#6 März 2008

Eins ist sicher

Ja, mir san mim Radl daDer Polizeichef von Siliguri radelt – ein großes Lob dafür – zur Arbeit, und schließt im Innenhof des Polizeireviers gewissenhaft sein Fahrrad ab. Gewohnheit, Vorsicht oder ein Statement zur Sicherheit von Polizeirevier-Innenhöfen? Ein hohes Tor, immer verriegelt, und ein Wachhund – in unserem Innenhof haben wir tagsüber die Fahrräder lange nicht abgeschlossen. Bis uns der Wachmann seine Sorge mitgeteilt hat, sie könnten gestohlen werden. Wir haben seinen Rat befolgt. Wir wollen uns ja kulturell nicht ins Abseits stellen. Zur Sicherheit.

StraßenhundeIn Europa lauern aber Gefahren, denen man hier eher selten begegnet. Herren- (und damen-) lose Hunde sind ein alltäglicher Anblick. An fast jeder Ecke stehen welche, oder sie liegen in Hauseingängen, oder mitten auf der Straße. Sie ernähren sich von Abfall und vertreiben sich die Zeit mit Revierkämpfen. Nun treibt uns die Frage um, warum so wenig ‘Tretmine’ herumliegen. Kriegen die Hunde weniger zu fressen, sodass auch die Ausscheidungsmasse entsprechend geringer ist? Oder haben sie spezielle Stuhlgangreviere, fernab von Fusswegen? Es ist ein Faszinosum: Während man in Berlin vielerorts auf Zehenspitzen mit großer Voraussicht durch die Straßen balancieren muss, kann man hier getrost den Blick schweifen lassen. Es ist erstaunlich, aber es gibt kaum Hundehaufen. Da sind Kuhfladen schon ein weitaus alltäglicherer Anblick. Und die sind so groß, dass man gute Chance hat sicher mit sauberen Schuhen durch die Welt zu gehen.

Beschreibt doch mal euren Alltag

So die vielfach geäußerte Bitte von europäischen Bekannten.

Als ich vor einigen Jahren von meinem ersten Indienaufenthalt zurück kam, lautete der Auftrag ähnlich. Die Südbild-Agentur in Wien war frisch aus der Taufe gehoben worden. Im wuchernden Dschungel der Bildagenturen mit den allgegenwärtigen Horror- und Elendsbildern aus Entwicklungsländern wollte sie eine neue Spezies sein. Ein Pool von Bildern, die den Alltag der Menschen im Süden darstellen. Mein Bildreservoir war groß genug, um einige Alltagsschnappschüsse beizutragen.

Vollbesetzter BusHeute fällt mir die Darstellung des Alltags viel schwerer. Mit jedem Tag schwindet die Exotik und vormals Herausragendes wird „alltäglicher“. Alltäglicher bedeutet aber im Umkehrschluss: weniger bemerkenswert, weniger fotogen, weniger nachrichtentauglich. Ein übervoller Bus mit einem Dutzend Passagiere auf dem Dach hat einen anderen Reiz, wenn man regelmäßig Bestandteil der dichtgepackten Menschmasse ist. Auch die vierköpfige Familie, die mit der Rikscha vom Großeinkauf zurückfährt, taugte vor einigen Monaten noch zum Fotomotiv. Seither war ich mehrfach selbst Mitglied einer solchen Transport-Partie.

Folge ich nun der Bitte und beschreibe meinen Alltag, so muss ich mir überlegen wie.

Eine Möglichkeit ist, dass ich allgemein und nüchtern beschreibe.

„Morgens stehe ich auf, gehe ins Bad, frühstücke, fahre mit dem Fahrrad oder mit dem Bus ins Büro, arbeite, mache Mittagspause, arbeite bis zum Feierabend, fahre heim, erzähle und lese, dann gehe ich schlafen.“

Dieser Text, obwohl er meinen Alltag ziemlich genau widerspiegelt, würde wohl als Einleitung für einen Multiple Choice Test „Wo wohne ich?“ taugen.

Oder ich beschreibe detaillierter, was die Gefahr mit sich bringt, eine Steilvorlage für vergleichende Gesellschaftskritik zu liefern:

„Lautes Hundegebell weckt mich in aller Herrgottsfrühe. Der Boiler im Bad – ohnehin ein nicht selbstverständlicher Luxus – funktioniert nicht, weil der Strom ausgefallen ist. Nach der kalten Dusche ist ein heißer Kaffee eine willkommene Wärmequelle – da ist es auch egal, dass es nur Instant-Kaffee ist. Obwohl ich es erst vor zwei Tagen aus der Inspektion geholt habe, ist der Vorderreifen meines Fahrrades platt, also bleibt nur die Fahrt im überfüllten Bus…“

Der Leser ist immer auch Richter und als solcher legt er Maßstäbe an. Schnell ist dann vergessen, dass man in einigen ländlichen Gebieten Europas froh wäre, überhaupt noch einen regelmäßigen Bus-Service zu haben. Längst ist er dem Individualverkehr geopfert worden. Oder dass ein nächtlicher Stromausfall den Radiowecker von seiner Pflicht befreit hat und deshalb Dusche und Kaffee ganz ausfallen, wie es mir in Wien mehrfach gegangen ist. Hundegebell hätte das verhindern können.

Die dritte Variante ist ein Romantisieren, was dem Leser ein ebenso blauäugiges wie unglaubwürdiges Bild präsentiert:

„Wenn zum Sonnenaufgang die Hunde fröhlich den Morgen begrüßen, fühle ich die tiefe Naturverbundenheit, die mich hier umgibt. Das frische Wasser wurde nur von Mutter Erde erwärmt – keine künstliche Energiequelle, ganz Natur. Wenn ich doch nur die noch immer ausgeprägte Neigung zum Kaffee lassen könnte. Ist ein frisch gebrühter Tee – aus biologischem Landbau in einem der nahegelegenen Gärten – nicht ohnehin ein wesentlich besseres und gesünderes Heißgetränk, um in den Tag zu starten? Ob Fahrrad oder Bus: Beides eignet sich gleichermaßen, um mich in die Lebhaftigkeit und Vielfalt des indischen Alltags zu entführen…“

Kein Lärm, kein Strom, kein Kaffee, kein hektisches Gedränge. Ein glaubhaftes Bild aus dem ländlichen Indien – Modell einsame Waldhütte in Kanada oder Finnland. Ein authentisches Bild gefühlter alltäglicher Wirklichkeit ist es sicherlich nicht. Und die Leser könnten sich veralbert vorkommen; zu Recht.

Bleibt schließlich der einigermaßen gut recherchierte Hintergrundbericht. Aber der bedeutet viel Arbeit. Arbeit, die in der täglichen Informationsflut nicht von allen Lesern gleichermaßen gewürdigt wird:

„Obwohl die Anzahl von freilaufenden Hunden – umgangssprachlich ‘Straßenköter’ – seit Jahren rückläufig ist und die Stadtverwaltung das Problem mit Sterilisierungsprogrammen adressiert, ist es nach wie vor nicht unüblich, morgens von Hundegebell geweckt zu werden. Der stetig steigende Energiebedarf der schnell wachsenden Wirtschaftsmacht Indien ist noch immer nicht ausreichend und flächendeckend im Angebot berücksichtigt. Noch immer zählen Stromausfälle zum Alltag. Hoffnung auf eine regelmäßige heiße Dusche versprechen die vielen Staudammprojekte im Himalaya und der in Verhandlung befindliche Nuklearenergie-Vertrag zwischen Indien und den USA. Mit der schrittweisen Öffnung der Märkte ist zu erwarten, dass sich das Angebot internationaler Spezialitäten weiter verbreitert – ein frisch gebrühter Espresso wäre eine große Bereicherung meines Frühstücks. Frisch gemahlener KaffeeDie großen Instant-Kaffee-Marken haben bereits gute Voraussetzungen für eine weite Akzeptanz beim Verbraucher geschaffen. Täglich werden in Indien x-Tausend neue Fahrzeuge zugelassen und das 100.000-Rupien-Auto macht ‘Auto-Mobilität’ auch für die Mittelschicht immer interessanter. Der rapide Wandel der Verkehrslandschaft wird sich vermutlich in zweierlei Hinsicht auswirken: Für den öffentlichen Personentransport ist duch den zunehmenden Individualverkehr eine deutliche Entlastung zu erwarten. Die Zeiten dicht gedrängter Busfahrten sehen ihrem Ende entgegen. Andererseits wird es durch die zunehmende Verkehrsdichte zu neuen Problemen kommen – Feinstaub, CO2-Emissionen, Staus. Soll das Fahrrad, das in Indien noch viel zu oft mit Armut und als billiges Transportmittel mangels erschwinglicher Alternative angesehen wird, nicht komplett dem motorisierten Verkehr geopfert werden, ist der Auf- und Ausbau einer alternativen Infrastruktur in Form von Radwegen unabdingbar…“

Nach diesem recht langen Text bin ich noch nicht einmal im Büro angelangt. Die Beschreibung der indischen Arbeitswelt, der üblichen Mittagspausengestaltung, des Speisenangebots etc. würde auch nach vielen Seiten nur oberflächlich die Wirklichkeit reflektieren. Realität ist komplex und ihre Beschreibung immer subjektiv. Bestenfalls intersubjektiv.

Schon die Themenauswahl ist eine Wertung. Langeweile, Überforderung oder das Hinterfragen der jounalistischen Qualität – die Lesermeinungen werden sich spalten. Mein Alltag ist nicht dein Alltag. Also wähle ich als Alternative den Schnappschuss, im Idealfall das Streiflicht. Interessante Themen, die sich als klassische Nachricht nicht qualifizieren – keine Prominenten, keine direkte drängende Aktualität, kein breitentaugliches Interesse. Das ganze in greifbarem Umfang – dieser Text soll der längste bleiben. Eine lose Kombination aus Unterhaltung, Banalität und Hintergrundbericht. Ohne Furcht vor unangenehmen Themen. Und mit einem Fragezeichen, das zum Nachdenken und zur Diskussion einlädt.

Wer eine bessere Idee hat, soll erst mal seinen Alltag beschreiben.

Abwarten und Tee trinken – Aus der Heimat eines edlen Heißgetränkes

Teegarten in den DooarsTee besteht aus heißem Wasser und dem Extrakt aus Pflanzenbestandteilen. Und der Auszug aus einer Pflanze hat es den britischen Kolonialbeamten im Nordosten Indiens besonders angetan: Camellia sinensis. Das ganze war eine Erfolgsgeschichte – zumindest für die Welt der Kulinarik. Auf der Suche nach geeigneten Anbauflächen wurde fleißig die Landschaft umgestaltet, um die Neuentdeckung zu kultivieren. Seither ist Indien einer der größten Teeproduzenten der Welt – und Assam und Darjeeling sind weltbekannt.

Heute trauert die Tee-Industrie in Indien oft den goldenen Zeiten nach. International fallende Preise,steigende Konkurrenz aus dem Ausland und der Rückgang in der Binnennachfrage – die Softdrink-Industrie wirbt eifrig Kunden ab – machen Probleme. Mehrere Teegärten mussten bereits schließen und man kann sich vorstellen, dass das in einer arbeitsintensiven Industrie nicht zur Heiterkeit bei der Bevölkerung beiträgt.

Weite Grünflächen, Ruhe, gute Luft und ein alt-englisches Ambiente – Teegärten haben neben der Produktionsfunktion auch einen ganz eigenen Reiz. Einige Vordenker haben schon vor Jahren entdeckt, dass Tourismus und Tee gut zusammenpassen. Mittlerweile wird die Reisebranche als Rettungsanker und Wundermittel für die siechende Industrie gepriesen. Die öffentliche Hand unterstützt das neue Traumpaar mit 60 Millionen Rupien für Infrastrukturentwicklung.

Singende und tanzende Tee-ArbeiterWenn die Pläne aufgehen, werden wohl bald die Massen einströmen, um genüßlich aus Porzellantassen Tee zu schlürfen, und dabei den Pflückerinnen – einen Teepflücker habe ich bisher nicht gesehen – bei ihrem Gezupfe zuzusehen. Sie werden lernen, wie aus der Pflanze ein getrocknetes Substrat hergestellt wird, und vielleicht – idealerweise – werden sie sogar am reichen Kulturschatz der Tee-Arbeiter teilhaben. Von Nah und Fern waren die Arbeiter dereinst gekommen, auf der Suche nach Arbeit. Teegärten boten vergünstigte Grundnahrungsmittel, Schulen, Gesundheitsvorsorge – viele Dinge, die die harte Arbeit attraktiv machten. So sind Mikrokosmen entstanden, Schmelztiegel zahlreicher Volksgruppen, verschiedener Lieder und Geschichten, und kulinarischer Vielfalt. Außerdem sind die weitläufigen Plantagen auch ein wertvoller Lebensraum für allerlei Getier. Auf dem Gelände mancher Teegärten finden sich ausgedehnte Wälder, die von so seltenen Tieren wie dem Nebelparder bewohnt werden. Tümpel innerhalb der Anlagen sind besonders in den Hochlagen Darjeelings die Heimat des vom Aussterben bedrohten Krokodilmolches.

Damit hätte der Tee-Tourismus zusätzliche Attraktionen zu bieten. Notwendige, wie ich finde. Denn ob das Ambiente, die Ruhe, die Abgelegenheit und die Vorstellung des Produktionsprozesses ausreichen, um dauerhaft die sprunghaften Massen der Touristen in einem an neuen Angeboten nicht armen globalen Reisezirkus anzulocken, das bleibt abzuwarten.

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