#5 Februar 2008

Der Visa-Run

NaN #5 BooksEine der Nebenwirkungen des Schengen-Vertrages ist, dass man es als Europäer allzu selbstverständlich nimmt, ohne Eintrittskarte in ein anderes Land zu reisen. Aber die Welt ist umfassender als die Wirkungskraft dieses EU-Vertrages und so braucht man auch für Indien ein Visum. Dieses kann man ganz einfach bei der indischen Botschaft in Deutschland bekommen. 50 EUR berechtigen zur halbjährigen Teilnahme am Abenteuer Indien, sonstige Hürden gibt es kaum. Bis Ende Januar galt unser Visum, heimreisen wollten wir aber noch nicht. Also muss eine Visumverlängerung her. Man versucht, sich schlau zu machen, man telefoniert, man sucht im Internet etc. Informationen über das Vorgehen gibt es viele. Zu viele. Verwirrend viele. Widersprüchliche Erfahrungsberichte in Traveller-Foren – Stichwort “Faction”, offizielle Webseiten, die vor zwei Jahren letzmals gewartet wurden und auf denen man Telefonnummern für Rückfragen lange bzw. vergeblich sucht, unklare Aussagen beim Behördenanruf.

“Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah”, denkt man sich und geht zur nächsten Ausländermeldestelle der Polizei. Fehlanzeige. “Nicht zuständig”, sagt der Offizier und verweist weiter nach Kalkutta, der Hauptstadt des Bundesstaates. Mehrere Anrufe dort lassen vor allem eines klar werden: Man sollte persönlich vorbeikommen. Eine Nachtzugreise und 650 Kilometer später finde ich mich im Büro der zentralen Ausländerregistrierung West-Bengalens wieder. Ausgestattet mit Kopien von Pass und Visum, mit frischen Passbildern, mit einem Referenzschreiben meines Partnerunternehmens, zudem frisch rasiert, gekämmt und mit sauberem Hemd. Offizier Nummer drei, dem ich mein Anliegen vortrage und der gewissenhaft meine Unterlagen durchsieht, verkündet mit ernsten Gesicht, mein Fall könne nur vom Polizeichef persönlich entschieden werden. Der sei aber erst morgen wieder zu sprechen, zwischen 10 und 14 Uhr. “Bitte”, sage ich, “es ist Viertel nach zwei, der muss doch noch da sein”. Nix zu machen. Am nächsten Morgen empfängt mich der hohe Herr denn auch, um mir nach nur flüchtiger Prüfung mitzuteilen, dass für meinen Fall das Büro im Erdgeschoss zuständig sei. Dasselbe Büro, dass mich am Tag vorher zu ihm verwiesen hatte. Also am Tag drei in Kalkutta wieder zu den bekannten Herren. Diesmal werde ich nach Delhi weiterverwiesen. Ausweichvariante sei ein Rückflug nach Deutschland, wo ich bestimmt erneut ein Visum erhalten könne.

In Delhi geht es vom Flughafen, wo ich der Einfachheit halber gleich die Nacht verbracht habe, direkt zum Innenministerium, Sprechstunde laut telefonischer Auskunft von 8 bis 12, Montag bis Freitag. Der Winter in Delhi ist berüchtigt. Nach fast zwei Stunden in der Schlange, bis um 9.30 Wartenummern vergeben werden, weiß ich warum. Total durchgefroren halte ich stolz Wartenummer 2 in Händen. Gegen 11 kommt Leben in die Sache, mit Eintreffen des für Deutsche zuständigen Beamten. Ich erkläre mich, präsentiere meine Dokumente und werde gebeten, um 16.30 wieder da zu sein, mein Fall werde geprüft. 19.30 erfahre ich vom Sachbearbeiter, dass ich einen Brief nach Darjeeling zur Ausländerbehörde bringen müsse, danach werde entschieden. Ob mein Visum verlängert werde, will ich wissen. Ich solle zuversichtlich sein, mehr ist nicht herauszubekommen. Langsam werde ich nervös, das Visum läuft in zwei Wochen ab, und ohne Visum im Land ist ganz schlecht.

NaN #5 - DesktopVon Delhi aus geht es nach Kathmandu, der Hauptstadt Nepals. Schließlich muss nicht nur mein Geschäftsreisevisum verlängert werden, sondern auch die Touristenvisa der Familie, und das geht nur außerhalb Indiens. Fünf Tage dauert die Bearbeitung, wie wir erfahren. Erst muss grünes Licht aus Deutschland von der indischen Botschaft kommen, und das dauert eben ein paar Tage. Schlecht für uns, dass auch noch ein Wochenende dazwischenliegt. Dienstags erhalten wir die Bestätigung aus Berlin und tatsächlich am gleichen Mittag die Visa. Nur viermal auf der Botschaft vorsprechen. An dieser Stelle muss lobend der Schalterbeamte erwähnt werden, der uns nach einmaligem Schlangestehen zu verstehen gibt, dass wir mit Kindern zukünftig durch den Seiteneingang direkt in sein Büro kommen sollen. Ein Luxus, bedenkt man, dass in Nepal im Januar die Temperaturen im offenen Wartebereich um die zehn Grad liegen.

Nach der Rückkehr aus Kathmandu geht es nach einer kurzen Nacht in Siliguri schon um 5 Uhr los in Richtung Darjeeling, bloß keine Zeit mehr vertrödeln. Ein Streik hatte am Tag vorher die Berge lahmgelegt, eine möglichst frühe Abfahrt ist deshalb ratsam. Der Chef der Ausländerbehörde nimmt den Brief entgegen, liest und verkündet, er solle einen Bericht aus Siliguri anfordern. Die dortige Polizeibehörde müsse einen detaillierten Report über meine Geschäftstätigkeit, meinen Leumund und meine Person überhaupt erstellen. Dieser sei dann an ihn zu senden und werde von ihm weitergeleitet nach Delhi. “Wie bitte?”, rutscht es mir heraus, “das kann doch Wochen dauern.” Ich solle mir keine Sorgen machen, mein Visum werde unter Vorbehalt bis Ende Juli verlängert, er statte mich mit einem entsprechenden Schreiben aus. Ich solle aber nicht den Bundesstaat geschweige denn das Land verlassen in der Zwischenzeit, am besten überhaupt in Siliguri bleiben.

Drei Tage danach erkundige ich mich bei der Polizeibehörde in Siliguri, ob der Bericht schon von Darjeeling angefordert sei. “Gerade reingekommen”, erfahre ich, “morgen nochmal kommen, der Chef muss das mal in Ruhe lesen.” Also gut, am nächsten Tag wieder hin. Der Beamte ist kreativ: Eine notarielle Beeidigung, dass meine Partnerfirma im Falle eines Falles für mich einsteht, soll es diesmal sein. Ohne die gehe nix. Am nächsten Tag präsentiere ich das Papier, dessen Überprüfung wohl einen Tag in Anspruch nehmen wird, wie man mir sagt. Zwischenzeitlich war mein fürsorglicher Geschäftsfreund noch drei mal dort und es scheint, dass der Bericht nun fertig ist. Dieser muss jetzt nur noch nach Darjeeling, dann nach Delhi,….

Ich kümmere mich mittlerweile nicht mehr um die Sache, nach 24 Tagen “Visa-Run” bin ich müde. Mein Visum ist unter Vorbehalt verlängert, und solange man mir nichts Gegenteiliges mitteilt, halte ich mich lieber ruhig.

 

Eine Hommage an den Glitzi-Schwamm

Hat man einige Monate in einem anderen Land verbracht, ist laut Kulturschock-Modell die Euphorie meist vorüber und es macht sich Ernüchterung breit. Ob das bei uns zutrifft soll hier nicht Thema sein. Jedoch wächst kontinuierlich die Anzahl der kleinen Alltäglichkeiten und Annehmlichkeiten, die man – Jahrzehnte lang an sie gewöhnt – mehr und mehr vermisst. “Brot” werden jetzt die einen denken, ein Klassiker unter den Heimwehsymptomen der Teutonen. “Fleischkäse” mögen die Saarländer meinen, oder “Schwenkbraten”, ganz klar. Fürwahr, man wäre nicht abgeneigt. Aber es geht heute nicht um Essen – die Vielfalt der bengalischen Küche hält man gerne lange aus. Obwohl wir ja schon die Vorzüge unserer Perle gepriesen haben, geht es um banale Artikel des Haushaltes.

Gestern waren wir in vier Fachgeschäften, bevor wir endlich einen Dosenöffner gefunden haben. Kokosnuß-Ausschaber gab es überall, aber Dosenöffner? NaN #5 - Toilet BrushÄhnlich ging es uns mit unserer Klobürste. Seit Wochen suchen wir ein Modell mit “Rundumbebürstung”. Vor einigen Tagen waren wir endlich erfolgreich – ein Export aus Thailand. Wär hätte gedacht, dass man so etwas mal vermissen würde. Beleuchtung und Kindersitze für das Fahrrad – wenn es derartiges gibt, dann entspricht es nicht unseren Vorstellungen. Auch unsere Messer mussten wir mehrfach nachschleifen lassen, bevor sie die Ähnlichkeit mit einem Hammer verloren haben. Ein Gitterbett für den Kleenen haben wir extra aus Schilfrohr anfertigen lassen, ebenso einen Hochstuhl. Detailierte Baupläne wurden skizziert und erklärt. Das Ergebnis entspricht zweifellos unserem Auftrag. Ein Bett mit Gitterrahmen und ein Barhocker mit Rundumlehne, an der man einen Gurt befestigen kann. In der Praxis getestet, wurden die Mängel augenfällig. Der gewünschte Abstand der Gitter wurde nicht eingehalten, der Kopf des Kleinen passt fast durch. Fast. Aber halt nicht ganz (zum Glück?). Resultat: Patt. Ohne fremde Hilfe gibt es kein Vor und kein Zurück. Das bestellte fünfte Bein des Stuhles wurde nachgerüstet, nachdem der Kleene – wie vorausgesehen und dem Handwerker auch erklärt – sich beim Essen kräftig am Tisch abgestoßen hat. NaN #5 - ChairKindersicherheit ist eben kein Fall für Kompromisse. Das Spülmittel macht nicht sauber und die Spüllappen halten nur drei Waschgänge aus. Da nutzt es auch nichts, dass zum Spülen gewöhnlich kaltes Wasser verwendet wird. Lange leben sollen sie, die Fettlösekraft von Pril und die Doppelbeschichtung von Glitzi-Schwämmen.

Die Welt ist reich an den unterschiedlichsten Gewohnheiten und diese Vielfalt hat einiges für sich, versichern wir als treue Fans des kulturspezifischen Marketings. Eine Lanze für einen Globalisierungs-Einheitsbrei zu brechen liegt uns ausgesprochen fern. Aber so ein paar Errungenschaften würden wir dennoch gerne international verfügbar wissen. Seien es der TÜV und gute Messer. Die Liste wird vermutlich weiterwachsen.

Stadt, Land, Fluss – Kalkutta und die Sunderbans

NaN #5 SadhusLeicht verspätet zum Karneval ein Gruß nach Köln. Die quirlige Rheinmetropole ist nicht eben bekannt als Raum der Stille und Einsamkeit. Im Vergleich mit Kalkutta ist sie – mal abgesehen von der Karnevalszeit – ein Naherholungsgebiet. Die Bevölkerungsdichte der indischen Mega-City ist zehnmal höher als die der Stadt am Rhein. Diese Konzentration an Menschen hat ausgesprochen angenehme Auswirkungen. Es gibt viel Kultur, viel zu beobachten, viel zu erleben.

In der College-Street umranden Buchstände einen Park stattlichen Ausmaßes. Die Stände sind klein und die Bücher sind gestapelt vom Verkaufstisch bis unter das Ladendach. Es gibt Spezialstände für allerhand Fachrichtungen und was der eine nicht anbieten kann das hat vielleicht ein anderer. So wandert man von Auslage zu Auslage, die Frage wie sich die vielen Stände nebeneinander seit Jahrzehnten behaupten immer im Hinterkopf. Zum Nachsinnieren bietet sich ein Besuch im Kaffeehaus der indischen Kaffeearbeiter-Gewerkschaft an. Dort sind große Gedanken eine feste Einrichtung. Es wird geraucht, Kaffee wird geschlürft und Häppchen geknabbert – die bengalische Intelligenz, vor allem aber Studenten, geben sich hier die Klinke in die Hand. Im männlich geprägten Philosophen-Ambietente springen die wenigen Frauen direkt ins Auge.

In 51 Teile wurde die Göttin Kali dereinst zerschmettert und eine ihrer Zehen ist im Süden der heutigen Stadt gelandet. Ein Tempel ihr zu Ehren ist Mittelpunkt des Stadtteils Kalighat. Zu Hunderten strömen täglich ihre Anhänger die kleine Straße entlang. Ausländer werden bereits kurz nach der Metrostation von eher scheinheiligen Fremdenführern umlagert, die aufdringlich ihre Unterstützung beim Tempelbesuch anbieten. Vor dem Tempel liegt ein Teppich von Bettlern beiderlei Geschlechts und jedweden Alters. Soziale Mildtätigkeit und geistige Erhellung scheinen ein untrennbares Paar – direkt neben dem Tempel befindet sich eine Zweigstelle der Mission, die von Mutter Theresa gegründet wurde. NaN #5 Street homeEtwas abseits vor einem Hauseingang kitzelt eine Mutter ihren Säugling, sodass dieser vor Freude juchzt. Momente des Glücks in einem Zuhause ohne Dach.

Die negativen Seiten kann Kalkutta nur schwer vor seinen Besuchern verstecken. Viel Müll, viel Lärm, viel Gedränge auf dem Bürgersteig, die Stadt ist vor allem eines: Viel – von allem. Richtig bewusst wird einem dies, wenn man die Stadt Richtung Süden, gen Meer, verlässt.

Die Landschaft wird weitläufiger, die Häuser kleiner. Auch hier leben die Menschen in den wenigen Dörfern und Kleinstädten dicht gedrängt und das Auto kann sich nur im Schritt-Tempo durch die Massen kämpfen. Aber die Ansiedlungen reihen sich nicht nahtlos aneinander wie in Kalkutta. Reisfelder, Shrimp-Farmen und Fabriken prägen das Gebiet. Die Sumpfgebiete, die heute in und unmittelbar um die Stadt herum mit großem Aufwand zu wertvollem Bauland für Wohnprojekte trockengelegt werden, sind hier Lebensgrundlage. Der ausgegrabene Schlamm wird zu Backsteinen verarbeitet, die entstandenen Löcher geflutet und mit Krabben-Laich bestückt.

In Sonakhali endet die Fahrt an einem Bootsanleger. Die Sunderbans sind eine Inselwelt, Autos sind hier selten. NaN #5 - Prawn seed trawlingAuf dem Weg flußabwärts kann man die Rohstoffproduktion der Krabbenfarmen beobachten. Frauen waten knietief im Wasser und ziehen feine Netze hinter sich her. Ein ebenso beschwerlicher wie gefährlicher Lebensunterhalt, Hai- und Krokodilattacken sind keine Seltenheit. Im Nationalpark Sunderbans sind die Krokodile eine der Hauptsehenswürdigkeiten. Nach deren Sichtung ist der Anblick von Rehen und Wildschweinen eine Attraktion zweiter Klasse. Der Tiger wird das anders sehen, stellen diese doch seine wichtigste Nahrungsquelle dar. Sein Revier sind die undurchdringlichen Mangrovenwälder – ein Revier das keines ist, weil mit jeder Flut seine Markierugen weggewaschen werden. NaN #5 - Tiger ReserveDer König von Bengalen ist ein rastloser Wanderer und man trifft ihn nur selten, obwohl kein anderer Nationalpark so viele Exemplare verzeichnet. Verloren in der Ruhe und Weite der menschenfeindlichen Welt der Sunderbans verblasst langsam die Anspannung des Großstadtbesuches.

Unterhaltung bietet die alljährliche Mela. Auf dem Dorfplatz versammeln sich am Abend die Bewohner der nahegelegenen Dörfer, um Tanzaufführungen und Gesangsdarbietungen zu bestaunen, die von Schulkindern und engagierten Volkskünstlern auf die Bühne gebracht werden. Dem Abendprogramm geht während des Tages ein Sport- Spielprogramm voraus. NaN #5 - Men sportsMänner in Lendenschurz treten im Wettstreit gegeneinander an, die Regeln des Spieles erinnern an das englische Rugby allerdings ohne Ball. Die Frauen messen sich in einer Mischung aus Rennen und Geschicklichkeit, es gilt auf halber Strecke einen Faden durch ein Nadelöhr zu bringen. Die Jugendlichen üben sich in Weitsprung und Kugelstoßen.

Das Leben scheint fröhlich, und wenn auch einfach, so bestimmt nicht leicht. Langsam fast verschämt scheint die Gegend am wirtschaftlichen Aufschwung Indiens teilhaben zu dürfen. Die Deiche werden befestigt und die schmalen mit Backsteinen gepflasterten Straßen werden verbreitert. Einem Anachronismus gleich durchschneidet ein Motorrad die Beschaulichkeit des ländlichen Lebens. Vielleicht war es die Klima-Debatte, die dem riesigen Flußdelta zu mehr Aufmerksamkeit verholfen hat. Ganze Inseln seien verschwunden, so wurde berichtet. Aber auch von Landerweiterungen durch Aufforstungsprogramme ist zu hören. Die Sunderbans sind im Wandel. Wie anders die Welt sein kann wird einem spätestens bewusst, wenn man wieder die Straßen Kalkuttas betritt.

Die Bundeszentrale für Politische Bildung hat einen sehr feinen Artikel über Kalkutta veröffentlicht.

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