Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten

Der Indikativ drückt die Wirklichkeit aus. Sein Gegenspieler ist der Konjunktiv. Mit diesem fröhlichen Zeitgenossen ist so allerhand möglich. Man bildet die Möglichkeitsform indem man den Selbstlauten a, o, u Punkte aufs Haupt setzt. Wie zwei übergroße Augen thronen sie dort,und dirigieren mit viel Überblick die Welt. Nicht wirklich – aber möglich wär’s schon.

Das Saarland ist zweifelsohne Teil des Herrschaftsbereichs von König Konjunktiv. Was würde hier nicht alles verändert. Ein Lokalaugenschein, neulich aufgezeichnet in einer Bahnhofsgaststätte:

„Denne Doorman hätt ich schonn rausgeschmess.“ – Diesen Torhüter hätte ich schon entlassen.
Ein einfaches Beispiel zu Beginn; Akteur (ich), Zielperson (diesen Tormann) und Aktion (rauswerfen) sind klar benannt. Mittels Konjunktiv und aus dem Kontext wird klar, dass einzig die Machtposition fehlt, um diesen Schritt auszuführen. Der Fußballexperte am Tresen ist weder der entscheidende Trainer, noch hat er bisher jemals ein Wort mit dem verurteilten Torwart gewechselt , aber wenn es so wäre, dann…

Zwei Männer genießen im Saarland den Feierabend bei einem Glas Bier und Wein.

„Denne do owwe däät ich gewe.“ – Die dort oben würde ich abstrafen.
Der Versuch den Begriff „däät ich gewe“ mit „würde ich abstrafen“ ins Hochdeutsche zu übertragen, mag mir als Verniedlichung angekreidet werden. Jemanden „geben“, im Sinne von Saures geben, kann von einfachen Disziplinarmaßnahmen bis zu menschenverachtenden Folterorgien alles beinhalten. Einziger Juror für die Ausfüllung des Wortes mit Inhalt ist der Sprecher selbst – Kopfkino quasi, weil auszuführen ist die Tat dank Konjunktiv ja nicht. Die Unbestimmtheit der Zielperson (die dort oben) bezieht sich auf das vermeintlich alles steuernde Überwesen, das konspirativ die Geschicke der Welt lenkt und – weit existenzieller – das Schicksal des stets redlich um seinen Vorteil bemühten und ehrbaren Saarländers.

„Do missd ma doch emol ebbes mache.“ Da müsste man doch einmal etwas machen.
Ein Musterbeispiel für einen vollendeten Konjunktiv, elegant im langen Gewand mit dem Hilfsverb müsste. „Da“ bezeichnet als Platzhalter eigentlich alles, was Anlass zu Kritik bieten kann: dafür, dagegen, oder dort als Ortsangabe. „Einmal“ ist nicht wörtlich zu verstehen, vielmehr drückt man damit die Unbestimmtheit der Zeitangabe aus: irgendwann, bald, in Zukunft, endlich etc. einmal; Analog „etwas“: Informationen über Art, Umfang und Zweck der geforderten Maßnahmen bleiben völlig unklar. Einzig der Hilferuf tönt aus dem Nebel. An wen sich dieser richtet ist wieder schleierhaft. „Man“ kann ein kollektives Wir beschreiben, erlaubt es dem Sprecher aber auch sich passiv im Hintergrund zu halten oder gar alle Verantwortung und Arbeit auf andere Schultern abzuwälzen. Immerhin ist mit der Feststellung schon erreicht, dass Irgendwer, irgendwas, irgendwann tun soll, damit eine Veränderung eintritt, von der sich selbiger Sprecher einen Vorteil erhofft.

Aber soweit kommt es im Herrschaftsbereich des Möglichen gar nicht. Zwar werden Probleme erkannt, angesprochen und teils sogar Lösungsvorschläge entwickelt, aber dank Konjunktiv bleibt dann doch meist alles beim Alten. Was bekannt ist, das ist bewährt und damit gut. Es ist egal, wer es wann und warum so eingerichtet hat: Hauptsache, man muss sich nicht den Alltag mit zuviel Wandel erschweren. Positiv ausgedrückt könnte man das als Traditionsverliebtheit, Nostalgie oder Beständigkeit titulieren. Ist das Teil der französisch angehauchten Lebensart der Saarländer, des viel zitierten Saarvoir vivre?

Das missd ma emol rausfinne. – Das müsste man einmal herausfinden. Wenn – ja wenn nur…

Von Hand zu Fuß

Altes Plakat der Rodalbkinder Schuhfabrik„Ich weiß nicht ob ich der letzte im Landkreis bin, der noch Schuhe von Hand macht, aber viele sind wir nicht mehr.“ Schuhproduktion hat im Pfälzer Wald Tradition. Alleine im Ort Rodalben gab es zeitweilig 38 Schuhfabriken, heute ist Johannes Wagner ein Unikum im Ort.

Nach dem Maßnehmen wird aus Lederstücken, Klettverschluss, Ösen und Gummisohle in knapp eineinhalb Stunden ein fertiger Kinderschuh. Herr Wagner läuft selbst von Maschine zu Maschine. Der Stanzer mit den Formen in verschiedenen Schuhgrößen steht im Erdgeschoss, die Nähmaschinen zum Absteppen der Lederteile im Stockwerk darüber. „Früher hatten wir bis zu zwanzig Angestellte hier; 270 Paar Schuhe sind hier am Tag gemacht worden.“, erzählt der rüstige Sechsigjährige. Gegründet hatte vor über fünfzig Jahren sein Vater den Betrieb. Damals war die große Zeit der pfälzischen Schuhe schon am Abklingen, aber in der Nische konnte man leben. Gemeinsam mit dem Bruder übernahm er den Betrieb. Ehrensache. „Mit der Herstellung hatte ich ursprünglich gar nichts zu tun. Ich war kaufmännischer Leiter.“ Nach dem Ausscheiden des Bruders – der hatte die Produktion geleitet – kam die Sinnfrage. Wagner entschied sich für Gesundschrumpfen und Weitermachen. Und brachte sich selbst alle Prozesse, Tricks und Kniffe bei. Da war er 58. Seither macht er meist Spezialschuhe auf Maß für Orthesen-Träger. „Viel ist es nicht, aber ich muss heute auch nicht mehr davon leben. Es ist ein schöner Zeitvertreib und eine sinnvolle Ergänzung.“ Dass er mit einem ostasiatischen Lohnniveau weder mithalten kann noch will, ist klar. Bezahlbar sind seine Schuhe dennoch allemal. Und das Erlebnisprogramm beim Entstehen des eigenen Schuhs zuzuschauen, das ist für Kinder und Erwachsene ohnehin einiges Wert.
http://www.rodalbkinder.de