#1 Oktober 2007

Bengalische Gastfreundschaft
Wir folgen dem Mann, der uns mit einem Schild mit der Aufschrift “Mr. Marcus and family, Germany” im Ankunftsbereich von Kolkatas Flughafen abgepasst hat, wortlos zum Auto. Nach einer dreiviertel Stunde morgendlichen “Straßenkampfs” hält er vor einem vierstöckigen Haus und geht uns voran ins zweite Stockwerk. Dort öffnet er die Tür zu einem Drei-Zimmer-Appartment, unserem neuen Zuhause. Betten, Tisch und Stühle, Basis-Kücheneinrichtung, zwei Bäder, Ventilatoren an den Zimmerdecken sind vorhanden, sogar eine Couchecke hat man uns zugedacht. An fast alles wurde gedacht; es ist, als gleite man in eine Badewanne mit angenehm duftendem wohltempariertem Badewasser, wo nur das Kerzenlicht fehlt. Im Falle unseres Appartments sind weder fehlendes Licht, noch fehlende Wärme das Problem, sondern vielmehr der Mangel an Trinkwasser. Wir brauchen unsere Restvorräte auf und legen uns schlafen. Nach zwei Stunden klopft es an der Tür – meine Bekannten bringen einen Kühlschrank.

Alles komisch
Unsere Vierjährige hat die erste Trotzphase hinter sich und ist gerade einigermaßen der “Warum”-Nerverei entwachsen. Der Wechsel des Umfeldes hat ein neues Lieblingswort in ihr geprägt: “Komisch”. Rikschas sind komische Fahrräder, Motorrikschas komische Roller, Dhal eine komische Form von Linsensuppe, die Straßengräben komische Bürgersteige, auf denen man nicht laufen kann. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, weil einfach alles komisch ist. Vor allem, und das kommt ihr besonders komisch vor: Alle scheinen das alles als normal zu empfinden. So langsam begreift sie, dass sie komisch rüberkommt. Alle haben dunklere Haut als sie, dunklere Haare, dunklere Augen. Alle reden auf sie ein, obwohl sie kein Wort Deutsch können. Und wundern sich dann, dass sie keine Antwort gibt. Nach zwei Wochen sind ihre Fortschritte beachtlich: Ein Auto/Fahrrad/Roller hupt (alle hupen hier im Sekundentakt), schon geht sie brav zur Seite. Gegessen wird nur mit rechts, schließlich haben wir kein Klopapier mehr. Beim Betreten geschlossener Räume Schuhe ausziehen, und und und. Vieles wird langsam Routine, und für den kleinen Mann wird es wohl Alltag werden.
Hauptsache, nächste Woche kann sie endlich in den Kindergarten. Obwohl dort keiner Deutsch spricht.

Klein-Europa am Ganges
Die Imambarah in HooghlyWir sind – wer hatte das gedacht – nicht die ersten Europäer in der Gegend. Die Engländer haben in Kolkata reichlich viktorianische Architektur hinterlassen. Schließlich war die Stadt lange Zeit die zweitgrößte Siedlung im ganzen Empire. Am Samstag haben wir uns aber bei einem Ausflug eine komprimierte Dosis Festland-Europa einverleibt. Zugegeben, viel ist nicht übrig von den einstigen Kolonialsiedlungen. Ein paar hundert Jahre haben ihren Tribut gefordert. Lohnend war es trotzdem. Ein holländischer Friedhof, eine französische Kirche, eine portugiesische Kathedrale samt Kloster in Bandel und natürlich auch hier Spuren der Engländer. Da aber auch der ein oder andere lokale Herrscher einen Palast und/oder, einen Tempel beigetragen hat, kommt keine Langeweile auf. Garniert wurde der Ausflug durch eine intensive Besichtigung des Imambarah in Hooghly. Die Muslimische Anlage mit Gebetshaus, Gästebereich und Schulzentrum hat schon bessere Zeiten gesehen, wird aber gerade aufwendig durch die Archäologische Gesellschaft Indiens restauriert. Der Turmuhr, ein Geschenk der englischen Königin, hingegen scheint die Zeit wenig ausgemacht zu haben. Alle 15 Minuten läuten die tonnenschweren Glocken.
Die schottische, die dänische und die armenische Siedlung müssen sich bis zu unserem nächsten Tagesausflug gedulden.

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