#4 Januar 2008

Siliguri – Riesendorf und lebhafter Baumarkt?
Die zweitgrößte Stadt West-Bengalens ist den meisten Reiseführern nur ein paar Zeilen wert. Die Tipps erschöpfen sich weitgehend in Hinweisen zum Ankommen und dem schnell wieder Wegkommen. Und tatsächlich ist Siliguri hauptsächlich als Drehkreuz von Interesse – zumindest für Erholungsreisende.
Street in SiliguriNachdem die Engländer in Darjeeling eine willkommene Sommerfrische gefunden hatten, gewann die Ansiedlung am Fuße des Osthimalaya an Bedeutung. Hier kamen die Reisenden aus Kalkutta an und von hier ging es weiter zur “Königin der Hill-Stations”. Die Hill-Cart Road, nach wie vor eine Lebenslinie der Stadt, verdankt ihren Namen den Ochsen- und Pferdekarren, die von hier gen Gebirge fuhren. Später wurden mit gewaltigem Aufwand Gleise bergan verlegt, die Geburtsstunde der Darjeeling Himalayan Railways. Aber die Kolonialherren brachten nicht nur die Eisenbahn. Um das Tee-Monopol der Chinesen zu brechen wurden große Gebiete um Siliguri mit Tee bepflanzt. Aus den dafür gerodeten Waldgebieten kam ausreichend Nachschub für einen dritten Wirtschaftszweig – Holz. Und so verdankt Siliguri sein Wachstum drei T´s: Trains, Tea und Timber – Zügen, Tee und Holz.

Bis heute zieht die Aussicht auf ein gutes Geschäft Menschen aus Nah und Fern an. Der Holzeinschlag wurde mittlerweile in vielen Gebieten dem Naturschutz untergeordnet, und die Tee-Industrie trauert besseren Zeiten nach – viele Gärten mussten geschlossen werden. Der Bahnhof von Siliguri ist von nachrangigem Interesse, seit im nahegelegenen Jalpaiguri-Distrikt ein neuer Knotenpunkt entstanden ist. Heute verdankt die Stadt ihre ungebremste Anziehungskraft vor allem ihrer Lage. Nepal, Bhutan und Bangladesh sind nur wenige Kilometer entfernt. Der komplette Nordosten Indiens mit sieben Bundesstaaten wird über einen schmalen Korridor versorgt, den Trichter von Siliguri. Zudem ist die Stadt Hauptversorgungspunkt für die Bergregionen Ostindiens. Und so fühlt man sich in Siliguri oftmals als befinde man sich in einem riesigen Baumarkt.

An den Reisenden, die zuhauf per Zug am Bahnhof New Jalpaiguri oder per Flug im Nachbarort Bagdogra ankommen, fliegen die vielen Geschäfte meist als Kulisse auf dem Weg in die Berge oder die Ebenen der Dooars vorbei. Betten, Badarmaturen, Baumaterialien und Bohrmaschinen sind als Souvenirs ungeeignet, aber dafür von umso größerem Interesse für die stetig wachsende Bevölkerung aus den Himalaya-Dörfern. Fast 500.000 Einwohner versuchen laut offizieller Statistik ein Stück vom “Wirtschaftskuchen” abzubekommen. Und neben der Tatsache, dass Siliguri hervorragend gelegen und als Fahrradstadt wesentlich geeigneter ist als Kalkutta, war es auch diese Dynamik, die uns vor fast zwei Monaten hierher verschlagen hat.

Die Sache mit dem Müll

Eine Zeitung täglich, ein Liter Milch, Babywindeln, Haarshampoo… die Annehmlichkeiten des modernen Lebens produzieren neben Unterhaltung, Information, Gesundheit und Hygiene ein unangenehmes Nebenprodukt: Müll. Dieser ist in einer Mülltonne gut aufgehoben; bis sie voll ist. Aber was dann? Der Hausmeister aus unserer Wohnanlage schickt uns zum Nachbargrundstück. “Einfach dort über den Zaun werfen”, so sein Rat. Ungläubig wenden wir uns an eine Nachbarin, in Suche nach einer mehr durchdachten Entsorgung. In dieses Nachbargrundstück werfen, sei keine Lösung. Ihre Hausangestellte entsorge den Abfall immer etwas weiter vom Haus entfernt. Hundert Meter weiter wirft sie ihn über den Zaun auf ein Baugrundstück.

Verunsichert wenden wir uns an einen Freund, der erklärt, dass die Stadt den Müll entsorgt – getrennt nach Biomüll und Restmüll. Auch für Papier, Glas, Metall und andere Wertstoffe gebe es Recyclingbetriebe. In den Außenbezirken mit ständig neuen Wohnanlagen sei die Abholung aber vermutlich noch nicht gewährleistet.

Im Haushalt ist es ergo eine Frage der Zeit. Im Alltagsleben ist das Problem dennoch allgegenwärtig. Ein Becher Tee ist eine willkommene Unterbrechung des Einkaufs. Sobald man das Getränk genossen hat, stellt sich die Frage nach der Entsorgung des Trinkgefässes. Es sei angemerkt, dass Tee, wenn nicht in Gläsern oder Tassen, entweder in kleinen Tonschalen oder – verstärkt – in Plastikbechern gereicht wird. Diese werden selbstverständlich nach Gebrauch in den Straßengraben geworfen. Am frühen Morgen wird dieser Müll zusammengekehrt und abtransportiert. Wo es keinen Abtransport gibt, verbrennt man den Müll am Abend auf der Stelle. Bis dahin ist das Zwischenlager ein Versorgungspunkt für Kühe, Hunde und Vögel, die sich an weggeworfenen Speiseresten laben.

Cow eating plasticEine Hundeschnautze, die sich in ein Marmeladenglas zwängt, ist ein komischer Anblick. Eine Kuh, die an einem durch unverdauliche Plastiktüten verstopften Verdauungstrakt verendet, ist weniger lustig. Andererseits würde der Wegfall der Straßenentsorgung für Tausende streunender Tiere das sichere Ende einläuten. Und nicht nur für streunende Tiere. Geier sind eine der am stärksten bedrohten Tierarten weltweit. Für die Population der seltenen Vögel, die auf Siliguris Müllkippe einen Lebensraum gefunden haben, stellte die Einführung der Mülltrennung eine gravierende Habitatsveränderung dar.

Über solche Probleme kann man in den ländlichen Gebieten des Ost-Himalaya nur schmunzeln. Müllentsorgung ist eine städtische Errungenschaft, in den Dörfern sind zentrale Lösungsansätze Mangelware. Meist wird der Müll verbrannt. Oder aber er landet im Straßengraben, von wo aus ihn Regen in die Bäche transportiert und von dort auf dem Weg talwärts rechts und links des Flußlaufes abgelagert. Im relativ jungen Himalaya, einem Gebirge, dass sich noch immer im Aufbau befindet, sind Bergrutsche bedingt durch Plastikschichten auf dem Boden keine Seltenheit. Klaus, ein Experte für Abfall-Management, ist folglich ein gerne gesehener Mann in den Bergen. Er hat einen Ofen entwickelt, mit dem der Müll besser verbrannt werden kann. Sein System ist kostengünstig und lokal anwendbar. Es ist weniger umwelt- und gesundheitsbelastend als die offene Verbrennung und es ist vor allem realistisch und machbar.

“Früher wurden viele Güter in Jutesäcken oder Papier in die Berge gebracht. Plastikverpackungen gibt es hier noch nicht so lange”, erinnert sich ein älterer Gemeindevorsteher. Die neuen Verpackungen wurden von den Dorfbewohnern genauso entsorgt, wie man das gewohnt war. Was nicht wieder zu verwenden war, wurde deponiert bzw. verbrannt. Dass Plastik sehr lange zum Verroten braucht und auch nicht rückstandsfrei verbrennt, hat sie erst die Zeit gelehrt. Man steht dem Entsorgungsproblem nach wie vor meist hilflos gegenüber. Vereinzelt ergreifen Kleinunternehmer die Initiative, sortieren Wertstoffe aus und verkaufen sie an Recyclingbetriebe in den Städten am Fuß der Berge. Aber der Transport ist teuer und von einem lohnenden Geschäft kann kaum die Rede sein. Ohnehin ist der nicht recyclebare Müll von dieser Option ausgeklammert.

Müllofen in ActionGut hundert Leute sind gekommen, um die Ofenvorführung zu sehen. Die erste Lektion lautet: Nicht alles kann verbrannt werden. Und nicht alles sollte verbrannt werden: Wiederverwertbares ist zu kostbar zum Verbrennen. Bio-Müll, Hartplastik, Weichplastik, Glas, Papier, Giftstoffe – im Sortieren liegt das Geheimnis. Biomüll ist Kompost, Glas und PET-Flaschen sollten den Recyclingbetrieben in der Ebene zugeführt werden. Erst als die Flamme im Ofen Weichplastik und Stoffreste fast rückstands- und geruchsfrei verbrennt, verstehen die meisten die Bedeutung. Und als Klaus erklärt, dass sich die Asche als Dünger eignet, schwindet die Skepsis auch von den letzten Gesichtern. Am nächsten Tag brennen die Dorfbewohner selbst. Klaus hält sich mit Anweisungen zurück, greift nur im Bedarfsfall ein. Schon nach zwei Tagen hat sich das Dorfbild verändert. Viel Plastik ist den Flammen zum Opfer gefallen, die Einheimischen sind motiviert. “Nun hängt alles von ihrer eigenen Initiative ab”, sagt Klaus auf dem Weg bergab. “Die technische Hilfe kann von außen kommen, die Verantwortlichkeit ist eine Angelegenheit des Dorfes.”

(Klaus Schätte ist Experte für Angewandte Umwelttechniken beim deutschen Senior Expert Service in Bonn)

Der Rote Panda

Red Panda in Darjeeling ZooSchätzzahlen sprechen von 2500 Exemplaren, auf die es der kleine Bruder des bekannten schwarz-weißen Pandas noch bringt. Genau weiß es keiner. Sicher ist, dass seine Lebensräume schrumpfen. Die Bergregionen oberhalb 1500 Meter in der der rotbraune Säuger sich wohl fühlt stehen unter Druck vor allem durch den Menschen. Die kulturellen Gründe, wegen derer das Fell in einigen Gebieten Chinas begehrt ist – der Bräutigam trägt es zur Hochzeit – ist in Indien kein Bedrohungsgrund. Hier war es vor allem die Forstwirtschaft, die ihm zu schaffen macht. Die Einführung exotischer Baumarten, vor allem die schnellwachsende Sicheltanne cryptomeria japonica, hat Bambus und Mischwald zurückgedrängt. Bambus stellt eine der Hauptnahrungsquellen für das Tier dar, zusätzlich verspeist er Früchte und Beeren.

Der Zoo von Darjeeling ist eine der erfolgreichsten Brutstätten für den roten Panda. Das Institut kann sich bereits einiger erfolgreiche Auswilderungen rühmen. Doch die Zucht in Gefangenschaft stellt keine dauerhafte Lösung für den bedrohten Artenbestand dar. Flankierend gibt es daher Bemühungen, seinen Lebensraum zu verbessern. Einerseits werden so z.B. im Neora Valley Nationalpark in Darjeeling die Sicheltannen durch einheimische Arten ersetzt. Zum anderen gibt es Bemühungen, die einzelnen Reservate, in denen sich der Panda findet, zu vergrößern und diese miteinander zu verbinden. Nur so kann die Gefahr der Inzucht vermieden und eine genetische Stabilität der Spezies gewährleistet werden.

Eine aktive Einbindung der Bevölkerung ist hierzu unabdingbar. Obwohl Tourismus für die landschaftlich reizvollen Verbreitungsgebiete des Säugers eine gute Option darstellt, ist der Panda selbst als Attraktion nur bedingt geeignet. Das Tier ist nachtaktiv, eine Begegnung in freier Wildbahn ist entsprechend unwahrscheinlich. Es bleibt zu hoffen, dass die Wertschätzung des Lebensraumes durch Besucher den Einheimischen Ansporn zur Habitatsverbesserung ist. Und dass sich die Touristen mit einer Beobachtung des Tieres im Zoo zufrieden geben.

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