Meine erste Fotoausstellung

„La main d’oevre“, so sagen die Franzosen zur Arbeit. Klingt allemal besser als Handarbeit, der Titel, den ich mir ursprünglich für die Fotokollektion ausgedacht hatte. Schön, wenn man frankophile Freunde hat, im konkreten Fall Joachim vom Weddingweiser-Blog. Aber auch ohne hochtrabenden Titel hätten die Bilder, die ich von arbeitenden Händen in Indien gemacht habe, Sophia vom Café Aman! in Berlin wohl gefallen. Sie hat jedenfalls gleich zugestimmt, als ich Sie nach einer Ausstellungsfläche gefragt habe.

Seit 29. August hängen die Bilder nun in der Sprengelstraße in Berlin-Wedding und können dort täglich ab 17 Uhr angeschaut werden.

Die Werbung für die Vernissage kam übrigens vom Nr. 1 Blog für den Wedding.

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Unterhaltung wie auf Schienen

Unterhaltung wie auf Schienen

Baul Sänger im ZugZugfahren ist eine fantastische Art, entspannt die Landschaft an sich vorüberziehen zu lassen und seinen Gedanken nachzuhängen. Mittlerweile wird man zumindest in Deutschland ab und an von einem freundlichen bahnuniformierten Wesen gefragt, ob man ein Heiß- oder Kaltgetränk zu sich nehmen möchte und in manchen Zügen steht Lektüre in Form von unternehmenseigenen Magazinen zur Verfügung. Integrierte Absatzkanäle und Public Relations. Aber so kommt zumindest keine Langeweile auf. Zum wirklichen Entertainment ist es allerdings noch ein weiter Weg. Indien ist da einige Schritte voraus. Die Züge sind praktisch offen für Händler jedweder Art – frei ist der Markt: Hier darf man auf Bahnreisen eine derart intensive Unterhaltung genießen, dass es schon an der Schmerzgrenze kratzt.

Als wir am im April mit dem Zug von Barpeta Road nach New Jalpaiguri unterwegs waren, haben wir uns an einer unsortierten Liste der Dinge versucht, die von fliegenden Händlern angeboten wurden. Was hier zu lesen ist, spiegelt das Angebot zwischen den zwei Stationen während einer Fahrtzeit von 42 Minuten wider.

Reisetaschen, Rasierapparate, Betelnuss, Zigaretten (trotz Rauchverbot im Zug), Musik-Keyboards, Taschenlampen, Wasserfarbensets, Scheren, Plastikteller, Küchenmesser, Zahnbürsten, Tiger Balm (und zahlreiche Plagiate desselben), Kaffee, Tee (verpackt und frisch gebrüht in zahlreichen Varianten: Zitronentee, Milchtee, Schwarzer Tee), Omelett auf Toast, Wasser (1 und 2 Liter-Flaschen), Bett-Tücher, Kekse, Nagelclipser, Mehrfachstecker, Uhren, Ferngläser, Miniatur-Vogelkäfige mit Elektro-Gezwitscher, Bananen, Gurken, Zauberwürfel, Lesebrillen, gewürzte Kichererbsen mit Senföl, Barbie-Puppen, Mundharmonikas, Matchbox-Autos (nicht das Original), CDs, DVDs, Videospiele, Puri Bhaji (Fladenbrot mit Kartoffelgemüse), Luftpumpen, Anti-Rutschmatten, Parfüms, Softdrinks, gesüßter Joghurt, Bauchweg-Trainer, Samosas (gefüllte Teigtaschen), Hand-Nähmaschinen, Zeitungen (in Englisch und in lokalen Sprachen), Make-up, Lippenstift, Haarbürsten, Badelatschen und Damenschuhe, Zauberzubehör, elektrische Feuerzeuge, Lufterfrischer, Deodorant, Bücher, Shampoo, Popcorn, Thermoskannen, Gamchas (sehr dünne Baumwollhandtücher), Unterwäsche, aufblasbare Kissen, Frottee-Handtücher, Kürbisse, Papayas, Kartoffelchips (eingefolte Markenprodukte und lokale frisch hergestellte), Tischdecken, Armreifen, Zier-Goldketten, Ketten und Schlösser, Kokosnuss-Snacks, Erdnüsse, Musik-Kassetten, Handtaschen mit ortstypischer Stickerei, Handy-Ladekabel, Massbänder, Regenschirme, Stifte, Taschenrechner, gekochte Eier, Batterien, Moskito-Netze für Kinder, tragbare Kassettenabspieler, Tisch-Telefone, T-Shirts, Regenjacken, Kartoffelschäler, Muri (gewürzte Reisflocken), Plastik-Dinosaurier, ferngesteuerte Spielzeug-Elefanten und LED-Lampen.

Zusätzlich boten Schuh-Polierer, Musiker, Zauberkünstler und Masseure für Kopf- und Körpermassage ihre Dienste feil. Bodenputzer, blinde und amputierte Bettler sowie Hijras (vereinfacht gesagt, das dritte Geschlecht in Indien) als Dienstleister zu bezeichnen, könnte uns dem Lächerlichmachen oder der Verkennung der sozialen Hintergründe verdächtig machen. Wertneutral sei daher festgestellt – sie fehlen auf kaum einer Zugfahrt.

Kaum hatten unsere Mitreisenden das Spiel durchschaut, wurde aus unserer Privatunterhaltung recht schnell ein Gesellschaftsspiel. Sobald ein Händler das Abteil betreten hatte, flogen uns die Namen neu erschienenener Artikel nur so um die Ohren. Die Landschaft kam bei der Fahrt sicher zu kurz. Aber eine nette Unterhaltung mit den Mitreisenden trotz Sprachbarriere will ja auch nicht verachtet sein.

Nach Weglegen des Notizbuches, einen Becher Kaffee in der Hand, tauchten dann doch Fragen ob des Warenangebots auf. Seife und Klopapier – zumindest eines von beiden ist auf längeren Zugfahrten immer hilfreich – konnten wir nicht sichten. Ein klares Versagen des Marktes – Nachfrage ja, Angebot nein. Gutgelaunt haben wir derartige Gedanken weitergesponnen: Wäre nicht die Leerlaufzeit während der Zugfahrt durch das wirtschaftlich aufstrebende Indien eine phantastische Absatzplattform für Kreditverträge, Versicherungen oder Urlaubsreisen? Vielleicht hört man ja in Zukunft Reisende folgendermaßen die Händler zurechtweisen: „Lassen Sie mich doch mal mit Ihren Zeitungen in Ruhe. Sehen Sie denn nicht, dass ich gerade eine Eigentumswohnung kaufe?“

Indien sind seine Dörfer

38,8 Grad in Mumbai. Nicht Außentemperatur, sondern Fieber. Die Klimaanlagen im Flugzeug und im Transitbereich in Bahrain waren verkleidete Froster.
Im Ankunftsbereich steht ein Mann mit Schild: Mr. Marcus, Germany. Die digitale Gastfreundschaft funktioniert, es ist Lauren. Er fährt mich in sein Appartment nach Colaba, dort wo die Halbinsel Mumbai nur noch einige hundert Meter breit ist. Er zeigt mir Bad, Bett und Küche, gibt mir einen Schlüssel und verschwindet. Ausschlafen, die beste Medizin.
Als ich aufwache, dämmert es bereits. Ich bin immer noch gerädert, der Hunger treibt mich vor die Tür. Von der Ecke gegenüber riecht es nach Pizza. Ein kultureller Affront sicherlich, aber die schnellste Variante. Die Pizza kostet 350 Rupien. Dafür muss mancher Inder ein paar Tage arbeiten. Die 15 Roller, die als Lieferfahrzeuge vor der Tür stehen, sagen mir, dass dies für viele andere in Mumbai unerheblich zu sein scheint …
Als ich morgens aufwache, steht Lauren schon angezogen neben seinem Bett. Wenn ich mit ihm frühstücken will, soll ich mich beeilen. Nach dem europäischen Frühstück, zu dem er mich einlädt, erfahre ich den Grund für die Eile: Es ist Sonntag. Er fragt, ob ich ihn zur Messe begleiten will. Lauren ist Protestant. Es ist lange her, dass ich einen Gottesdienst besucht habe. Einen protestantischen sowieso, geschweige denn in Englisch. Nach der Messe passt mich der Priester ab. Er hatte mir Messwein über die Hose geschüttet und will sich dafür entschuldigen. Der spirituelle Tageseinstieg ist gemacht.
Ich frage Lauren, ob er mir die Towers of Silence zeigt. Die Parsen bestatten ihre Toten, indem sie sie auf Türmen den Geiern zum Fraß vorlegen. Es ist nicht viel zu sehen, hohe Zäune und Hecken schützen vor neugierigen Blicken.
Auch meinem zweiten Besichtigungswunsch wird entsprochen – das Rotlichtviertel. Prostitution ist in Indien verboten, dennoch ist dieser Bezirk im Reiseführer erwähnt. An der
Ecke zu einem maroden Viertel hält Lauren an. Die Damen tragen bunte Kleider und stehen beieinander wie Hausfrauen, die nach dem Marktbesuch ein Schwätzchen halten. Einzig ihr massiertes Auftreten und viel sagende Blicke erklären die Besonderheit des Ortes …
Die Universität, in der ich mit Professor Munshi verabredet bin, hat zwei Standorte. Einer in Colaba, der andere in Santa Cruz. Das bedeutet 45 Minuten Bummelzug.
Was immer ich über die Vorortzüge von Mumbai gehört hatte, es ist wahr. Es zu fühlen, ist eine andere Qualität des Erlebens. Als der Zug abfährt, bin ich fast alleine im Abteil. Drei Stationen später sind die Stehplätze besetzt. So glaube ich. An jeder Station steigen neue Menschen ein. Wer aussteigt, und ob dies überhaupt jemand tut, ist meinem Blick entzogen. Ich fühle aber, dass der Zug immer voller wird. Drei Stationen vor Santa Cruz rät mir ein Mitfahrer, mich gen Ausgang zu bewegen. Die drei Meter sind weit. Es ist ein eigenartiger Prozess, vergleichbar einer Hand die in einer Schüssel mit Reis rührt. Die Körner tauschen den Platz, und was vorher in der Mitte war, ist irgendwann am Rand. Mit einem heftigen Ruck und einem Sprung in die Menge, die auf die Zugtür zustürmt, lande ich am Bahnsteig. Geschafft, in allerlei Hinsicht.
Der Universitätscampus scheint noch im Bau, ob noch gebaut oder schon renoviert wird, verraten die halbfertigen Häuser nicht. Am nächsten Morgen befreit mich ein Zug von den Wirren der Großstadt …
Es ist schon dunkel, als ich in Mananthavady eintreffe. Es ist eine Stadt, nach indischen Maßstab vermutlich eine Kleinstadt.
Die Zeit, bis mich Sumesh am Busbahnhof einsammelt, überbrücke ich mit Tee trinken. Ich komme ins wortlose Gespräch mit einem anderen Fahrgast, der auch wartet. Er hat Frau und Kinder. Ich zeige ihm Bilder von meiner Frau und meiner Tochter. Die Fotos, kaum abgelegt, verlassen den Tisch und kreisen einmal durch die
Teestube. Jeder will sie sehen. Ein deutscher Bahnhof bei Schnee, die Fußgängerzone in Wien und Fathermother meine Oma, väterlicherseits wohlgemerkt, so genau muss man schon sein.
Das Beste an Mananthavady ist vermutlich das Kaffeehaus, das die Indian Coffee Worker Cooperation Limited betreibt. Wayanad, der Distrikt in dem die Stadt liegt, ist umgeben von Kaffeeplantagen. Frischer bekommt man ihn wohl kaum. Und was in Darjeeling beim Tee ein Sakrileg ist, ist hier Alltag – der Kaffee wird mit Milch und gezuckert serviert.
Nach fünf Tagen in der Stadt bin ich einigermaßen akklimatisiert. Das mal zögernde, mal eilige Tanzen von einer Straßenseite zur anderen, durch den immer hupenden fließenden Verkehr. Die Restaurants, deren Aussehen im umgekehrten Verhältnis zur Qualität des Essens steht – je einfacher, desto besser.
Die freundlichen Rufe und Grüße. Am ersten Tag skeptische Blicke, am zweiten ein Gerede, hinterrücks: foreigner. Am dritten hatte sich herumgesprochen, dass ich aus »Jarmeny« komme und am vierten wurde ich mancherorts bereits mit Namen gegrüßt.
»Indien sind seine Dörfer«, hatte Ghandi gesagt. Spätestens am fünften Tag in der kleinen Stadt, am 165. Geburtstag des Nationalidols, wusste ich in etwa, was er meint.