Hamburg – Hansestadt auf Eis

Hamburg begrüßt uns in aller Ruhe bei eisigen fünfzehn Grad minus. Der Nachtzug aus Wien kommt um 8:00 Uhr an, die Tourist-Info am Hauptbahnhof öffnet um 9:00. Ein Glück, möchte man sagen, sonst wäre uns womöglich ein vorzügliches Frühstück mit Rührei, Körnerbrötchen und heißer Milch erspart geblieben. Die Bäckerei auf dem Bahnhofsvorplatz wirbt auf den Tischsets mit Lehrstellen-Casting inklusive Facebook-Fanpages: Freundliches Fachpersonal möchte man ausbilden – von Aushilfskräften scheint man an der Elbe wenig zu halten

Bestückt mit einer günstigen Gruppen-Tageskarte für 9,90 EUR – die hätte vor neun sowieso noch nicht gegolten – verlassen wir die Tourist-Info mit Wegwerf-Stadtplan und dem Tipp, dass die Streckenführung vom 112er Bus einen schönen Eindruck von Hamburgs Sehenswürdigkeiten ermöglicht. In mollige Wärme gehüllt kutschern wir eine halbe Stunde durch Wohn- und Gewerbegebiete bis zur Endstation „Hammerbrookplatz“ Der Hammerbrook wurde im zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört. Auf den Trümmern des demolierten Areals entstanden nach und nach Gewerbeflächen und wenige Wohnanlagen. Umso mehr freut uns der winterlich verlassene Spielplatz – nach der langen Nachtzugreise ein schöner Ausgleich für die Kinder. Das kleine Wohngebiet ringsum strahlt diese gewisse Gemütlichkeit der Vorstadt aus. Der Gratis-Stadtplan versagt. Laut Streckenplan an der Bushaltestelle sind wir irgendwo in Planquadrat T 23. Nicht janz weit draußen, aber schon ein Stück entfernt vom innerstädtischen Rummel.

Unsere Gastgeber schütteln fragend den Kopf, als wir von unserer ersten Stadtexkursion erzählen. Sie wohnen tatsächlich weit draußen am Stadtrand. Ein Häuschen im Grünen für die freundliche Familie mit drei Kindern. Tag zwei beginnt also mit Schlittschuhlaufen auf dem Weiher im nahegelegenen Wald. Der Nachmittag ist dem Besuch des historischen Bauernhofs im „Nachbardorf“ gewidmet: Volksdorf trägt den ländlichen Charakter noch im Namen, ist aber längst Stadtteil. Um einen adretten Platz gruppieren sich kleine Läden, Gallerien, Handwerksbetriebe und dreistöckige Mehrfamilienhäuser. Erstaunlich ist die Bäckereidichte. Auf knapp 20.000 Einwohner von Volksdorf kommen sage und schreibe acht Bäcker – man entschuldige, wenn ich nicht alle entdeckt habe. Hier scheint Brot noch was zu gelten.

Was ist das größere Glück: Der Tipp mit der Mittagsandacht im Michel oder der Fund des Wochenmenü-Flyers vom Seemannsheim Krayenkamp? Dankbar nehmen wir beides wahr – zumal ob der räumlichen und zeitlichen Nähe. St. Michaelis, so der offizielle Name des Hamburger Wahrzeichens, erstrahlt nach abgeschlossener jahrelanger Sanierung in neuem Glanz. Besonders prunkvoll hat man das Orgelwerk renoviert. Eine alte Frau hatte durch eine großzügige Spende die Wiederherstellung des im Kriegs zerstörten Fernwerks finanziert. Über einen Kanal werden die Klänge der Orgel in die Mitte der Kuppel übertragen. Aus drei Richtungen kommen die Töne – alles ist Klang. Tamuna lauscht mit weit offenem Mund, Samiran wirkt fast eingeschüchtert von dem akustischen Feuerwerk. Nach der geistigen Stärkung kümmern wir uns um das leibliche Wohl. Tamuna, die seit kurzem nur noch „gutes Fleisch“ essen will, probiert am Großneumarkt die Rossbratwurst. Pferde scheinen moralisch unbedenklich zu sein. Wir sind als Landratten zwar ungewöhnliche, aber dennoch willkommene Gäste zum Mittagessen im Seemannsheim. Klischee lass nach: es gibt dort Grünkohl mit Kochwurst und Mettenden, als Alternativ-Menü steht Kohlroulade auf der Speisetafel. Lokales Essen, gut und günstig, in exklusiver Atmosphäre. Toll.

Zwischen dem Michel und der Reeperbahn überwacht ein überlebensgroßer Bismarck die Bauarbeiten in seinem Vorgarten. Vieles ist in Hamburg in Bewegung – wie wir beim Besuch des Stadtmodells in der Wexstrasse lernen. Mit der Hafencity entsteht ein komplett neuer Stadtteil, der die Hamburger City um 40 Prozent erweitern und Tausenden neuen Bewohnern Platz bieten wird. Es ist das größte innerstädtische Bauprojekt Europas. Neue Kai-Anlagen entstehen auch, um die zunehmende Anzahl von gigantischen Kreuzfahrtschiffen abzufertigen. Dem wirtschaftlichen Segen, den dies bringt, steht auch Verdruss entgegen. Wir lernen von einem Städteplaner, dass es gar nicht so einfach ist, die Schiffe während des Landgangs mit Strom zu versorgen. Eine internationale Norm für Stromspannung und verwendete Stecker etc. gibt es offenbar nicht. Also bleibt der Motor an – zum Glück neuerdings mit „relativ“ umweltfreundlichem Schiffsdiesel. Schweröle dürfen auf dem Binnengewässer nicht mehr verbrannt werden. Bis die neue Landstromanlage fertig ist, müssen die Einwohner der Umwelthauptstadt 2011 wohl mit dem Gestank und den Abgasen aus dem Schiffsrumpf leben. 120 Kreuzfahrtschiffe verpesten die Luft im gleichen Umfang wie 50.000 Autos jährlich. Aber das sind alles kleine Fische:12.000 Frachtschiffe werden jährlich im Hamburger Hafen abgefertigt. Und auch die schalten die Dieselaggregate nicht ab.

Vielleicht hätte Astrid Lindgren ja eine Idee, wie man das alles ganz praktisch lösen kann. Der schwedischen Kinderbuchautorin ist eine Ausstellung im Schulmuseum St. Pauli gewidmet. Während Samiran auf dem kleinen Onkel aus Pappmache reitet und Tamuna ihren Beitrag „Villa Kunterbunt im Sommer“ für den Malwettbewerb vorbereitet, erfahren wir spannende und lustige Hintergrund-Geschichten zu Pippi Langstrumpf, Ronja Räubertochter, Karlsson vom Dach, den Kindern von Bullerbü und wie die kleinen Helden sonst noch alle heißen. Auch deren Erfinderin erscheint in ganz neuem Licht – als Preisträgerin des Friedenspreises des deutschen Buchhandels und des Alternativen Nobelpreises.

Ein besonderes Geschenk macht uns zum Abschied die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt. Sie gibt nach langem Abwarten bei 20 Zentimeter Eisdicke die Außenalster frei für Eisläufer und Fußgänger. Ein seltenes Vergnügen und eine wundersame Erinnerung: Auf dem Weg zum Bahnhof übers Wasser gelaufen zu sein.