Ostern in der Großstadt und Östernester im Wiental

Die Pläne für unseren nicht gerade sonnenverwöhnten Innenhof sind geprägt von Realismus: Der Boden ist schlecht, nur wenige Pflanzen gedeihen in der Schattenlage und die immervollen Mülltonnen (Mistkübel sagen wir in Österreich) erschweren die Umgestaltung zur grünen Oase. Eine Sandkiste, eine Schaukel und eine Rutsche sollen dennoch her, als Ausweichmöglichkeit zu den im Sommer überfüllten öffentlichen Kinderspielplätzen. Nach Ostern soll es losgehen mit der Aufwertung des Außenbereichs. Nach Ostern!

Wohin aber mit den Osternestern und bunten Eiern an Ostern? Verstecken in der Wohnung gleicht einem Stilbruch, die Versteckmöglichkeiten im kargen Innenhof sind beschränkt und unappetitlich und in den städtischen Parks ist schwer zu gewährleisten, dass die Finder mit den Versteckern verwandt sind. „Also muss der Osterhase noch ein Jahr warten“, denken wir uns, „oder der Kindergarten muss diesen Teil der Traditionspflege übernehmen.“

Das schöne Wetter lockt uns trotzdem nach Draußen. Um Tamunas langsam abheilenden Ohrschmerz-Martyrium vom Karfreitag Rechnung zu tragen, soll es nur eine kleine Wanderung in der Nähe sein. Drei Stationen mit der Schnellbahn sind es bis zum Rückhaltebecken der Wien in Wolf in der Au. Verwöhnt von Ausflügen in die Lobau und zum Neusiedler See nimmt sich die Vogelwelt im künstlichen Sumpfgebiet bescheiden aus. Auf südlicher Seite führt die Wanderung zwischen Staumauer und West-Autobahn entlang bis zu einem öffentlichen Grillplatz, der vor allem sonnenhungrige Südländer-Familien angelockt hat. Auf der Nordseite grenzt der riesige Garten des Klosters Hadersdorf an das Schutzgebiet, das durch die Kanalisierung der Wien entstanden ist. Der lange Weg durch die kräftige Aprilsonne schafft, was die in der Stadt allgegenwärtigen Plakate mit der Aufschrift „An Ostern ist Jesus von den Toten auferstanden!“ vergeblich bezwecken: Wir genießen die meditative Stille und kühle Erhabenheit einer prachtvollen Klosterkirche.

Getränke und Eiscreme gibt es dort freilich nicht. Fündig werden wir auf dem Weg zur S-Bahn in einem geräumigen Gastgarten im Schatten mächtiger Kastanienbäume. Die Kinder vergnügen sich auf dem hauseigenen Spielplatz, als ich an einer Wand hinter der Regenrinne aus der Ferne einen Schokoladen-Hasen und drei gefärbte Eier entdecke. „Da hat jemand sein Osternest übersehen!“, informiere ich die Bedienung. Sie verneint: „Wir haben hier einige Nester für unsere kleinen Gäste versteckt. Schicken Sie ihre Kinder doch gerne auf die Suche.“ Minuten später kommt Tamuna mit strahlenden Augen und vollen Händen auf den Tisch zu, begleitet von Samiran, der vor Freude hüpft. Nach drei aufgespürten Nestern gebieten wir Einhalt. Andere Kinder sollen auch noch was finden. Und wenn man bedenkt, dass Ostern eigentlich dieses Jahr ausfallen sollte, ist die Ausbeute ohnehin mehr als reichlich.

Die schöne Idee mit den „Östernestern“ hatte das Restaurant Hawei (ganz lokal abgeleitet von Hadersdorf-Weidlingau) in 1140 Wien.

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