Alter Trunk aus neuen Schläuchen

Alter Trunk aus neuen Schläuchen

Nestea aus Plastikbechern in Darjeeling
Moderne Zeiten in Darjeeling: Beuteltee in Plastikbechern

An Teeständen machen Gläser und Tonschalen vermehrt Plastikbechern Platz. Der Teeverkäufer erklärt mir die Vorteile: Der Bruch ist nicht so hoch, es ist billiger und weniger Arbeit. Gläser sind Mehrweg, müssen aber gespült werden – und Wasser beziehen die Straßen-Teestand meist per Kanister. Dieser wird an Brunnen mit Trinkwasser gefüllt und dann zum Stand geschleppt. Die Tonschalen wirft man nach Gebrauch weg. „Die schönen Terracotta-Schälchen“ dachte ich die ersten Male. Aber es ist ungebrannter Ton, Wiederverwendung ist unhygienisch. 100 Tonschalen kosten 20 Rupien. Aber es gibt Ausschuss, nicht alle überleben den Transport zum Teestand unbeschadet. Die Plastikbecher sind einfacher zu stapeln, 100 Stück kosten zehn Rupien und nach Gebrauch wirft man sie einfach weg. Die Tonschalen-Macher – ganze Dörfer leben davon – tragen den Siegeszug der Massenware hoffentlich mit Fassung.Meistens bekomme ich zwei Plastikbecher um meinen Tee – entweder sind die Becher nicht stabil genug, oder der Tee ist zu heiß. Teemännchen-Rechnung.

Unabhängig von der Biersorte haben Bierflaschen in Indien meist eine einheitliche Form. Dafür ist die Glasfarbe beliebig. So bekommt man ein ‘Kingfisher’ mal aus einer klaren, mal aus einer brauen, mal aus einer grünen Flasche. Und kauft man sich ein ‘Dansberg Blue’ ist es genauso, auch wenn der Name anderes suggeriert. Und immer die gleiche Flaschenform. Man muss schon genau auf´s Etikett schauen. Kein Dschungel, wie in Deutschland: Longneck, Euro2, NRW, Stubbi, Bügelverschluss, Kronkorken, Glas, Plastik…. Dafür ist in Deutschland die Farbe meist einheitlich: braun. Dennoch müssen die ganzen Flaschen schön wieder in die Originalkästen und dann zurück zum Herkunftsort. Auch wenn das bayerische Hefeweizen am Nordsee-Strand die Getränkekarte bereichert, der bittere Nachgeschmack ist der Leertransport der Flaschen. Stellt man sich jetzt vor, dass in Deutschland – einem Dorado der Biertrinker – die Flaschenform (wieder) einheitlich wäre, was würde das an Verkehr und an Schadstoffausstoss sparen. Ich kann versichern: An´s Etiketten-Lesen gewöhnt man sich recht schnell.

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Die Sache mit dem Müll

Die Sache mit dem Müll

Eine Zeitung täglich, ein Liter Milch, Babywindeln, Haarshampoo… die Annehmlichkeiten des modernen Lebens produzieren neben Unterhaltung, Information, Gesundheit und Hygiene ein unangenehmes Nebenprodukt: Müll. Dieser ist in einer Mülltonne gut aufgehoben; bis sie voll ist. Aber was dann? Der Hausmeister aus unserer Wohnanlage schickt uns zum Nachbargrundstück. “Einfach dort über den Zaun werfen”, so sein Rat. Ungläubig wenden wir uns an eine Nachbarin, in Suche nach einer mehr durchdachten Entsorgung. In dieses Nachbargrundstück werfen, sei keine Lösung. Ihre Hausangestellte entsorge den Abfall immer etwas weiter vom Haus entfernt. Hundert Meter weiter wirft sie ihn über den Zaun auf ein Baugrundstück.

Verunsichert wenden wir uns an einen Freund, der erklärt, dass die Stadt den Müll entsorgt – getrennt nach Biomüll und Restmüll. Auch für Papier, Glas, Metall und andere Wertstoffe gebe es Recyclingbetriebe. In den Außenbezirken mit ständig neuen Wohnanlagen sei die Abholung aber vermutlich noch nicht gewährleistet.

Im Haushalt ist es ergo eine Frage der Zeit. Im Alltagsleben ist das Problem dennoch allgegenwärtig. Ein Becher Tee ist eine willkommene Unterbrechung des Einkaufs. Sobald man das Getränk genossen hat, stellt sich die Frage nach der Entsorgung des Trinkgefässes. Es sei angemerkt, dass Tee, wenn nicht in Gläsern oder Tassen, entweder in kleinen Tonschalen oder – verstärkt – in Plastikbechern gereicht wird. Diese werden selbstverständlich nach Gebrauch in den Straßengraben geworfen. Am frühen Morgen wird dieser Müll zusammengekehrt und abtransportiert. Wo es keinen Abtransport gibt, verbrennt man den Müll am Abend auf der Stelle. Bis dahin ist das Zwischenlager ein Versorgungspunkt für Kühe, Hunde und Vögel, die sich an weggeworfenen Speiseresten laben.

Cow eating plasticEine Hundeschnautze, die sich in ein Marmeladenglas zwängt, ist ein komischer Anblick. Eine Kuh, die an einem durch unverdauliche Plastiktüten verstopften Verdauungstrakt verendet, ist weniger lustig. Andererseits würde der Wegfall der Straßenentsorgung für Tausende streunender Tiere das sichere Ende einläuten. Und nicht nur für streunende Tiere. Geier sind eine der am stärksten bedrohten Tierarten weltweit. Für die Population der seltenen Vögel, die auf Siliguris Müllkippe einen Lebensraum gefunden haben, stellte die Einführung der Mülltrennung eine gravierende Habitatsveränderung dar.

Über solche Probleme kann man in den ländlichen Gebieten des Ost-Himalaya nur schmunzeln. Müllentsorgung ist eine städtische Errungenschaft, in den Dörfern sind zentrale Lösungsansätze Mangelware. Meist wird der Müll verbrannt. Oder aber er landet im Straßengraben, von wo aus ihn Regen in die Bäche transportiert und von dort auf dem Weg talwärts rechts und links des Flußlaufes abgelagert. Im relativ jungen Himalaya, einem Gebirge, dass sich noch immer im Aufbau befindet, sind Bergrutsche bedingt durch Plastikschichten auf dem Boden keine Seltenheit. Klaus, ein Experte für Abfall-Management, ist folglich ein gerne gesehener Mann in den Bergen. Er hat einen Ofen entwickelt, mit dem der Müll besser verbrannt werden kann. Sein System ist kostengünstig und lokal anwendbar. Es ist weniger umwelt- und gesundheitsbelastend als die offene Verbrennung und es ist vor allem realistisch und machbar.

“Früher wurden viele Güter in Jutesäcken oder Papier in die Berge gebracht. Plastikverpackungen gibt es hier noch nicht so lange”, erinnert sich ein älterer Gemeindevorsteher. Die neuen Verpackungen wurden von den Dorfbewohnern genauso entsorgt, wie man das gewohnt war. Was nicht wieder zu verwenden war, wurde deponiert bzw. verbrannt. Dass Plastik sehr lange zum Verroten braucht und auch nicht rückstandsfrei verbrennt, hat sie erst die Zeit gelehrt. Man steht dem Entsorgungsproblem nach wie vor meist hilflos gegenüber. Vereinzelt ergreifen Kleinunternehmer die Initiative, sortieren Wertstoffe aus und verkaufen sie an Recyclingbetriebe in den Städten am Fuß der Berge. Aber der Transport ist teuer und von einem lohnenden Geschäft kann kaum die Rede sein. Ohnehin ist der nicht recyclebare Müll von dieser Option ausgeklammert.

Müllofen in ActionGut hundert Leute sind gekommen, um die Ofenvorführung zu sehen. Die erste Lektion lautet: Nicht alles kann verbrannt werden. Und nicht alles sollte verbrannt werden: Wiederverwertbares ist zu kostbar zum Verbrennen. Bio-Müll, Hartplastik, Weichplastik, Glas, Papier, Giftstoffe – im Sortieren liegt das Geheimnis. Biomüll ist Kompost, Glas und PET-Flaschen sollten den Recyclingbetrieben in der Ebene zugeführt werden. Erst als die Flamme im Ofen Weichplastik und Stoffreste fast rückstands- und geruchsfrei verbrennt, verstehen die meisten die Bedeutung. Und als Klaus erklärt, dass sich die Asche als Dünger eignet, schwindet die Skepsis auch von den letzten Gesichtern. Am nächsten Tag brennen die Dorfbewohner selbst. Klaus hält sich mit Anweisungen zurück, greift nur im Bedarfsfall ein. Schon nach zwei Tagen hat sich das Dorfbild verändert. Viel Plastik ist den Flammen zum Opfer gefallen, die Einheimischen sind motiviert. “Nun hängt alles von ihrer eigenen Initiative ab”, sagt Klaus auf dem Weg bergab. “Die technische Hilfe kann von außen kommen, die Verantwortlichkeit ist eine Angelegenheit des Dorfes.”

(Klaus Schätte ist Experte für Angewandte Umwelttechniken beim deutschen Senior Expert Service in Bonn)