Baumwoll-Integration

„Wenn Menschen wirklich rationale Wesen wären, würden wir alle in Kartoffelsäcken statt in teuren Markenkleidern herumlaufen. “ An diesem Ausspruch meines Professors mag viel Wahres sein, mein Kompromiss ist: Second Hand und Schnäppchenjagd. Aber selbst die hat mich vor kurzem ins Grübeln gebracht. Ein Diskount-Laden hatte in der Auslage original Österreich-Trainingsjacken für zwei Euro im Angebot. In super Qualität – ein wahrhaftiges Schnäppchen. Was gibt es lange zu Überlegen?

Nun ja: Ich wohne seit letztem September als einer von 40 000 Deutschen in Wien. Und die Jacken – ein Restbestand der EURO 2008 – sind Replika der offiziellen Cordoba 19ÖsterreichFanArtikel_agricolus78 Ausstattung. Nun muss man wissen – wohl kaum ein Österreicher, der es nicht weiß –, dass Österreich im WM-Turnier in Argentinien wie durch ein Wunder Deutschland im Fußball besiegt hat, in Cordoba, am 21. Juni 1978.

Mir kamen Zweifel: Wie wird meine österreichische Umwelt das Tragen einer solchen Jacke aufnehmen? Die Allgemeinheit wird – solange ich den Mund halte – von meiner Kleidung kaum Notiz nehmen. Etwas Anderes ist es im Bekanntenkreis. Dort muss ich nichts mehr sagen, um mich als Deutscher zu Erkennen zu geben. Eine kurze Umfrage brachte Reaktionen von „überintegriert“ bis „schwierige Sache“ zutage. Andererseits: Auf Wiens Straßen sind auch Trainingsjacken aus Jamaika ein durchaus häufiger Anblick. Ein Deutscher mit Cordoba-Jacke wäre eben mal etwas Anderes.

Als ich dann, nach erstmaligem Waschen, einige Zeit später die Jacke Premiere trug, geschah etwas Sonderbares. Auf dem Weg vom Meiselmarkt bis zur Wienzeile – Wiens 15. Bezirk wird von vielen Menschen aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien bewohnt – sind mir an diesem Morgen auf den wenigen Kilometern sage und schreibe viermal Österreich-Jacken Cordoba 1978 begegnet. Getragen meist von Männern im Pensionsalter, dem Aussehen nach durchwegs mit Migrations-Hintergrund. Erste Geschäfte verkaufen die Jacken nun um zehn Euro – ein guter Zugewinn bei zwei Euro Einkaufspreis. Der Markt entfaltet seine Kräfte. Und binnen kurzer Zeit sind Cordoba-Jacken ein alltäglicher Anblick geworden im 15. Bezirk.

Die Erinnerung an das große Glück des kleinen Fußball-Landes, genäht in China und zum Wahnsinnspreis in Billigläden erhältlich, wir allerorten auch von Ausländern geteilt. Ein durchaus willkommener Beitrag zur Integration inmitten der ausgrenzenden Wahlwerbung der FPÖ. An diese Nebenwirkung hatte ich beim Schnäppchenkauf gar nicht gedacht.

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…und draußen stirbt die Reindorfgasse

Am oberen Ende der Gasse, dort nur ein paar Treppenstufen entfernt von der Mariahilfer Straße – der äußeren – brummt unverdrossen Das Cafe Plauscherl in der Reindorfgasse in 1150 Wienein Laster. Der Fahrer raucht genüsslich eine Zigarette. Ebenso gemütlich dreht sich auf der Ladefläche der Asphaltmischer. Sein Inhalt wird von Hand aus Eimern auf den Fahrweg geschüttet: Eine langsame traditionelle Arbeitsweise. Ganz Reindorfgasse: Langsam und mit Tradition.

Direkt gegenüber kündigt ein neonbuntes Schild den Total-Abverkauf eines Modegeschäfts an. Die Mode im Schaufenster war modern als die Reindorfgasse noch prominent war. Heute schlendert man an leeren Schaufenstern vorbei. Das Cafe Plauscherl trotzt mit stoischer Ruhe und den wenigen Stammgästen der Rückzugswut. Kaffee und Imbiss – auch Bier gezapft, der Piff zum Frühstück. Aus dem Radio singt Rainhard Fendrich vom Glück, das ihn verlassen hat. Draußen kämpft die Reindorfgasse ums Überleben.

Eine niedliche Pfarrkirche steht etwas zurückgezogen auf dem mediterran anmutenden Platz mit den Bäumen, Bänken und den betagten Bewohnern, der die Gasse in der Mitte teilt. An die Ecke zur Oelweingasse schmiegt sich der schöne Schanigarten des legendären Gasthaus Quell – auch dort wenig Neues (der letzte Newseintrag auf der Webseite ist acht Monate alt). Ist Dr. Ostbahn in den Ruhestand getreten? Das Siechtum zieht sich ohne erkennbares Muster durch die gesamte – wahrscheinlich ehemals quirlige – Einkaufsstrasse. Leermit mediterranem Charme aber weniger wuseligstehende Geschäfte als Metastasen eines nicht lokalisierbaren Geschwürs.

Lebenserhaltend wirken noch ein paar Geschäfte und Gastronomiebetriebe. Die Firma Urban Tools hat sich  auf die andere Straßenseite vergrößert. Eine Dependance mit integrierter Küche und Essbereich repräsentiert stolz die gelebte Work-Life-Balance der Kreativen. Einige Galerien haben eröffnet in leerstehenden Geschäftsläden. Noch zu wenige Pflaster, als dass man von einem Heilverband reden möchte. In ihrer Betonung des Außergewöhnlichen stellen sie einen angenehmen Gegenpol zur engstirnigen Plakatwerbung der FPÖ dar, die am unteren Ende der Gasse ein Parteibüro innehat.

Kulinarische Berührungspunkte: Die auf Spanferkel und -lämmer spezialisierte Fleischerei – deren Verkäuferin mir auch nach Dutzenden liebevollen Ermahnungen noch immer die Leberkäs-Semmel zum Direktverzehr in Folie einpackt und die Pizzeria Mafiosi. Eingekleidet in eine dunkle Holzvertäfelung, wird man den Eindruck nicht los, eine Räuberhöhle zu betreten. Viel gemütlicher ist es im Innenhof, wo bei Preisen von zwei Euro pro Halbliter-Flasche das Feierabendbier vielen Studenten, Arbeitstätigen – und solchen, die es einmal waren – schmeckt.

agricolus_reindorfgasse_05Nur blitzlichtartig scheint manchmal auch die versteckte Seite der Reindorfgasse geheimnisvoll auf: Routiniert diagnostiziert die Rettungs-Assistentin die Droge, die den jungen Mann im Hauseingang hat zusammenbrechen lassen. Eine unbekannte Welt auch die Beisln mit den austauschbaren Namen, in denen in Lederjacken gekleidete Männer sich vor dem Satelliten-TV räkeln, wenn sie nicht gerade in fremder Sprache geschäftig mit ihren Mobiltelefonen vor dem Gasthaus auf und ab laufen.

Die Reindorfgasse ist eigentlich genau so, wie eine Wiener Gasse – Straßen sind selten im eng bebauten Alt-Wien – sein soll. Leicht verträumt, angenehm gemächlich, einladen gemütlich und etwas verstaubt. Vielleicht ist es diese Patina alter Zeiten, die heute von der kleinen, einst großen Gasse ablenkt. Es bleibt zu hoffen, dass der Fahrradweg, den die Bauarbeiter am oberen Ende gerade errichten, Menschen in die Gasse zieht, die den sanften Wandel zur Kreativ-Meile mit Traditionsbestand so sehr zu schätzen wissen wie ich.

mehr Bilder aus der Reindorfstrasse: auf agricolus.de

Barcamp „Tourism 2.0“ – Tourism Sustainability and Social Media

Als ich vor zwei Wochen per skype über eine Internet-Konferenz zum Tourismus und Klimawandel gesprochen habe, sagte der: “Du musst begreifen, dass fast jeder, der älter als 15 Jahre alt ist, im Hinblick auf Computer und Internet eigentlich Analphabet ist.“

Beim Barcamp zu Tourismus, Nachhaltigkeit und Neue Medien an der MODUL-Universität in Wien letzte Woche, wurde mir schnell klar, wie recht er hatte. Man kommt sich altmodisch vor, wenn man gedruckte Visitenkarten mit jemanden austauschen will, der ein Poken um den Hals hängen hat. Bis im November die Reisemesse-Saison beginnt, sollte ich besser vorbereitet sein. Auch die Möglichkeiten, die ich in der Verwendung von virtuellen Landkarten gesehen hatte, scheinen längst überholt. „Wer nur auf einen Kartenanbieter setzt, läuft schnell Gefahr,

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Foto: Karola Riegler

dass sich schwarze Löcher oder Ungenauigkeiten einstellen.“ Die Einbindung verschiedener Kartenanbieter – dem Benutzer per Klick zur Auswahl gestellt – ist technisch eher am Puls der Zeit. Unter den Teilnehmern waren Touristiker ein seltener Anblick. Ein Mangel, wie sich im Gespräch mit einigen Technik-Freaks herausstellte. Innerhalb kürzester Zeit traten vielfältige Einsatzmöglichkeiten neuer Technologie für die Freizeitindustrie zutage. Und hier liegt die Stärke von Barcamps. Es sind informelle Treffen, auf denen, wer das wünscht, selbst den eigenen Vortrag in einem Blanko-Veranstaltungsplan einträgt. Die Freiräume, die zwischen den Präsentationen eingeplant sind, lassen ausreichend Zeit für vertiefende Gespräche – gerne auch interdisziplinär.

Auch – oder gerade – wer mit Begriffen wie Semantic Web, Wikis, New Media, Geospatial Web, Blogs oder Mobile Web (noch) nichts oder nur wenig anfangen kann, dem sei eine Teilnahme am nächsten Barcamp ans Herz gelegt. Die Schnittstellen zum Tourismus sind ebenso zahlreich wie die Geschäftsmöglichkeiten. Es werden sicherlich auch in Zukunft nur wenige Reise-Profis den Weg in die „fremde“ Technikwelt wagen. Sie aber werden diejenigen sein, die in Kürze auf die anderen zurückblicken – mit einigem Vorsprung.

Nasenbluten

by: romanlili on flickr.com

by: romanlili on flickr.com

Seit ich die Kids schon vor 14 Uhr im Kindergarten abhole, verbringe ich so einige Zeit auf Kinderspielplätzen (Erwachsenenspielplätze sind leider selten – dies am Rande). Eines Tages war eine Hortgruppe zu Gast und die einzige Betreuerin widmete hektisch ihre Aufmerksamkeit überwiegend einem einzigen Kind: Dem mit dem Nasenbluten. Mit einem Auge immer nach der Meute auf dem Spielplatz schielend, hielt sie den Kopf des Jungen und erklärte gebetsmühlenartig: „Du musst den Kopf nach unten halten – ich presse dir feuchte Tücher auf die Stirn.“ Die feuchten Tücher wurden über eine filigrane Lieferkette von den Kindern erst trocken zum Brunnen und dann feucht wieder zurück gereicht.

Ich wunderte mich: „Der Kopf muss ins Genick. Sonst hört das nie auf.“ Meine Bank-Nachbarin, mit der ich den Gedanken teilte, schlägt vor: „Hinlegen und ein feuchtes Tuch in den Nacken.“ Aber wir schwiegen. Nicht so die drei Frauen, die im Verlauf der nächsten Minuten die Erzieherin mit guten Ratschlägen versorgten. Die erste schlug vor, die Nasenflügel zusammen zu drücken. Die zweite riet: „Fest an der Nasenwurzel pressen.“ Der Vorschlag der dritten, einen Bindfaden ums Handgelenk zu binden, wurde mangels Schnur ohnehin gleich abgelehnt. Aber die Erzieherin blieb standhaft. Nach circa einer Stunde, geschätzten zwei Litern Blut und vierzig Taschentüchern hörte die Blutung endlich auf. Die beratungsresistente Erzieherin hatte offenbar recht mit ihrer Heilmethode.

weitere Infos: Verband unabháengiger Blutspendedienste im deutschsprachigen Raum