Auf Messers Schneide

Vereinzelt findet man sie noch, zum Beispiel im Osten vom Westen, im Wedding. Barbiere. Hier ist es mir ein Fest, dass ich dieses lästige Übel delegieren kann. In den Städten ist es meist Bequemlichkeit.  Auf dem Land – je kleiner das Dorf, umso besser – kommt ein gewisser Unterhaltungseffekt dazu. Mit jedem Schritt, mit dem man sich dem Barber nähert (nicht immer ist es ein Salon, oft ist es nur ein Stuhl auf der Strasse inkl. eines Spiegels an einem Baum oder einer Wand), werden seine Augen größer. Wer in der Kunst des Blicklesens bewandert ist, weiss: aus einem anfänglichen „der hat sich wohl verlaufen“, wird ein erstauntes „oder etwa doch nicht“, gefolgt von einem „der meint es tatsächlich ernst“, sobald man den Stuhl besteigt und mit Gesten den Grund des Besuches kommuniziert. Zwar rasiert ein indischer Barbier pro Tag geschätzt 20 Leute, selten jedoch derart hellhäutige. Daher vermutlich die anfänglich spürbare Unsicherheit: „Rasiert man eine helle Haut genauso wie eine dunklere?“ Schon während des Einpinselns entspannt sich die Situation. Die Rasur beginnt an den Koteletten und ein Schnitt hier wäre zwar peinlich, aber dennoch verkraftbar. Mit jedem Quadratzentimeter weggeschabtem Schaum wird der Maestro sicherer. Und bis es mir an die Gurgel geht, sind auch die letzten Schweisstropfen von seiner Stirn verschwunden. Ich bin ein ganz gewöhnlicher, wenn auch ungewöhnlicher Kunde. Haarscharf.

Setzen Sie sich!

Zugegeben, ganz zu Anfang war es eine heftige Umstellung. Mit der Zeit und einer gewissen Übung lernt man aber die Vorteile der „Indian Style Toilet“ schätzen. (Für diejenigen, die keine Vorstellung haben: Es handelt sich um ein in eine Plattform eingelassenes Loch, dessen Rand man mit den Füssen besteigt, um in Hockposition seinen Verrichtungen nachzugehen – das andere Modell, das zumindest in weiten Teilen Westeuropas übliche – heißt entsprechend „Western Style Toilet“ respektive „British Style Toilet“. Nach ausführlichen Diskussionen mit verschiedenen Tourismusverantwortlichen, habe ich mich zu frühzeitigem Handeln entschlossen und propagiere hiermit die Aufnahme des indischen Klossets in die Liste der vom Aussterben bedrohten Arten. Zwar finden sich im ländlichen Raum noch immense Populationen dieser Art, speziell in den Tourismuszentren Keralas scheint man sie aber mit aller Kraft ausrotten zu wollen. Es sei jedem Menschen selbst überlassen, in welcher Körperhaltung er sich entleert. Was mich allerdings alarmiert, ist die von den Touristikern an den Tag gelegte Gewissheit, dass der Umbau dem Wunsch der Urlauber entspricht. Eine Befragung wurde bisher nicht durchgeführt, folglich ist diese (gewagte) Aussage schwer zu verifizieren. Ich bin mehrheitsfähig: Sobald eine repräsentative Umfrage dies bestätigt, beuge ich mich – nicht mehr ganz bis in die Hocke, sondern nur halb, so wie zuhause. Bis dahin geniesse ich den Abstand, den mir das indische System vom nicht immer reinen Untergrund erlaubt. Und ich propagiere offen: „Ich bin Fan der indischen Klos.“ Mögen sie lange weiterbestehen.  Auch in den Touristenzentren, und sei es nur als Teil des kulturellen Erbes.

Alternativ:

oder:

Sinnverlust

Essen mit den Fingern - Mit allen Sinnen genießen

Essen mit den Fingern - Mit allen Sinnen genießen

„Der Westen“ (was auch immer darunter verstanden wird), hat fürwahr eine besteckende Macht. Es waren dieselben dolldreisten Tourismusexperten, die mir erläutert haben, dass die Gäste mit Besteck zu essen wünschen. Nun, die Gewohnheit mit Besteck zu essen, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Aber es ist nunmal indische Art, mit den Fingern zu essen. „Mit allen Sinnen geniessen“, erklärte mir Jayan. „Es schmeckt einfach besser“, war Bobys Erklärung. Das indische Essen ist Fingerfood. Die Zutaten sind meist mundgerecht zerkleinert. Ausgenommen hiervon sind lediglich Hühnerteile und Brote. Streiten sich bei ersterem noch die Etikette-Experten, so bin ich bei zweiterem doch sicher, dass die Aufnahme mit der Hand keinen Faux-Pas darstellt. Dennoch: In ein international taugliches Restaurant gehört Besteck als Normalausstattung, nicht nur auf Anfrage. Auch Bananenblätter sollen künftig Hausverbot haben, eins zu null fuer das gute Porzellan. Vielleicht hätte ich den einen oder anderen (bisher keine weiblichen) Tourismusexperten einfach zum Essen einladen sollen. Krabbencurry mit Chapati. Mit Messer und Gabel sicherlich eine ganz neue Attraktion: lustige Entertainment-Gastronomie.