#3 Dezember 2007

Von allen guten Geistern umgeben
Der Schuhputzer heißt Chandrak nicht Cleanfix, die “Waschmaschine” Mayur nicht Miele, der Kofferkuli nan-_3-dec-2007_01.jpgTushi nicht Trolley. Indien muss einige Hundert Millionen Menschen in Lohn und Brot halten und hier sieht man wie sehr die Service-Industrie in Mitteleuropa am Stock geht. Tausende Kleinigkeiten, die – dem Fortschritt sei dank – in Deutschland automatisch erledigt werden, werden hier noch von Hand gemacht. Nicht von eigener Hand wie in Deutschland – der Kaffee kommt ja nicht durch bloßes Anschauen aus dem Automaten und das Gepäck fährt sich auch nicht alleine vom Zugabteil zur Bahnhofshalle – sondern wie von Geisterhand. Menschen sitzen auf der Straße und verkaufen frisch aufgebrühtenTee, ihr Ladengeschäft würde in einen Schuhkarton passen. Andere sind Besitzer einer Waage und bieten einmal Wiegen für 1 Rupie an. Schilder, die den Eingang der Häuser und Geschäfte zieren werden, von Hand gemalt oder etwas vornehmer in Marmor gemeißelt. Briefeschreiber, Snack-Lieferanten, Chauffeure, Laufburschen – es ist eindrucksvoll wieviel man sich abnehmen lassen kann. Unsere neueste Errungenschaft ist ein wahres Multitalent. Hinter dem Modell Geeta verbirgt sich eine freundliche Frau in den Vierzigern, die eines morgens an der Tür geklopft hat. Ohne lange abzuwarten, hat sie sich den Kleinen geschnappt, ist mit ihm einmal durch die Wohnung gelaufen und hat dann angefangen, das Geschirr zu spülen. Den Gedanken, eine Haushaltshilfe einzustellen, um so etwas Freizeit für einen Sprachkurs zu haben, hatten wir schon länger und mit diesem auch nicht hinter dem Berg gehalten. Unsere Nachbarin war die Drahtzieherin im Hintergrund, die uns den guten Geist beschert hat. Seither steht morgens Frühstück auf dem Tisch, wenn wir aus dem Bad kommen, die Ochsentour mit zwei Kindern auf dem Fahrrad hat ein Ende, der Kleine krabbelt auf einem mehrfach wöchentlich geputzten Fußboden, und die vorher häufigen Abend-Besuche in den Garküchen um die Ecke haben ein Ende. Mit Geeta als vorzüglicher Köchin stehen täglich frische Köstlichkeiten der Bengalischen Küche auf dem Tisch.Ein Problem bringt die Beschäftigung eines “Hausgeistes” allerdings mit sich: Man muss die Zeit füllen, während der man zwangsläufig jemand anders beim Arbeiten zuschaut. Da ist der Sprachkurs ab nächste Woche bestimmt eine gute Option – und dann wird aus Geeta, dem bisher meist stummen Geist, bestimmt auch eine recht unterhaltsame Gesprächspartnerin.

Ein etwas anderer Einbruch
Auf dem Markt werden Wollpullover feilgeboten, die Männer sieht man verstärkt mit langärmeligen Hemden, die Damenwelt hüllt sich in Schals und Decken. Man kann es allmählich überall hier spüren: Langsam wird es Winter. Auch auf dem Fahrrad kann es mitunter kühl werden, besser man hat eine Jacke auf dem Gepäckträger dabei. Als ich für unsere Große ein neues Outfit erstehen will, zeigt mir die freundliche Verkäuferin die frisch eingetroffene schicke Winterkollektion. In einem der Kindergärten, den wir uns anschauen, erzählt man von Plänen für einen Swimming-Pool. Benutzt würde der allerdings erst ab März 2008, schließlich ist es Winter. Die Zeitung widmet dem Thema einen kleinen Artikel, der die schlimmsten Befürchtungen Schwarz auf Weiß bestätigt. Siliguri musste in den letzten Tagen einen drastischen Temperatursturz hinnehmen und die Meteorologen sagen voraus: Der Winter ist nicht mehr weit. Die Temperatur ist von 31 auf 28,8 Grad Celsius gefallen. Das sind fast drei Grad. Während derart “milde” Temperatureinbrüche etwas Neues für uns darstellen, so erinnern doch viele Sachen an die Heimat. Straßenhändler sitzen vor Körben mit Mandarinen und auch die ganzjährig üblichen Kohlgerichte empfängt der Gaumen um diese Jahreszeit mit größerer Gewohnheit. Nach der Lobhudelei über die Wunderwelt der Bengalischen Süßigkeiten verdeutlicht der Winter aber auch gewisse Stärken der europäischen Konditorskunst. Obwohl viele Zutaten liebgewonnener Adventsgenüsse hier heimisch sind – man denke an Zimt, Koriander, Erdnüsse, Nelken etc. – so sucht man Lebkuchen und Zimtsterne hier vergeblich. Es bleibt abzuwarten, ob die überwiegend christliche Bevölkerung in Nagaland – dem Ziel der nächsten Reise – diesbezüglich von den Herren Priestern missioniert worden ist.

1000 Jahre Kultur – bald ein Opfer der Fluten? Maldah in Zentral Bengalen
Die Reise mit dem Nachtzug ist etwas Angenehmes. Oftmals verpasst man dabei aber auch Wesentliches. nan-_3-dec-2007_02.jpgVorbeigefahren waren wir an Maldah schon zig-Mal. Immer mitten in der Nacht. Die Einladung eines Hotelbesitzers, verbunden mit der Bitte um Unterstützung beim Aufbau eines Tourismusprogrammes hat uns dieses Mal auf halbem Weg zwischen Darjeeling und Kalkutta Halt machen lassen. Maldah ist vor allem für eines bekannt, wie uns schnell klar wurde: Für Mangos. Diese genießen international einen ausgezeichneten Ruf – man mag einem Obstverächter nachsehen, dass er das nicht wusste. Dass nahe Maldah einst die Hauptstadt eines ansehnlichen Königreiches lag und zudem die drittgrößte Moschee der Welt (die Ruinen derselben) beheimatet, hätte man als passionierter Informationssammler nach dreimonatigem Aufenthalt in Ostindien allerdings wissen können. Wir waren überrascht: Tempel, Paläste, Hafenanlagen, Wehranlagen, Stadtmauern – alles von beeindruckenden Ausmaßen und vor Geschichte(n) nur so triefend. Was heute als Ruine ein eher tristes Dasein zwischen weidenden Kühen und weitentfernten Dörfern fristet, muss einst vor Pomp nur so gestrotzt haben. Maldah war einst so etwas wie ein Venedig des Ostens – um einen viel zu oft bemühten Ausdruck weiter Richtung der Grenze seiner Belastbarkeit zu führen. Ein dichtes Netz von Wasserwegen gab es damals, gespeist von den Flüssen Mahananda und Ganges – zwei Lebensadern Ostindiens.
Wenn heute das Wasser wieder die Dörfer verbindet, ist das allerdings kein Grund zur Freude wie man vermuten könnte. Im August hatte ein extremer Wasserstand des Ganges – nicht das erste Jahrtausend-Hochwasser in diesem Jahrhundert – den ganzen Bezirk geflutet und Tausende zu Flüchtlingen gemacht. Unser Aufenthalt ist zu kurz, um Exaktes über die Auswirkungen, Ursachen und Maßnahmen zu erfahren. Als wir bei unserem Gastgeber das Gespräch auf das Thema bringen, antwortet er ganz pragmatisch: Das Hotel ist auf einem Hügel gebaut und die Zugangsstraßen sind “wasserdicht”. Ob ich nun Reisfelder vor der Tür habe oder einen gigantischen See – für die Gäste stellt beides eine schöne Aussicht dar.” Konkurrenz braucht er bei dieser exquisiten topographischen Lage auf unbestimmte Zeit wohl nicht zu fürchten.

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