20 Fragen an Wien

Nach zwei Jahren in Wien beginne ich langsam mich an die lokalen Eigenheiten zu gewöhnen. Ich „sudere“ und „motschkere“ nach Kräften – wenn auch noch auf Grundkurs-Niveau. Allerdings sticht mir beim „Gewöhnen“ an die lokalen Besonderheiten immer wieder das eine oder andere ins Auge:

  1. Wieso gehen die Tore von Spielplätzen meist nach außen auf? Damit die Kinder einfacher abhauen können, oder um ihnen den Zugang zu erschweren?
  2. Wieso sind die Haltestellen der Straßenbahn meist hinter der Ampel? Damit die Öffi-Nutzer mehr Abgase einatmen während einer Rot-Phase?
  3. Wieso werden, wenn’s eng wird, immer die Fahrradwege wegrationalisiert?
  4. Wie kann mein nicht Deutsch sprechender Nachbar die Mülltrennung verstehen, wenn statt Bildern Buchstaben auf den Containern sind, und dazu das Maskottchen der MA48, das eine Blechbüchse im Haar hat?
  5. Warum hat man bei der Fahrplanauskunft der Wiener Linien immer dann, wenn man mal wirklich eine Frage hat, das Band dran?
  6. Wieso kosten die Fahrscheine in der Straßenbahn mehr als im Vorverkauf? Um Spontannutzer zu bestrafen?
  7. Warum kann man in der Straßenbahn keine Kurzstrecken-Tickets kaufen?
  8. Wieso ist auf Kinderspielplätzen das Ballspielen und Fahrradfahren verboten aber nicht das Rauchen (update August 2010: die meisten Spielplätze haben nun entsprechende Stickers angebracht, mal sehen wann die Umerziehungsphase gelungen ist).
  9. Dienen die dunklen Folien an der Straßenbahnfenstern dazu, dass die Fahrgäste von öffentliche Verkehrsmittel anonym benutzen können, oder damit die Stadterkundung erschwert wird?
  10. Was macht ein nicht Ortskundiger, wenn er wegen der Sperrung vom Südbahnhof den Ausweich-Bahnhof Meidling sucht und nicht weiß, dass die entsprechende U-Bahn-Haltestelle Philadelphia-Brücke heißt?
  11. Wirkt die Aufforderung an den Rolltreppen „Rechts stehen“ politisierend?
  12. Warum hat die U3 in der Station Herrengasse braune Bügel, wenn die Linie Orange ist?
  13. Wäre es nicht sinnvoll, wenn auf dem Bratislover-Prospekt der OEBB der Bahnhof in Bratislava so eingezeichnet wäre, dass man ihn auch findet?
  14. Der Ansager auf der U6 sagt richtig „49ich“ aber falsch „52ik und 58ik“. Wieso diese Sprachvielfalt?
  15. Wieso hat der Fahrkartenautomat am Flughafen Wien-Schwechat keine Auswahltaste für das Fahrtziel „Wien-City“?
  16. Was ist der Erfolgsindikator, wenn die Wiener Linien stolz verkünden, dass sie jeden Tag 100 Tonnen Müll einsammeln?
  17. Wieso muss man sich in der U-Bahn mit der Nase über den Mistkübel bücken, um etwas auf dem Stadtplan nachzusehen?
  18. Warum erhalten Hausfrauen bzw. -männer keine Förderung vom Wiener-Ausbildungsförderungs-Fonds?
  19. Woher soll man wissen, was eine Zusatzwertkarte für die Wiener Linien ist, wenn noch nicht einmal google mit dem Begriff etwas anfangen kann?
  20. Wie kalkuliert denn dieser Bäcker? 2 Semmeln, 2 Laugenstangen und 1 Körnerbrötchen: Das macht dann 3,49 EUR.
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It’s only water

Über den Jordan gehen

Jordantal in Jericho / West-Jordanland, Palästina

Das Jordantal in Jericho
Das Jordantal in Jericho

Über den Jordan gehen. Easy, seit die Wasserversorgung in Bewässerungskanäle abgezweigt und das Jordantal staubtrocken ist.

Wasser ist zum Waschen da?

Beit Sahour / West-Bank, Palästina

Ein "fruchtbares" Tal nahe Beit Sahour, West-Jordanland, Palästina
Ein „fruchtbares“ Tal nahe Beit Sahour, West-Jordanland, Palästina

Vom Stadtzentrum von Beit Sahour ist es nur ein kurzer Spaziergang zum Bustan Qaraaqa. Die Hänge des Taleinschnitts, in dem der „Garten der Schildkröten“ liegt, sind mit Wohnhäusern bestückt, die Sohle wird landwirtschaftlich genutzt. Olivenbäume, Kräuter- und Gemüsebeete verleihen dem Tal einen romantischen Charakter, eine Oase inmitten der beigefarbenen Steinlandschaft kurz vor dem Einsetzen der Regenzeit. Dass dieses grüne Paradies nur durch immensen Aufwand zu erhalten ist, lernen wir von einer Dame, die sich selbst Moonbeam nennt. „

Letzten Sommer war das Wasser so knapp, dass wir auf Wäsche waschen verzichten mussten und uns selbst nur die notwendigste Körperhygiene gönnten. Sonst wären die neuen Setzlinge uns eingegangen.“, erklärt die Aktivistin. Der Bustan Qaraaqa wurde vor eineinhalb Jahren gemeinsam von Europäern und Palästinensern gegründet als Modellprojekt für nachhaltige Landwirtschaft auf Basis von Permakultur. Ob das langfristige Ziel, den Garten in die Hände von lokalen Genossenschaftern zu übergeben, erreicht werden kann, ist ungewiss. „Unsere Befürchtung ist, dass der Klimawandel im vollen Gange ist. Die Regenzeit wurde in den letzten Jahren immer kürzer, und wenn es schlimm kommt, wird dies hier zu einer Regenschatten-Zone.“ Externe Geldquellen für das alternative Projekt zu erschließen ist schwierig, und die Einnahmen aus dem kleinen Gästehaus des Bustan sind gering und unregelmäßig.

Beschmutzte Blumen

Ma’ale Adumin / Israel

Grünanlage in einer Siedlung in Israel
Grünanlage in einer Siedlung in Israel

Ma’ale Adumin, die große israelische Siedlung zwischen Bethlehem und Jericho, erscheint wie eine Oase. Die Straßen sind gesäumt von prächtigen Bäumen, die Hänge sind mit Hecken bepflanzt und immer wieder laufen wir an großen Rasenflächen entlang. Möglich wird diese grüne Pracht durch ein zentrales Bewässerungssystem, die Schläuche liegen zwischen den Sträuchern und verbinden unterirdisch die Pflanzkübel. Zentraler Punkt der Siedlung – ein weithin sichtbares Monument – ist der riesige Wasserturm. Voller Stolz zeigt uns unsere Gastgeberin ihren Kräutergarten und die liebevoll gepflegten Bambus-Stauden. Getrübt wird diese Pracht durch die Kotflecken, mit denen die zahlreich vorhandenen Tauben die Terracotta-Platten dekorieren. Einer Bitte unserer Gastfamilie Folge leistend, übernehmen wir den Auftrag, den Dreck mit Wasser und Schrubber weg zu putzen.

Wasserspiele und Stadtklima

Aqaba / Jordanien

Springbrunnen in Aqaba, Jordanien
Springbrunnen in Aqaba, Jordanien

Aqaba an der jordanischen Küste des Roten Meeres präsentiert sich aufgeräumt und wohl temperiert. Neben Weltklasse-Tauchrevieren zeichnet sich die Stadt vor allem durch das ganzjährig milde Klima aus. In den weitläufigen Grünflächen im Zentrum wirken Springbrunnen von teils beachtlicher Größe als „natürliche“ Klimaanlagen. Jordanien ist eines der wasserärmsten Länder der Welt. Diese Problematik ist für Besucher, ein großer Teil besucht die City als Landgang während einer Kreuzfahrt, in Aqaba keinesfalls erkennbar.

Schmutzwäsche und Körperhygiene

Umm Saihoun / Wadi Musa / Jordanien

Beduinendorf im Wadi Musa, Jordanien
Beduinendorf im Wadi Musa, Jordanien

Das Beduinendorf oberhalb der historischen Stätte Petras erscheint wie ein kläglicher Versuch Nomaden sesshaft zu machen. Im Haus unserer Gastfamilie spielt sich das Leben auf dem Boden ab. Polstermatten dienen als Sitzgelegenheit, gegessen wird mit der Hand aus der Schüssel. Trotz der trockenen Lage im Wadi Musa ist die Trinkwasserqualität außerordentlich gut. Vom Hausherrn erfahren wir, dass es aus einem unterirdischen Wasserspeicher bezogen wird. Eine unerschöpfliche Ressource, wie es beim Anblick des defekten und deshalb dauerhaft träufelnden Wasserhahns scheint. Einen ausgiebigen Duschgang und die Wäsche unserer Kleider verschieben wir. Die Nasszelle beherbergt neben der Dusche auch das Hock-Klo und bei acht permanenten Bewohnern und fünf Gästen wollen wir die Nachfrage nicht allzu lange blockieren.

Alles im Fluss

Wadi  Weida’a/Jordanien

Müllsammel-Wanderung im Wadi Weida'a, Jordanien
Müllsammel-Wanderung im Wadi Weida’a, Jordanien

Dass Umweltschutz richtig Spaß machen kann und sogar touristisches Potential bietet, erleben wir während einer samstäglichen Aufräum-Aktion im Wadi. Zwei Dutzend Freiwillige aus der Gemeinde Ghor Mazra’a am Toten Meer sowie weitere zwanzig Volontäre, die organisiert über eine lokale Couchsurfing-Gruppe extra mit dem Bus aus der Hauptstadt Amman angereist sind, treffen sich am späten Vormittag zum Canyoning Clean-up. Ausgestattet mit Müllbeuteln geht es eine Stunde durch die traumhafte Schlucht-Landschaft dem Flusslauf folgend bergauf. Vor der Steilwand verteilen sich kleine Gruppen, um auf dem Rückweg ins Tal all den Müll einzusammeln, den Besucher, der Wind und die sturzflutartigen Regenfälle über die Jahre im Gebirgseinschnitt angelagert haben. Stolzes Resultat: Fünfzig prall gefüllte Abfallsäcke und die Hälfte des Weges einigermaßen gründlich gereinigt. Was sich im unteren Teil des Wadis alles angesammelt hat, bedarf mindestens einer weiteren Reinigungs-Aktion. Und dann mit mehr Säcken.

Warmduscher

Ghor Mazra’a/Jordanien

Boiler-Reparatur im Ghor Mazra'a am Toten Meer, Jordanien
Boiler-Reparatur im Ghor Mazra’a am Toten Meer, Jordanien

Unser Gastgeber entschuldigt sich gleich nach unserer Ankunft: Kein heißes Wasser – erst muss der Boiler repariert werden. Durch den hohen Salzgehalt des Wassers im kleinen Dorf nur wenige hundert Meter entfernt vom Toten Meer ist – mal wieder – der Heizstab unbrauchbar geworden. Ein Ersatzteil ist am nächsten Tag schnell besorgt. Nach vier Tagen Abstinenz wirkt die warme Dusche wie ein alles erneuernder Sommerregen.

Österreich ist Europameister!!!

Aschenbecher in Form einer Riesen-Zigarette
Aschenbecher in Form einer Riesen-Zigarette

Subjektiv habe ich Österreich schon lange als Raucherland wahrgenommen. Gestern bin ich über die Seite der Europäischen Statistik-Behörde EUROSTAT gestolpert und dort gibts dann die objektive Preisverleihung:

Österreich ist Europameister!!!

Kurzbeschreibung: Der Tabakkonsum stellt weiterhin die führende vermeidbare Ursache für Krankheit und Todesfälle in unserer Gesellschaft dar. Er bildet einen hohen Risikofaktor für Herz- und Gefäßkrankheiten, chronische Bronchitis und Emphyseme, Lungenkrebs und andere Erkrankungen. Der Indikator wird definiert als Zahl der aktuellen Raucher, ausgedrückt als prozentualer Anteil an der Bevölkerung. Als aktueller Raucher gilt, wer angibt, täglich oder gelegentlich zu rauchen. Die Daten stammen aus nicht-harmonisierten nationalen Gesundheitserhebungen (HIS, Health Interview Surveys). Die Länder wurden gebeten, die Daten gemäß den Eurostat Leitlinien nachzubereiten. Die HIS-Daten wurden je nach Land in verschiedenen Jahren erhoben, im Zeitraum von 1996 bis 2003.

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Quelle: Eurostat


Austria Tabak

Betriebskrankenkasse Austria Tabak
Betriebskrankenkasse Austria Tabak

Dass man sich in Österreich in besonderer Weise der Raucher annimmt, zeigt auch die Existenz dieser skurrilen Krankenkasse, der Betriebskrankenkasse Austria Tabak.

Die Selbstdarstellung verrät: „Wir wollen ein fairer Partner für Sie sein. Ihre Gesundheit ist unser Anliegen.“

Nicht ganz so fair ist es, dass der Eigentümer von Austria Tabak (fehlende) Sprachkenntnisse zu seinem Vorteil nutzt. Auf der internationalen Seite von Japan Tobacco Inc., dem drittgrößten Tabakkonzern der Welt, ist die Sektion „Smoking and Health“ als Teilbereich der „Corporate Responsibility“ absichtlich nur in englischer Sprache verfügbar.

Please note, this page is intentionally left in English.
Verantwortungsvolle Kommunikation: "Please note, this page is intentionally left in English."

Widerstand

gegen die Qualmerei gibt es aber auch. Er findet sich in Form von Stickern an Laternenpfosten.

Sticker: Smoke Sucks
Sticker: Smoke Sucks
Ka'Tschickistan! - Kampagnenaufkleber
Ka'Tschickistan! - Kampagnenaufkleber

Zur Erklärung sei vermerkt: Ein „Tschick“ ist in Österreich das, was man in Deutschland als „Kippe“ bezeichnet. Und die Kampagne „Ka‘ Tschick ist an! – Keine Kippe ist an!“ richtet sich gegen das Rauchen im Auto:

Dass Zigarettenrauch schädlich ist, hat sich schon herumgesprochen. (Passiv)rauchen im Auto ist besonders gefährlich: Die Schadstoffkonzentration und die Feinstaubbelastung im Wageninneren übersteigen die im Freien erlaubten Grenzwerte bis um das 20-Fache!

Kinder leiden besonders unter den Auswirkungen des Passivrauchens, da ihre Organe und ihr Immunsystem noch nicht voll entwickelt sind. Auch nichtrauchende erwachsene Mitfahrer (und natürlich Sie) sind der höheren Schadstoffkonzentration ausgesetzt.

Darüber hinaus gefährdet Rauchen im Auto die Verkehrssicherheit: Es lenkt ab (Zigarette anzünden, Abäschern, etc.), wirkt sich negativ auf die Konzentrationsfähigkeit aus (der Kohlenmonoxidgehalt im Blut steigt, während der Sauerstoffgehalt im Gehirn sinkt), und nicht zuletzt können noch brennende, aus dem Fenster geworfene Zigarettenstummel gefährliche Brände verursachen.

Darum: verzichten Sie auf die Zigarette im Auto!

www.katschickistan.at

Alles in Ordnung!

"Aus is' - Im Aschenbecher"
"Aus is' - Im Aschenbecher"

Rund 868 Millionen Zigarettenstummel landen jährlich in Wien am Boden: Damit könnte man flächenmäßig 30 Fußballfelder füllen. Ob die Magistratsabteilung 48, zuständig für Sauberkeit und Müllentsorgung in Wien, mit den neuen zigarettenförmigen Sonderbehältnisse dem Werfen von Zigarettentummeln aus dem Autofenster Einhalt gebieten kann, ist fraglich.

Das jährliche Volumen der weggeworfenen Stummel entspricht dem Inhalt von 36.200 Papierkörben. Mit der Aufschrift „Host an Tschick?“ versehene Aschenrohre aus einem feuerfesten Metall- Zylinder sollen jetzt für mehr Sauberkeit sorgen. Die neuen Aschen- Rohre fassen über 1.000 Zigarettenstummel und sind daher auch auf gut frequentierten Plätzen ausreichend dimensioniert. Die Entleerung erfolgt mittels Klappe am unteren Ende, welche die MA 48 selbst entwickelt und beim Patentamt angemeldet hat.

„Es gibt längst keine Ausreden mehr, Zigarettenstummel ordentlich zu entsorgen, das Angebot der MA 48 steht“, so Umweltstadträtin Ulli Sima. Zigaretten benötigen rund ein bis fünf Jahre zum Verrotten. In Grünflächen sind sie nur sehr schwer bis gar nicht zu entfernen. Dass die neuen Aschen- Rohre allein für mehr Sauberkeit in der Stadt sorgen werden, glaubt aber anscheinend auch im Rathaus nur wenige. Deshalb wurde in einer Aussendung der Wiener Rathauskorrespondenz auch gleich vorsorglich darauf hingewiesen, dass „die Wiener WasteWatcher befugt sind, bei Nichtbefolgen der ordnungsgemäßen Entsorgung zu ermahnen, aber auch Organstrafmandate in der Höhe von 36 Euro zu verhängen“.

Quelle: www.austria.com – „Host an Tschick?“ – Wien macht gegen Zigarettenstummel mobil

Ein Souvenir der anderen Art

Mit vielen religiösen Festivals in Indien geht eine Mela – ein Jahrmarkt – einher. Händler bieten Süßigkeiten, es gibt ein Kulturprogramm und Spielsachen werden verkauft. Ganz so wie bei der Kirchweih in Europa. Beim Besuch der Shiv-Puja in Jalpes, einer regional sehr bedeutenden Tempelstätte für den Gott Shiva, erregte besonders ein Spielzeugverkäufer meine Aufmerksamkeit. Er bot kleine Blechboote an, die angetrieben von einer Kerze in einer Wasserschüssel ihre Runden drehten. Ein ideales Souvenir, wie ich fand: Nicht schwer, nicht zerbrechlich, nicht verderblich, zudem günstig und ein schönes Mitbringsel für Kinder. Nach kurzem Verhandeln des Preises kaufte ich dem Händler fünf Exemplare ab und ging meiner Wege.

Souvenir-Händler auf einer Mela
Souvenir-Händler auf einer Mela
Blechboot mit Kerzenmotor
Blechboot mit Kerzenmotor

Als ich am nächsten Tag die Boote zuhause genauer inspizierte, war ich erstaunt. Drei Schiffchen waren hergestellt aus Deodorant-Dosen – eine sinnvolle Weiterverwertung, so mein Gedanke. Bei den nächsten beiden Booten allerdings wurde ich nachdenklich. Auf dem Blech war die Beschriftung „Faserfrisch – für alle Teppiche“ auf Deutsch zu lesen. Man kann sich leicht einen Reim darauf machen, wie Deodarant-Dosen mit deutscher Aufschrift als nach Asien kommen. Teppichreiniger als Abfallprodukt des weltweiten Tourismus erscheint mir aber skurril. Hatte ich einen handfesten Beweis für den Export deutschen Mülls ins Ausland in der Hand? Die Antwort muss ich offen lassen. Einzig dass der Abfall als geschätzter Zeitvertreib meiner Kinder nun wieder in Europa angelangt ist, lässt ein wenig positives Licht auf die Sache fallen. Müll-Reimport via Recycling-Spielzeug aus Asien. Ein Mitbringsel der anderen Art.

Teppich Reinigungs-Spray
Das Ausgangs-Material: Teppich und Polster Reiniger
Müllverwertung zu Spielzeug
Müllverwertung zu Spielzeug
Müll-Reimport - Das Schiffchen im heimischen Waschbecken
Müll-Reimport - Das Schiffchen im heimischen Waschbecken

Vom natürlichen Recht auf Werbung

Postkasten mit Werbung557 Gramm Werbe-Prospekte (nachgewogen!!!) waren dieser Tage in unserem Briefkasten – die stolze Ausbeute nur eines einzigen Tages. Eines beliebigen – wenn auch überdurchschnittlichen – Tages. Ich mag einsehen, dass der Zusteller verwirrt war, ob der vielen Namen am Briefkasten: Der Vermieter steht noch drauf, Andrea und die Kinder haben einen anderen Nachnamen als ich und unser aktueller und unser vorheriger Mitbewohner stehen auch noch da. Verständlich, dass jeder seine eigenen Prospekte benötigt – und auch bekommt. In Rücksprache mit allen Betroffenen haben wir eines Tages demokratisch beschlossen, dass wir fürderhin ganz auf nicht-adressierte Werbepost verzichten möchten. Ein Aufkleber „STOP – Keine Werbung!!!“ war schnell von Hand gemalt und am Briefkasten angebracht. Und natürlich an der Wohnungstür, um die kleinen Plastiktütchen mit Prospekten und die Speisekarten am Gummiring von der Pizzeria um die Ecke abzuwehren.

Eine schwere Last: Kaufanreize im KilogebindeDie Haltbarkeit der Aufkleber lag bei einem Tag. Dann waren sie verschwunden und der Postkasten wieder voller Reklame. Dreimal ging das ganze bisher so. Gestern schließlich habe ich einen Werbe-Verteiler in Aktion erwischt und ihn nach der korrekten Beschwerde-Adresse befragt. Die Ausweiskarte, die er mir vorzeigte, legitimierte ihn als Zusteller im Auftrag der Österreichischen Post. Ein Anruf auf der vermerkten Hotline-Nummer bestätigte, dass die Papierflut von einer 100-prozentigen Tochterfirma der staatlichen Post verteilt wird und dass wirksame „Stop-Keine Werbung!!!“ Aufkleber nur bei der Wirtschaftskammer erhältlich seien. Der Fachverband Werbung & Marktkommunikation unterhält eine eigene Abteilung zum Thema „Bitte kein Reklamematerial“ mit angeschlossener Hotline. Nach wenigen Minuten in der Warteschleife erklärt mir eine freundliche Dame das weitere Vorgehen: Einen adressierten und mit 55 Cent frankierten Rückumschlag mit Kennwort „Kein Werbematerial“ zuschicken und man erhält einen oder auf ausdrücklichen – schriftlich geäußerten – Wunsch bis zu drei Aufkleber. Warum nicht gleich für die ganze Hausgemeinschaft mitbestellen, denke ich mir und erfahre: Eine Sammelbestellung sei prinzipiell möglich, allerdings müsse hierzu eine Unterschriftsliste und eine Kenntnisnahme der Hausverwaltung eingereicht werden.

Von einer Unterschriftliste für eine Petition gegen die generelle Zumüllung mit unerwünschter Werbung weiß die Telefon-Stimme leider nichts. Wäre ja irgendwie nachhaltiger. Andererseits muß man hier auch ausdrücklich der pauschalen Entnahme seiner Organe widersprechen.(Organe) geben und (Prospekte) nehmen – ein natürliches Recht in Österreich.

Update: Hier das Antwortschreiben der besagten Agentur – vielleicht hilfts ja auch als Adressreferenz für weitere Werbe-Verweigerer.

Brief der Werbemittelverteiler Agentur
Brief der Werbemittelverteiler Agentur

Alter Trunk aus neuen Schläuchen

Alter Trunk aus neuen Schläuchen

Nestea aus Plastikbechern in Darjeeling
Moderne Zeiten in Darjeeling: Beuteltee in Plastikbechern

An Teeständen machen Gläser und Tonschalen vermehrt Plastikbechern Platz. Der Teeverkäufer erklärt mir die Vorteile: Der Bruch ist nicht so hoch, es ist billiger und weniger Arbeit. Gläser sind Mehrweg, müssen aber gespült werden – und Wasser beziehen die Straßen-Teestand meist per Kanister. Dieser wird an Brunnen mit Trinkwasser gefüllt und dann zum Stand geschleppt. Die Tonschalen wirft man nach Gebrauch weg. „Die schönen Terracotta-Schälchen“ dachte ich die ersten Male. Aber es ist ungebrannter Ton, Wiederverwendung ist unhygienisch. 100 Tonschalen kosten 20 Rupien. Aber es gibt Ausschuss, nicht alle überleben den Transport zum Teestand unbeschadet. Die Plastikbecher sind einfacher zu stapeln, 100 Stück kosten zehn Rupien und nach Gebrauch wirft man sie einfach weg. Die Tonschalen-Macher – ganze Dörfer leben davon – tragen den Siegeszug der Massenware hoffentlich mit Fassung.Meistens bekomme ich zwei Plastikbecher um meinen Tee – entweder sind die Becher nicht stabil genug, oder der Tee ist zu heiß. Teemännchen-Rechnung.

Unabhängig von der Biersorte haben Bierflaschen in Indien meist eine einheitliche Form. Dafür ist die Glasfarbe beliebig. So bekommt man ein ‘Kingfisher’ mal aus einer klaren, mal aus einer brauen, mal aus einer grünen Flasche. Und kauft man sich ein ‘Dansberg Blue’ ist es genauso, auch wenn der Name anderes suggeriert. Und immer die gleiche Flaschenform. Man muss schon genau auf´s Etikett schauen. Kein Dschungel, wie in Deutschland: Longneck, Euro2, NRW, Stubbi, Bügelverschluss, Kronkorken, Glas, Plastik…. Dafür ist in Deutschland die Farbe meist einheitlich: braun. Dennoch müssen die ganzen Flaschen schön wieder in die Originalkästen und dann zurück zum Herkunftsort. Auch wenn das bayerische Hefeweizen am Nordsee-Strand die Getränkekarte bereichert, der bittere Nachgeschmack ist der Leertransport der Flaschen. Stellt man sich jetzt vor, dass in Deutschland – einem Dorado der Biertrinker – die Flaschenform (wieder) einheitlich wäre, was würde das an Verkehr und an Schadstoffausstoss sparen. Ich kann versichern: An´s Etiketten-Lesen gewöhnt man sich recht schnell.

Stadt, Land, Fluss – Kalkutta und die Sunderbans

Stadt, Land, Fluss – Kalkutta und die Sunderbans

Pilger Kalkutta
Zwei Sadhus - Männer, die ihr Leben dem spirituellen Dienst widmen -mit orangefarbenen Kopftüchern und Bemalung auf der Stirn sitzen auf der Straße vor dem Kali Temple in Kalkuttas Stadtteil Kalighat.

Leicht verspätet zum Karneval ein Gruß nach Köln. Die quirlige Rheinmetropole ist nicht eben bekannt als Raum der Stille und Einsamkeit. Im Vergleich mit Kalkutta ist sie – mal abgesehen von der Karnevalszeit – ein Naherholungsgebiet. Die Bevölkerungsdichte der indischen Mega-City ist zehnmal höher als die der Stadt am Rhein. Diese Konzentration an Menschen hat ausgesprochen angenehme Auswirkungen. Es gibt viel Kultur, viel zu beobachten, viel zu erleben.

In der College-Street umranden Buchstände einen Park stattlichen Ausmaßes. Die Stände sind klein und die Bücher sind gestapelt vom Verkaufstisch bis unter das Ladendach. Es gibt Spezialstände für allerhand Fachrichtungen und was der eine nicht anbieten kann das hat vielleicht ein anderer. So wandert man von Auslage zu Auslage, die Frage wie sich die vielen Stände nebeneinander seit Jahrzehnten behaupten immer im Hinterkopf. Zum Nachsinnieren bietet sich ein Besuch im Kaffeehaus der indischen Kaffeearbeiter-Gewerkschaft an. Dort sind große Gedanken eine feste Einrichtung. Es wird geraucht, Kaffee wird geschlürft und Häppchen geknabbert – die bengalische Intelligenz, vor allem aber Studenten, geben sich hier die Klinke in die Hand. Im männlich geprägten Philosophen-Ambietente springen die wenigen Frauen direkt ins Auge.

Daheim auf dem Gehsteig in Kolkata
Eine Bleibe ohne Dach - der Hausstand einer Familie auf dem Gehsteig einer Strasse in Kalkuttas Süden

In 51 Teile wurde die Göttin Kali dereinst zerschmettert und eine ihrer Zehen ist im Süden der heutigen Stadt gelandet. Ein Tempel ihr zu Ehren ist Mittelpunkt des Stadtteils Kalighat. Zu Hunderten strömen täglich ihre Anhänger die kleine Straße entlang. Ausländer werden bereits kurz nach der Metrostation von eher scheinheiligen Fremdenführern umlagert, die aufdringlich ihre Unterstützung beim Tempelbesuch anbieten. Vor dem Tempel liegt ein Teppich von Bettlern beiderlei Geschlechts und jedweden Alters. Soziale Mildtätigkeit und geistige Erhellung scheinen ein untrennbares Paar – direkt neben dem Tempel befindet sich eine Zweigstelle der Mission, die von Mutter Theresa gegründet wurde. Etwas abseits vor einem Hauseingang kitzelt eine Mutter ihren Säugling, sodass dieser vor Freude juchzt. Momente des Glücks in einem Zuhause ohne Dach.

Die negativen Seiten kann Kalkutta nur schwer vor seinen Besuchern verstecken. Viel Müll, viel Lärm, viel Gedränge auf dem Bürgersteig, die Stadt ist vor allem eines: Viel – von allem. Richtig bewusst wird einem dies, wenn man die Stadt Richtung Süden, gen Meer, verlässt.

Die Landschaft wird weitläufiger, die Häuser kleiner. Auch hier leben die Menschen in den wenigen Dörfern und Kleinstädten dicht gedrängt und das Auto kann sich nur im Schritt-Tempo durch die Massen kämpfen. Aber die Ansiedlungen reihen sich nicht nahtlos aneinander wie in Kalkutta. Reisfelder, Shrimp-Farmen und Fabriken prägen das Gebiet. Die Sumpfgebiete, die heute in und unmittelbar um die Stadt herum mit großem Aufwand zu wertvollem Bauland für Wohnprojekte trockengelegt werden, sind hier Lebensgrundlage. Der ausgegrabene Schlamm wird zu Backsteinen verarbeitet, die entstandenen Löcher geflutet und mit Krabben-Laich bestückt.

Shrimp Laich abfangen in den Sunderbans
Eine Frau schleppt sich durch den Fluss, um mit einem engmaschigen Netz den Laich wilder Krabben aus dem Wasser zu fischen. Eine gefährliche, mühsame und umweltschädliche Angelegenheit, aber oft ein Einkommen ohne Alternativen.
Willkommen im Sunderban Nationalpark
Eingang zum Nationalpark Sunderbans

In Sonakhali endet die Fahrt an einem Bootsanleger. Die Sunderbans sind eine Inselwelt, Autos sind hier selten. Auf dem Weg flußabwärts kann man die Rohstoffproduktion der Krabbenfarmen beobachten. Frauen waten knietief im Wasser und ziehen feine Netze hinter sich her. Ein ebenso beschwerlicher wie gefährlicher Lebensunterhalt, Hai- und Krokodilattacken sind keine Seltenheit. Im Nationalpark Sunderbans sind die Krokodile eine der Hauptsehenswürdigkeiten. Nach deren Sichtung ist der Anblick von Rehen und Wildschweinen eine Attraktion zweiter Klasse. Der Tiger wird das anders sehen, stellen diese doch seine wichtigste Nahrungsquelle dar. Sein Revier sind die undurchdringlichen Mangrovenwälder – ein Revier das keines ist, weil mit jeder Flut seine Markierugen weggewaschen werden. Der König von Bengalen ist ein rastloser Wanderer und man trifft ihn nur selten, obwohl kein anderer Nationalpark so viele Exemplare verzeichnet. Verloren in der Ruhe und Weite der menschenfeindlichen Welt der Sunderbans verblasst langsam die Anspannung des Großstadtbesuches.

Sport Sunderbans Indien
Während der Mela, dem großen Fest, messen Männer wie Frauen ihre Kräfte im sportlichen Wettkampf.

Unterhaltung bietet die alljährliche Mela. Auf dem Dorfplatz versammeln sich am Abend die Bewohner der nahegelegenen Dörfer, um Tanzaufführungen und Gesangsdarbietungen zu bestaunen, die von Schulkindern und engagierten Volkskünstlern auf die Bühne gebracht werden. Dem Abendprogramm geht während des Tages ein Sport- Spielprogramm voraus. Männer in Lendenschurz treten im Wettstreit gegeneinander an, die Regeln des Spieles erinnern an das englische Rugby allerdings ohne Ball. Die Frauen messen sich in einer Mischung aus Rennen und Geschicklichkeit, es gilt auf halber Strecke einen Faden durch ein Nadelöhr zu bringen. Die Jugendlichen üben sich in Weitsprung und Kugelstoßen.

Das Leben scheint fröhlich, und wenn auch einfach, so bestimmt nicht leicht. Langsam fast verschämt scheint die Gegend am wirtschaftlichen Aufschwung Indiens teilhaben zu dürfen. Die Deiche werden befestigt und die schmalen mit Backsteinen gepflasterten Straßen werden verbreitert. Einem Anachronismus gleich durchschneidet ein Motorrad die Beschaulichkeit des ländlichen Lebens. Vielleicht war es die Klima-Debatte, die dem riesigen Flußdelta zu mehr Aufmerksamkeit verholfen hat. Ganze Inseln seien verschwunden, so wurde berichtet. Aber auch von Landerweiterungen durch Aufforstungsprogramme ist zu hören. Die Sunderbans sind im Wandel. Wie anders die Welt sein kann wird einem spätestens bewusst, wenn man wieder die Straßen Kalkuttas betritt.

Die Bundeszentrale für Politische Bildung hat einen sehr feinen Artikel über Kalkutta veröffentlicht.