#7 – April 2008

Auf dem Holzweg

Holz-Abtransport in SiliguriUnsere Affinität zu Vollholz-Möbeln können wir hier nicht gut ausleben. Vollholz hat einen fragwürdigen Ruf. Unsere Träume von antiken Teak-Möbeln haben wir begraben. Holz ist in Zeiten schwindender Wälder hier alles andere als ein Statussymbol. Schränke werden aus Metall gedengelt, Sitzmöbel sind oft aus Plastik, ebenso Tische. Ausnahme scheinen Betten. Die sind dann doch meist aus Holz, selbst Metallbetten haben wir bisher selten gesehen. Auch Sperrholz ist beliebt als Baumaterial für´s Interieur. Wir haben – auf Anraten eines Bekannten – einer regionalen Spezialität den Vorzug gegeben. Siliguri ist bekannt für die Produktion von Schilfstock-Möbeln. Und so sind unsere Couch inkl. Tisch aus Rattan geflochten. Die Rahmen unseres Esstisches und unserer Stühle sind aus stabilerem Schilfrohr geflochten. Bei der Tischplatte mussten wir einen Kompromiss mit unserem schlechten Gewissen eingehen. Die Nachteile von Glas, besonders bei Kleinkindern im Haushalt, die Unebenheit von Rattangeflechten, und die Quellfähigkeit von Sperrholz hat uns dann doch zum Schreiner geführt. Und seither frühstücken wir auf einer ausgesprochen teuren Vollholz-Tischplatte.

Während der zwei Wochen, die wir auf unseren Austausch-Gaszylinder gewartet haben, sind täglich am Nachmittag Karawanen von Menschen an unserem Haus vorbeigelaufen, die Holz auf dem Kopf oder dem Fahrrad transportiert haben. Frisch gehauen im Wald, vermutlich nicht zum Wohlwollen der Behörden. Unsere Haushälterin hat uns erklärt, dass sie zuhause mit Holz kocht und Gas eigentlich auch nicht gerne zum Kochen mag. Das sei auch viel zu teuer. Dreimal mehr müsste sie circa für Gas zahlen, um einen Monat lang ihr Essen kochen zu können. Billiges Brennholz und teures knappes Gas. Ob das dem Wald gut tut? Naturschutz macht erst Spass, wenn der Reis gekocht ist.

 

Alter Trunk aus neuen Schläuchen

Nestea aus Plastikbechern in DarjeelingAn Teeständen machen Gläser und Tonschalen vermehrt Plastikbechern Platz. Der Teeverkäufer erklärt mir die Vorteile: Der Bruch ist nicht so hoch, es ist billiger und weniger Arbeit. Gläser sind Mehrweg, müssen aber gespült werden – und Wasser beziehen die Straßen-Teestand meist per Kanister. Dieser wird an Brunnen mit Trinkwasser gefüllt und dann zum Stand geschleppt. Die Tonschalen wirft man nach Gebrauch weg. „Die schönen Terracotta-Schälchen“ dachte ich die ersten Male. Aber es ist ungebrannter Ton, Wiederverwendung ist unhygienisch. 100 Tonschalen kosten 20 Rupien. Aber es gibt Ausschuss, nicht alle überleben den Transport zum Teestand unbeschadet. Die Plastikbecher sind einfacher zu stapeln, 100 Stück kosten zehn Rupien und nach Gebrauch wirft man sie einfach weg. Die Tonschalen-Macher – ganze Dörfer leben davon – tragen den Siegeszug der Massenware hoffentlich mit Fassung.Meistens bekomme ich zwei Plastikbecher um meinen Tee – entweder sind die Becher nicht stabil genug, oder der Tee ist zu heiß. Teemännchen-Rechnung.

Unabhängig von der Biersorte haben Bierflaschen in Indien meist eine einheitliche Form. Dafür ist die Glasfarbe beliebig. So bekommt man ein ‘Kingfisher’ mal aus einer klaren, mal aus einer brauen, mal aus einer grünen Flasche. Und kauft man sich ein ‘Dansberg Blue’ ist es genauso, auch wenn der Name anderes suggeriert. Und immer die gleiche Flaschenform. Man muss schon genau auf´s Etikett schauen. Kein Dschungel, wie in Deutschland: Longneck, Euro2, NRW, Stubbi, Bügelverschluss, Kronkorken, Glas, Plastik…. Dafür ist in Deutschland die Farbe meist einheitlich: braun. Dennoch müssen die ganzen Flaschen schön wieder in die Originalkästen und dann zurück zum Herkunftsort. Auch wenn das bayerische Hefeweizen am Nordsee-Strand die Getränkekarte bereichert, der bittere Nachgeschmack ist der Leertransport der Flaschen. Stellt man sich jetzt vor, dass in Deutschland – einem Dorado der Biertrinker – die Flaschenform (wieder) einheitlich wäre, was würde das an Verkehr und an Schadstoffausstoss sparen. Ich kann versichern: An´s Etiketten-Lesen gewöhnt man sich recht schnell.

In der Autowaschstraße

Die Harish-Mukherjee Straße in KalkuttaDie samstägliche Autowäsche ist gleichermaßen Ritual wie Sinnbild spießbürgerlichen Schaffens. Was früher meist im Vorgarten gemacht wurde – ein Mann, ein Auto, ein Schwamm – ist mittlerweile weitgehend automatisiert. Die Reinigung erfolgt nun entweder in mit Hochdruckreinigern ausgestatteten Do-it-yourself-Waschanlagen oder man fährt bequem zur Auto-Waschanlage. In Indien lebt sie fort, die innige Dreiecks-Beziehung Mann-Auto-Schwamm. Wenn auch institutionalisiert. Die Harish-Mukherjee-Road in Kalkutta ist eine Straße der Autowäscher. Die indische Form der Waschstraße. Am frühen Morgen ist die Straße gelb umrandet. Die Reihe von Taxis zieht sich bis zum Horizont. An den Pump-Brunnen stehen Männer mit Eimern um Wasser an. Andere polieren fleißig Blech und Innenbereich der Fahrzeuge. Bevor die Hitze des Tages einsetzt, ist das Treiben besonders ansehnlich. Vor dem Einsetzen des unbändigen Verkehrsstromes kann man noch gemütlich auf der Straße laufen. Und von dort hat man auch einen besseren Blickwinkel auf die vielen herrschaftlichen Häuser, die die Straße säumen. Man kann in Ruhe die Stadt beim Aufwachen beobachten. Hunde werden ausgeführt, Menschen machen im Park Gymnastik oder laufen Runden. An den Teeständen sitzen Männer beim Zeitunglesen, oder in kleinen Gruppen zum Gespräch. Der Geruch von Bidis wabert über ihren Köpfen. Die indische Minizigarette, etwas Tabak eingerollt in ein Blatt, gilt als exquisite Vorbereitung des Darmes auf die erste Tagesaufgabe. Blumenverkäufer finden ihre Kunden in gläubigen Hindus, die zum Opfergang an einem der vielen kleinen Schreine unterwegs sind. Und am Ende der Straße, im Umfeld eines Sikh-Tempels, kann man bei einem Ton-Pott voll Tee, oftmals als bester der Stadt gepriesen, gut die Eindrücke des Morgenspaziergangs noch einmal Revue passieren lassen.

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