Die Welt in H0

kann es denn was Schöneres geben - Idyll pur in Bad Reichenhall

Kann es denn was Schöneres geben? - Idyll pur in Bad Reichenhall

Das Geräusch, das im Morgengrauen durch unser Schlafzimmerfenster dringt, ähnelt dem einer Roulettekugel auf dem Drehteller. Es ist das ungleichmäßige Plätschern von dicken Regentropfen im Wind der Berge. Gestern noch, bei unserer Ankunft, hatte die Sonne freundlich gelacht. Zu Fuß hatte uns unsere Freundin Ingrid am Bahnhof abgeholt und durch die kleinen Gässchen ihrer neuen und erstaunlich beschaulichen Heimatstadt Bad Reichenhall geführt. Keine Spur von Gefahr, obwohl doch der Marktflecken im letzten Jahrzehnt mehrfach in rotem Fettdruck die Republik in Atem gehalten hatte mit dem Amok laufenden jugendlichen Hobbyschützen und dem Drama der eingestürzten Eis- und Schwimmhalle, die den Schneemassen nicht gewachsen war. Läge das Berchtesgadener Land in Lateinamerika – das Außenministerium hätte uns vermutlich von einem Besuch abgeraten. Aber statt Bad-Reichenhaller Roulette erwartet uns im „Glück im Winkel“ (tatsächlich schmückt sich ein Gässchen mit diesem wohlklingenden Namen) und rund um den Florianiplatz eine Welt in H0. Das Entzücken eines jeden Hobby-Eisenbahners muss maßlos sein. Wie viele der durchaus zahlreichen Gäste dem Hobby Modell-Eisenbahn frönen, bleibt indes schwer abzuschätzen. Nicht, dass man die Zielgruppe Zug-Liebhaber nicht wahrnehmen würde: Gleich zwei Orte der Region haben sich dem Ortsverbund für Sanfte Mobilität im Alpenraum, den Alpine Pearls, angeschlossen.

Jesus-Maria meets Yoga im Fachwerk-Stil

Jesus-Maria meets Yoga im Fachwerk-Stil

Es ist auch weniger der städtebauliche Maßstab oder das öffentliche Nahverkehrs-Angebot, als vielmehr das Vorhandensein von Salz, das der Stadt zu Berühmtheit verholfen hat. Das war in der Zeit, als es außer dem weißen Gold noch wenige Optionen zur Konservierung von Lebensmitteln gab. In der Neuzeit vermarktet man reziprok: Bad Reichenhaller Salz in die Welt hinaus und die Welt hin zur Kur an die Ufer der Saalach zu salzhaltiger Luft und Solewasser. Und Konservierung scheint auch noch in Zeiten von Kühlschränken durchaus ein gewichtiger Faktor am Fuße des Watzmanns zu sein; Für lebhaftes Treiben in den schönen Fußgängerzonen von Reichenhall und Berchtesgaden sorgen vorwiegend Menschen, die schon das zweite oder dritte Jahrzehnt ihres Rentnerdaseins genießen. Inwieweit sie an den historischen Stätten der NS-Zeit, allen voran das Kehlsteinhaus, den vielen Gästen aus aller Welt als authentische Zeitzeugen Rede und Antwort stehen, ist unklar. Die Ansätze, wie dieser Teil der Vergangenheit Mitteleuropas reflektiert wird, sind ohnehin differenziert.

Im nahe gelegenen, einzigen alpinen Nationalpark Deutschlands, der sich über 210 Quadratkilometer um den malerischen Königssee mit der idyllischen Wallfahrtskirche St. Bartholomä erstreckt, wird auf Interaktion nur beschränkt Wert gelegt. Das Nationalpark-Haus freut sich auf seine Re-Inkarnation 2012 – was dann aus den unvollständigen Ausstellungstafeln und den Spinnweben auf der Videoleinwand wird, wird die Zukunft zeigen. Das eigentlich Eindrucksvolle ist ja ohnehin nicht das Info-Zentrum sondern die Bergwelt als solches. Ein Besuch blieb uns für dieses Mal verwehrt, weil die Bergwacht von Wandertouren ob der Schlechtwetterlage abgeraten hat. Es stehen also weitere Besuche an und dann wird mit Spannung zu beobachten sein, ob das Berchtesgadener Land rechtzeitig den Schwenk von den konservierenden und die belebenden Kräfte des Salzes geschafft hat. Wer allzu lange in der Vergangenheit lebt, wird in Zukunft wohl öfter mal im Regen stehen.

Eine Bildergalerie gibts auf  agricolus.de