabei den Pflückerinnen – einen Teepflücker habe ich bisher nicht gesehen – bei ihrem Gezupfe zuzusehen. Sie werden lernen, wie aus der Pflanze ein getrocknetes Substrat hergestellt wird, und vielleicht – idealerweise – werden sie sogar am reichen Kulturschatz der Tee-Arbeiter teilhaben. Von Nah und Fern waren die Arbeiter dereinst gekommen, auf der Suche nach Arbeit. Teegärten boten vergünstigte Grundnahrungsmittel, Schulen, Gesundheitsvorsorge – viele Dinge, die die harte Arbeit attraktiv machten. So sind Mikrokosmen entstanden, Schmelztiegel zahlreicher Volksgruppen, verschiedener Lieder und Geschichten, und kulinarischer Vielfalt. Außerdem sind die weitläufigen Plantagen auch ein wertvoller Lebensraum für allerlei Getier. Auf dem Gelände mancher Teegärten finden sich ausgedehnte Wälder, die von so seltenen Tieren wie dem Nebelparder bewohnt werden. Tümpel innerhalb der Anlagen sind besonders in den Hochlagen Darjeelings die Heimat des vom Aussterben bedrohten Krokodilmolches.

Damit hätte der Tee-Tourismus zusätzliche Attraktionen zu bieten. Notwendige, wie ich finde. Denn ob das Ambiente, die Ruhe, die Abgelegenheit und die Vorstellung des Produktionsprozesses ausreichen, um dauerhaft die sprunghaften Massen der Touristen in einem an neuen Angeboten nicht armen globalen Reisezirkus anzulocken, das bleibt abzuwarten.

Siliguri – Riesendorf und lebhafter Baumarkt?

Siliguri – Riesendorf und lebhafter Baumarkt?
Die zweitgrößte Stadt West-Bengalens ist den meisten Reiseführern nur ein paar Zeilen wert. Die Tipps erschöpfen sich weitgehend in Hinweisen zum Ankommen und dem schnell wieder Wegkommen. Und tatsächlich ist Siliguri hauptsächlich als Drehkreuz von Interesse – zumindest für Erholungsreisende.
Straße in SiliguriNachdem die Engländer in Darjeeling eine willkommene Sommerfrische gefunden hatten, gewann die Ansiedlung am Fuße des Osthimalaya an Bedeutung. Hier kamen die Reisenden aus Kalkutta an und von hier ging es weiter zur “Königin der Hill-Stations”. Die Hill-Cart Road, nach wie vor eine Lebenslinie der Stadt, verdankt ihren Namen den Ochsen- und Pferdekarren, die von hier gen Gebirge fuhren. Später wurden mit gewaltigem Aufwand Gleise bergan verlegt, die Geburtsstunde der Darjeeling Himalayan Railways. Aber die Kolonialherren brachten nicht nur die Eisenbahn. Um das Tee-Monopol der Chinesen zu brechen wurden große Gebiete um Siliguri mit Tee bepflanzt. Aus den dafür gerodeten Waldgebieten kam ausreichend Nachschub für einen dritten Wirtschaftszweig – Holz. Und so verdankt Siliguri sein Wachstum drei T´s: Trains, Tea und Timber – Zügen, Tee und Holz.Bis heute zieht die Aussicht auf ein gutes Geschäft Menschen aus Nah und Fern an. Der Holzeinschlag wurde mittlerweile in vielen Gebieten dem Naturschutz untergeordnet, und die Tee-Industrie trauert besseren Zeiten nach – viele Gärten mussten geschlossen werden. Der Bahnhof von Siliguri ist von nachrangigem Interesse, seit im nahegelegenen Jalpaiguri-Distrikt ein neuer Knotenpunkt entstanden ist. Heute verdankt die Stadt ihre ungebremste Anziehungskraft vor allem ihrer Lage. Nepal, Bhutan und Bangladesh sind nur wenige Kilometer entfernt. Der komplette Nordosten Indiens mit sieben Bundesstaaten wird über einen schmalen Korridor versorgt, den Trichter von Siliguri. Zudem ist die Stadt Hauptversorgungspunkt für die Bergregionen Ostindiens. Und so fühlt man sich in Siliguri oftmals als befinde man sich in einem riesigen Baumarkt.An den Reisenden, die zuhauf per Zug am Bahnhof New Jalpaiguri oder per Flug im Nachbarort Bagdogra ankommen, fliegen die vielen Geschäfte meist als Kulisse auf dem Weg in die Berge oder die Ebenen der Dooars vorbei. Betten, Badarmaturen, Baumaterialien und Bohrmaschinen sind als Souvenirs ungeeignet, aber dafür von umso größerem Interesse für die stetig wachsende Bevölkerung aus den Himalaya-Dörfern. Fast 500.000 Einwohner versuchen laut offizieller Statistik ein Stück vom “Wirtschaftskuchen” abzubekommen. Und neben der Tatsache, dass Siliguri hervorragend gelegen und als Fahrradstadt wesentlich geeigneter ist als Kalkutta, war es auch diese Dynamik, die uns vor fast zwei Monaten hierher verschlagen hat.

Darjeeling – Zwischen Welterbe und Stahlbeton

Darjeeling – Zwischen Welterbe und Stahlbeton
Pujazeit ist Ferienzeit und da fährt man gerne zur Sommerfrische. Wie schon die Engländer während der Zeit ihrer Herrschaft über Indien, so sind auch wir der Hitze der Ebene in die Berge entflohen. Der Ausflug war in gewisser Weise auch eine Zeitreise: Es galt, das Erbe Darjeelings zu sichten, um daraus ein Heritage-Programm zu erstellen. Schließlich war es keine reine Vergnügungsfahrt, sondern ein Arbeitsaufenthalt.
Schon während der Fahrt von Siliguri bergan, wird man durchgehend von den Gleisen der Darjeeling Himalayan Railways begleitet. Auf schmalen Gleisen kämpft sich der “Toy Train” – Spielzeugzug, so der Spitzname – in sieben Stunden auf einer Strecke von 80 km fast 2000 Höhenmeter hinauf bis zur ehemaligen Sommerhauptstadt Indiens. Im Jahr 1999 hat die UNESCO dieses Kleinod vergangener Zeiten zum vermutlich längsten Weltkulturerbe erklärt:
Toy Train / Darjeeling Himalayan Railways / UNESCO World Heritage
“The Darjeeling Himalayan Railway (C ii, iv) is the first, and still the most outstanding, example of a hill passenger railway. Opened in 1881, it applied bold and ingenious engineering solutions to the problem of establishing an effective rail link across a mountainous terrain of great beauty. It is still fully operational and retains most of its original features intact.”
Ob das die Menschen, deren Haustüren und Ladengeschäfte teils nur einen halben Meter von den Gleisen entfernt sind, stolz macht oder ob der Zug sie eher belastet, bleibt herauszufinden. Unsere Unterkunft in Darjeeling ist das Swiss Hotel, mit seiner mehr als hundertjährigen Geschichte ebenfalls ein Überbleibsel längst vergangener Zeiten. Das Hotel wurde vor zwei Jahren von einer indischen Tourismusorganisation übernommen als Drehscheibe und Ausgangspunkt eines Experiments zum städtischen Ökotourismus. Mit zwei Projekten hat man sich seither der bedrohten Natur im Himalaya angenommen. Zum einen wurde eine Studie zum Himalaya Newt gemacht, einer Salamander-Art, die durch zahlreiche Eingriffe des Menschen in das natürliche Gleichgewicht vom Aussterben bedroht ist. Zum anderen wird durch die Hoteleinnahmen eine Patenschaft für ein Pärchen roter Pandas – ebenfalls eine stark gefährdete Art – finanziert. Gemeinsam mit dem Hotelmanager besuchen wir den Zoo, um mit dem Direktor die letzten Formalitäten bezüglich der Patenschaft zu klären. Beim anschließenden Rundgang öffnet uns der Direktor Türen, die sonst verschlossen bleiben und so stehen wir kurze Zeit später Auge in Auge, nur durch ein Gitter getrennt, einem Tigermännchen beachtlichen Ausmaßes gegenüber. Neben der Natur ist das architektonische Erbe, vor allem der Briten, ein weiterer Ansatzpunkt der Schutzbemühungen des Hotels. Wie auch das Hotelanwesen selbst, so sind die meisten Denkmäler umringt von bis zu achtstöckigen Häuserkomplexen. Darjeeling war und ist eine Tourismusdestination mit mittlerweile über 500 Hotels – bei ca. 100.000 Einwohnern – und nicht jeder kann und will sich die Unterkunft in einem Denkmal-Hotel leisten. Vor allem die Beherbergungsbetriebe der oberen Kategorie sind es, die das britische (Architektur-) Erbe liebevoll pflegen. Direkt neben diesen Luxusabsteigen verfallen einst prächtige Anwesen ungenutzt oder werden als Dienstgebäude der regionalen Regierung alles andere als fachgerecht zusammengehalten. Einen übergeordneten Plan zur Restaurierung dieser Kulturschätze gibt es nicht, und wer die marode Straße nach Darjeeling am eigenen Leib erfahren hat, weiß wie schwer es wäre, eine Lobby für einen solchen zu schaffen – von der Finanzierung ganz zu schweigen.
Darjeeling genießt überregional einen hervorragenden Ruf für seine Schulen und unser Besuch in St. Paul’s , einem Internat in einer Anlage aus der Kolonialzeit erlaubt einen Einblick in die Gründe. Das streng auf Disziplin ausgelegte Bildungssystem, obwohl in Großbritannien in dieser Intensität längst antiquiert, bewegt hier Eltern aus teils weit entfernten indischen Bundesstaaten, ihre Kinder elitär bilden zu lassen.
Auf dem Hügel oberhalb des Internats hat das indische Militär das Cantonment-Areal vom britischen Militär übernommen. Eine Kirche wurde letztes Jahr wieder geweiht, nachdem sie seit 1948 als Lagerraum, Mehrzweckhalle und zuletzt als Sportstätte gedient hatte. Vermutlich ist dies weltweit die einzige Kirche, in der unter den Bänken die Linien von Badmintonfeldern den Boden zieren.
Water Truck in Darjeeling
Auch wenn das britische Erbe in der Stadt noch immer mitatmet, stehen doch – vom Toy Train und seinem besonderen Schutzstatus abgesehen – alltägliche Probleme im Vordergrund. Darjeeling leidet unter akutem Wassermangel, sodass Trinkwasser von weit entfernten Quellen mit LKWs in die Stadt gebracht werden muss. Zudem bleiben die Touristen – sowohl Haupteinnahmequelle als auch Mitverursacher der Wasserknappheit – zunehmend aus. Obwohl auch im Swiss Hotel die Wasserversorgung nur per Bestellung gewährleistet wird, so hat man dort einen möglichen Lösungsansatz. Durch Bewerbung von Unterkünften in den Dörfern des Bergdistrikts versucht man den touristischen Druck auf die Distrikt-Hauptstadt zu entzerren. Dies wird die Sorgen der lokalen Hoteliers kaum mindern, aber immerhin bietet dieser Ansatz Alternativen zur Abwanderung aus dem ländlichen Raum.
Tee als eine Hauptattraktion der Gegend ist ein neuer Vermarktungsschwerpunkt der Touristiker und wo guter Tee wächst, gibt es auch viele Erholungsmöglichkeiten im Grünen. Die aus vielen Regionen zugewanderten Arbeiter in den Teeplantagen bieten zudem ein Potpourrie kultureller Eigenheiten, das es zu entdecken gilt.
Dieses reiche kulturelle Erbe der zahlreichen Bergvölker musste bei diesem Ausflug vorerst hintan stehen.

Indien sind seine Dörfer

Mumbai – Ein eindrucksvoller Start

38,8 Grad in Mumbai. Nicht Außentemperatur, sondern Fieber. Die Klimaanlagen im Flugzeug und im Transitbereich in Bahrain waren verkleidete Froster. Im Ankunftsbereich steht ein Mann mit Schild: Mr. Marcus, Germany. Die digitale Gastfreundschaft funktioniert, es ist Lauren. Er fährt mich in sein Appartment nach Colaba, dort wo die Halbinsel Mumbai nur noch einige hundert Meter breit ist. Er zeigt mir Bad, Bett und Küche, gibt mir einen Schlüssel und verschwindet. Ausschlafen, die beste Medizin.
Als ich aufwache, dämmert es bereits. Ich bin immer noch gerädert, der Hunger treibt mich vor die Tür. Von der Ecke gegenüber riecht es nach Pizza. Ein kultureller Affront sicherlich, aber die schnellste Variante. Die Pizza kostet 350 Rupien. Dafür muss mancher Inder ein paar Tage arbeiten. Die 15 Roller, die als Lieferfahrzeuge vor der Tür stehen, sagen mir, dass dies für viele andere in Mumbai unerheblich zu sein scheint …
Als ich morgens aufwache, steht Lauren schon angezogen neben seinem Bett. Wenn ich mit ihm frühstücken will, soll ich mich beeilen. Nach dem europäischen Frühstück, zu dem er mich einlädt, erfahre ich den Grund für die Eile: Es ist Sonntag. Er fragt, ob ich ihn zur Messe begleiten will. Lauren ist Protestant. Es ist lange her, dass ich einen Gottesdienst besucht habe. Einen protestantischen sowieso, geschweige denn in Englisch. Nach der Messe passt mich der Priester ab. Er hatte mir Messwein über die Hose geschüttet und will sich dafür entschuldigen. Der spirituelle Tageseinstieg ist gemacht.
Ich frage Lauren, ob er mir die Towers of Silence zeigt. Die Parsen bestatten ihre Toten, indem sie sie auf Türmen den Geiern zum Fraß vorlegen. Es ist nicht viel zu sehen, hohe Zäune und Hecken schützen vor neugierigen Blicken.
Auch meinem zweiten Besichtigungswunsch wird entsprochen – das Rotlichtviertel. Prostitution ist in Indien verboten, dennoch ist dieser Bezirk im Reiseführer erwähnt. An der Ecke zu einem maroden Viertel hält Lauren an. Die Damen tragen bunte Kleider und stehen beieinander wie Hausfrauen, die nach dem Marktbesuch ein Schwätzchen halten. Einzig ihr massiertes Auftreten und viel sagende Blicke erklären die Besonderheit des Ortes …

Eine Zugfahrt, die ist lustig

Die Universität, in der ich mit Professor Munshi verabredet bin, hat zwei Standorte. Einer in Colaba, der andere in Santa Cruz. Das bedeutet 45 Minuten Bummelzug. Was immer ich über die Vorortzüge von Mumbai gehört hatte, es ist wahr. Es zu fühlen, ist eine andere Qualität des Erlebens. Als der Zug abfährt, bin ich fast alleine im Abteil. Drei Stationen später sind die Stehplätze besetzt. So glaube ich. An jeder Station steigen neue Menschen ein. Wer aussteigt, und ob dies überhaupt jemand tut, ist meinem Blick entzogen. Ich fühle aber, dass der Zug immer voller wird. Drei Stationen vor Santa Cruz rät mir ein Mitfahrer, mich gen Ausgang zu bewegen. Die drei Meter sind weit. Es ist ein eigenartiger Prozess, vergleichbar einer Hand die in einer Schüssel mit Reis rührt. Die Körner tauschen den Platz, und was vorher in der Mitte war, ist irgendwann am Rand. Mit einem heftigen Ruck und einem Sprung in die Menge, die auf die Zugtür zustürmt, lande ich am Bahnsteig. Geschafft, in allerlei Hinsicht. Der Universitätscampus scheint noch im Bau, ob noch gebaut oder schon renoviert wird, verraten die halbfertigen Häuser nicht. Am nächsten Morgen befreit mich ein Zug von den Wirren der Großstadt …

Wayanad – das ländliche Indien

Es ist schon dunkel, als ich in Mananthavady eintreffe. Es ist eine Stadt, nach indischen Maßstab vermutlich eine Kleinstadt.
Die Zeit, bis mich Sumesh am Busbahnhof einsammelt, überbrücke ich mit Tee trinken. Ich komme ins wortlose Gespräch mit einem anderen Fahrgast, der auch wartet. Er hat Frau und Kinder. Ich zeige ihm Bilder von meiner Frau und meiner Tochter. Die Fotos, kaum abgelegt, verlassen den Tisch und kreisen einmal durch die Teestube. Jeder will sie sehen. Ein deutscher Bahnhof bei Schnee, die Fußgängerzone in Wien und Fathermother meine Oma, väterlicherseits wohlgemerkt, so genau muss man schon sein.
Das Beste an Mananthavady ist vermutlich das Kaffeehaus, das die Indian Coffee Worker Cooperation Limited betreibt. Wayanad, der Distrikt in dem die Stadt liegt, ist umgeben von Kaffeeplantagen. Frischer bekommt man ihn wohl kaum. Und was in Darjeeling beim Tee ein Sakrileg ist, ist hier Alltag – der Kaffee wird mit Milch und gezuckert serviert. Nach fünf Tagen in der Stadt bin ich einigermaßen akklimatisiert. Das mal zögernde, mal eilige Tanzen von einer Straßenseite zur anderen, durch den immer hupenden fließenden Verkehr. Die Restaurants, deren Aussehen im umgekehrten Verhältnis zur Qualität des Essens steht – je einfacher, desto besser. Die freundlichen Rufe und Grüße. Am ersten Tag skeptische Blicke, am zweiten ein Gerede, hinterrücks: foreigner. Am dritten hatte sich herumgesprochen, dass ich aus »Jarmeny« komme und am vierten wurde ich mancherorts bereits mit Namen gegrüßt.

»Indien sind seine Dörfer«, hatte Ghandi gesagt. Spätestens am fünften Tag in der kleinen Stadt, am 165. Geburtstag des Nationalidols, wusste ich in etwa, was er meint.