#2 November 2007

Beim Kinderarzt
Manchmal ist man sich nicht ganz sicher über den Gesundheitszustand der Kinder und wünscht professionellen Rat. So ging es uns mit dem Kleinen: Schon seit Monaten beobachten wir aufmerksam aber gelassen die Entwicklung einer drohenden Phimose, ganz so wie es uns die Kinderärztin in Berlin vor Monaten angeraten hat. Als aber eines Morgens sein Unterleibsfortsatz geschwollen war, haben wir uns nach einem guten Doktor umgehört. Ein Freund aus Siliguri hat uns per Telefon aus Mumbai, wo er gerade eine Messe besucht, zum “besten Kinderarzt der Stadt” verwiesen. Dessen Nummer im Internet zu finden war nicht schwer; wo eine Nummer ist, ist aber noch lange keine Leitung. Also habe ich die Frau meines Bekannten angerufen, die schon über alles informiert war und besorgt ihre unverzügliche Hilfe anbot. Wir haben mit der genauen Anschrift der Praxis vorlieb genommen und dem Hinweis, dass der Doktor nur Donnerstag und Samstag Abend konsultiere. Es war Samstag, also sind wir alle nach dem Abendessen gegen acht mit einer Rikshaw los zum Arzt. Es ist hier üblich, dass die Ärzte im Nebenzimmer von Medical Shops – halb Apotheke, halb Drogerie – ihre Sprechstunden abhalten. Vorteil hiervon ist, dass vor dem Geschäft ausreichend Warteraum – ein Zimmer ist es ja nicht, vielmehr eine Ladenpassage – zur Verfügung steht. Aus Berlin sind wir einiges gewöhnt mit vollen Wartezimmern, schließlich weist der Wedding eine beachtliche Bevölkerungsdichte auf. Kleine Fische. Indien ist mit mehr als einer Milliarde Menschen Nummer zwei im Ranking der bevölkerungsreichsten Staaten. Und wird – so schätzen die Experten – im Jahr 2040 mit 1,4 Milliarden China überholt haben. In anderen Worten: die Bevölkerung wächst und entsprechend sah es im Wartebereich aus. Überschlägig 30 Kinder in Begleitung von mindestens einem Erwachsenen – eher mehr; Schlagwort: Großfamilie. Das Warten geht sehr geordnet vonstatten. Man meldet sich an und erhält eine Nummer. Obwohl wir – wieso sollte es hier auch anders sein – als einzige Nicht-Inder aufgefallen sind, so unterscheidet sich das “Wartezimmer” eines Kinderarztes doch erheblich von unserem sonstigen alltäglichen Exotentum. Wenn sonst Mütter, Omas, Teenager aufgeregt über die Straße hüpfen, um die weiße Haut unserer Kinder zu begreifen, so ist beim Kinderarzt die versammelte Weiblichkeit vorrangig mit ihren eigenen Sprößlingen beschäftigt. So gesehen hatten wir eine entspannte Zeit bis wir nach zwei Stunden endlich aufgerufen wurden. Statt ins Untersuchungszimmer führte uns der Arzthelfer zu unserer Überraschung in einen Warteraum. Dort trafen wir auch die drei vor uns aufgerufenen Familien wieder und wir kamen uns näher – kein Wunder, das Zimmer maß ungefähr drei Quadratmeter. Die Untersuchung selbst war unspektakulär, der freundliche Doktor vermittelte einen sehr kompetenten Eindruck. Unsere Engstellen-Sorge hat er beruhigt, auch ansonsten sei alles normal: Kopfumfang, Gewicht, Herztöne etc. pp. Gegen den etwas rauhen Hals haben wir ein Rezept für zwei Flaschen Hustensaft bekommen – viel hilft offenbar viel und der angegliederte Medicine Shop will schließlich auch leben. Gekostet haben die Untersuchung plus Medikamente etwa soviel wie ein Einschreibebrief. Vermutlich leben die Reiseversicherungen davon, dass bar zahlen billiger ist als das Porto zur Belegeinreichung. Um 22 Uhr 45 waren wir wieder daheim von unserem Samstag-Abend-Programm. Beim Auspacken der Medikamente müssen wir schmunzeln. Auf der Packung steht “Keep out of reach of children” – von Kindern fernhalten.

Durga Puja
Durga Puja - Neues am Neunten #2 November 2007Diabetiker aufgepasst, jetzt kommen die tollen Tage. Mit der Durga Puja beginnt in Bengalen die Festsaison und zu einem guten Fest gehören hier Süßigkeiten. Die Nachbarn bringen welche, die Geschäftspartner, die Freunde und Bekannten – jeder bringt jedem eine kleine süße Anerkennung. Nicht viel, nur so ein zwei kleine Schachteln. Auch wenn uns die Wiener jetzt zur Fahndung ausschreiben: im Vergleich mit den Bengalen verblasst jeder andere Zuckerbäcker. Die Vielfalt ist sagenhaft und viele Leckereien basieren – für europäische Gaumen erst einmal ungewöhnlich – auf Milch. Die Spezereien sind aber nur die Sahnehaube des Festes. In der letzten Ausgabe wurde von einer Mischung aus Weihnachten und Ostern gesprochen. Das Fest der Muttergöttin Durga ist das höchste Fest der Bengalen – in diesem Sinne Ostern. Die Tradition, Geschenke zu überreichen erinnert ebenso an Weihnachten wie die zweiwöchigen Schulferien. Ergänzen könnte man noch um Fronleichnam und Fasching, bzw. Karneval (für die Rheinländer unter den Lesern). Fronleichnam, weil temporäre Altäre errichtet werden. Und Karneval, weil an den letzten beiden Tagen der Puja kunstvoll gestaltete Figuren begleitet von tanzenden und musizierenden Massen auf LKWs durch die Straßen gefahren werden – bis zum nächsten Wasser, oftmals ein Fluss. Zugegeben, die Vergleiche sind ebenso schwierig wie schwach. Bevor unsere diletantischen Erläuterungen also zu einer klebrigen Melasse verkommen, erinnern wir uns des Bon-Mots “Ein Bild sagt mehr als tausend Worte”.
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Tanz und Gesang Durga Puja- Neues am Neunten #2 November 2007 Wasserbestattung - Neues am Neunten #2 November 2007
Abschließend aber noch eine persönliche Anekdote – anknüpfend an die Episode beim Kinderarzt.
An den letzten beiden Tagen werden wie beschrieben die Figuren mit viel Tamtam zum Wasser gebracht. Obwohl Alkohol in Indien einen weit geringeren gesellschaftlichen Stellenwert besitzt als in Europa – zumindest in Deutschland wäre wahrscheinlich jeder zweite Straßenstand mit einer Zapfanlage ausgestattet – so nimmt doch der eine (die andere fällt hier weg) das Fest gerne zum Anlass sich vollzutanken. Die Wasserbestattung der Göttin war selbstverständlich ein Ereignis, das wir uns nicht entgehen lassen wollten. Den Kleinen im Tragegestell auf dem Rücken, die Große auf dem Kindersitz sind wir zum Flussufer geradelt und wurden dort gleich begeistert von einigen hundert Menschen umringt – es wäre vermessen, zu sagen, dass die Kinder der Göttin die Show gestohlen haben. Obwohl permanent angefasst, haben die beiden alles lächelnd und gelassen über sich ergehen lassen. Bis ein leicht angetrunkener Mitvierziger seine Entzückung über unsere Tochter nicht mehr zurückhalten konnte und sie mit einem “wie ein Engel” auf seinen Arm gezerrt hat. Ein lauter Aufschrei, die Hundertschaften alle zwei Schritte zurück, der Mann in Feierlaune schlagartig nüchtern und das Kind wieder auf dem Boden und flugs in Papas Arm. Frisch getröstet ging es mit neuem Selbstvertrauen zurück zum Fahrrad. Zwei hellhäutige Kinder, dazu ein Lulatsch mit einem Fahrrad in Übergröße, schon war die nächste Menschentraube parat. Und aus dieser trat ein Mann hervor, der – er hatte dem Geruch und der Aussprache nach erheblich Mut getankt – uns sehr aufdringlich seiner ewigen Freundschaft versicherte. Ein kurzer Kontrollblick, ob unser Jüngster im Tragegestell die Gesichtsfingereien noch lustig findet, war Zeit genug sich unser Töchterlein einmal zur Brust zu nehmen. Ein gellender Schrei, lautes Geheule, und ein wild um sich schlagendes Kind im Klemmgriff unseres angetrunkenen “Freundes”. Für gute Worte fehlte die Zeit, die Besitzergreifung wurde immer rabiater und so blieb nur lautes Schimpfen und körperbetontes Zurückfordern des eigen Fleisch und Blutes. Der freundliche Polizist, der in Windeseile Rohrstock voran in die Szene eilte, hat uns – nachdem er uns freundlich aufgefordert hat, doch besser den Ort zu wechseln – vielfach sein Bedauern ausgedrückt und uns der großen Gastfreundschaft der Bengalen versichert. Solange, bis auch die Kleine wieder Vertrauen in die neue Umgebung gefasst hatte.

Darjeeling – Zwischen Welterbe und Stahlbeton
Pujazeit ist Ferienzeit und da fährt man gerne zur Sommerfrische. Wie schon die Engländer während der Zeit ihrer Herrschaft über Indien, so sind auch wir der Hitze der Ebene in die Berge entflohen. Der Ausflug war in gewisser Weise auch eine Zeitreise: Es galt, das Erbe Darjeelings zu sichten, um daraus ein Heritage-Programm zu erstellen. Schließlich war es keine reine Vergnügungsfahrt, sondern ein Arbeitsaufenthalt.
Schon während der Fahrt von Siliguri bergan, wird man durchgehend von den Gleisen der Darjeeling Himalayan Railways begleitet. Auf schmalen Gleisen kämpft sich der “Toy Train” – Spielzeugzug, so der Spitzname – in sieben Stunden auf einer Strecke von 80 km fast 2000 Höhenmeter hinauf bis zur ehemaligen Sommerhauptstadt Indiens. Im Jahr 1999 hat die UNESCO dieses Kleinod vergangener Zeiten zum vermutlich längsten Weltkulturerbe erklärt:
Toy Train / Darjeeling Himalayan Railways / UNESCO World Heritage
“The Darjeeling Himalayan Railway (C ii, iv) is the first, and still the most outstanding, example of a hill passenger railway. Opened in 1881, it applied bold and ingenious engineering solutions to the problem of establishing an effective rail link across a mountainous terrain of great beauty. It is still fully operational and retains most of its original features intact.”
Ob das die Menschen, deren Haustüren und Ladengeschäfte teils nur einen halben Meter von den Gleisen entfernt sind, stolz macht oder ob der Zug sie eher belastet, bleibt herauszufinden. Unsere Unterkunft in Darjeeling ist das Swiss Hotel, mit seiner mehr als hundertjährigen Geschichte ebenfalls ein Überbleibsel längst vergangener Zeiten. Das Hotel wurde vor zwei Jahren von einer indischen Tourismusorganisation übernommen als Drehscheibe und Ausgangspunkt eines Experiments zum städtischen Ökotourismus. Mit zwei Projekten hat man sich seither der bedrohten Natur im Himalaya angenommen. Zum einen wurde eine Studie zum Himalaya Newt gemacht, einer Salamander-Art, die durch zahlreiche Eingriffe des Menschen in das natürliche Gleichgewicht vom Aussterben bedroht ist. Zum anderen wird durch die Hoteleinnahmen eine Patenschaft für ein Pärchen roter Pandas – ebenfalls eine stark gefährdete Art – finanziert. Gemeinsam mit dem Hotelmanager besuchen wir den Zoo, um mit dem Direktor die letzten Formalitäten bezüglich der Patenschaft zu klären. Beim anschließenden Rundgang öffnet uns der Direktor Türen, die sonst verschlossen bleiben und so stehen wir kurze Zeit später Auge in Auge, nur durch ein Gitter getrennt, einem Tigermännchen beachtlichen Ausmaßes gegenüber. Neben der Natur ist das architektonische Erbe, vor allem der Briten, ein weiterer Ansatzpunkt der Schutzbemühungen des Hotels. Wie auch das Hotelanwesen selbst, so sind die meisten Denkmäler umringt von bis zu achtstöckigen Häuserkomplexen. Darjeeling war und ist eine Tourismusdestination mit mittlerweile über 500 Hotels – bei ca. 100.000 Einwohnern – und nicht jeder kann und will sich die Unterkunft in einem Denkmal-Hotel leisten. Vor allem die Beherbergungsbetriebe der oberen Kategorie sind es, die das britische (Architektur-) Erbe liebevoll pflegen. Direkt neben diesen Luxusabsteigen verfallen einst prächtige Anwesen ungenutzt oder werden als Dienstgebäude der regionalen Regierung alles andere als fachgerecht zusammengehalten. Einen übergeordneten Plan zur Restaurierung dieser Kulturschätze gibt es nicht, und wer die marode Straße nach Darjeeling am eigenen Leib erfahren hat, weiß wie schwer es wäre, eine Lobby für einen solchen zu schaffen – von der Finanzierung ganz zu schweigen.
Darjeeling genießt überregional einen hervorragenden Ruf für seine Schulen und unser Besuch in St. Paul’s , einem Internat in einer Anlage aus der Kolonialzeit erlaubt einen Einblick in die Gründe. Das streng auf Disziplin ausgelegte Bildungssystem, obwohl in Großbritannien in dieser Intensität längst antiquiert, bewegt hier Eltern aus teils weit entfernten indischen Bundesstaaten, ihre Kinder elitär bilden zu lassen.
Auf dem Hügel oberhalb des Internats hat das indische Militär das Compartment-Areal vom britischen Militär übernommen. Eine Kirche wurde letztes Jahr wieder geweiht, nachdem sie seit 1948 als Lagerraum, Mehrzweckhalle und zuletzt als Sportstätte gedient hatte. Vermutlich ist dies weltweit die einzige Kirche, in der unter den Bänken die Linien von Badmintonfeldern den Boden zieren.
Water Truck in Darjeeling
Auch wenn das britische Erbe in der Stadt noch immer mitatmet, stehen doch – vom Toy Train und seinem besonderen Schutzstatus abgesehen – alltägliche Probleme im Vordergrund. Darjeeling leidet unter akutem Wassermangel, sodass Trinkwasser von weit entfernten Quellen mit LKWs in die Stadt gebracht werden muss. Zudem bleiben die Touristen – sowohl Haupteinnahmequelle als auch Mitverursacher der Wasserknappheit – zunehmend aus. Obwohl auch im Swiss Hotel die Wasserversorgung nur per Bestellung gewährleistet wird, so hat man dort einen möglichen Lösungsansatz. Durch Bewerbung von Unterkünften in den Dörfern des Bergdistrikts versucht man den touristischen Druck auf die Distrikt-Hauptstadt zu entzerren. Dies wird die Sorgen der lokalen Hoteliers kaum mindern, aber immerhin bietet dieser Ansatz Alternativen zur Abwanderung aus dem ländlichen Raum.
Tee als eine Hauptattraktion der Gegend ist ein neuer Vermarktungsschwerpunkt der Touristiker und wo guter Tee wächst, gibt es auch viele Erholungsmöglichkeiten im Grünen. Die aus vielen Regionen zugewanderten Arbeiter in den Teeplantagen bieten zudem ein Potpourrie kultureller Eigenheiten, das es zu entdecken gilt.
Dieses reiche kulturelle Erbe der zahlreichen Bergvölker musste bei diesem Ausflug vorerst hintan stehen.

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