Der Niedergang der stolzen Madame W.

Einst war sie eine schöne und wilde Braut. Stolz lag sie in ihrem breiten Bett und sogar der Kaiser wollte in ihrer Nähe weilen. Irgendwann aber fiel sie in Ungnade. Sie hatte wohl zu sehr über die Stränge geschlagen, immer wieder, und dabei großen Schaden angerichtet. 800px-wienfluss-1822_wikipedia
Heute darf sie sich nur noch auf einem Teil ihres täglichen Weges frei entfalten. Weit draußen, dort wo sie sich im Schutz der Bäume verstecken kann. Schon bevor sie die Grenze zum Häusermeer der Stadt erreicht, wird sie eingesperrt hinter hohe Mauern und muss sich ihr breites Bett mit einer U-Bahn und einer Hauptverkehrsstraße teilen.
Ihre ursprüngliche Schönheit ist hier nur noch zu erahnen: Die kleinen Grünstreifen, die man bemerkt, wenn das Auto an der roten Ampel steht oder wenn der Fahrradweg sie ein Stück des Weges begleitet; das sichere Gefühl, am Wasser zu sein, beim Schlendern über den Markt; die überdimensioniert wirkende Brücke, die im Stadtpark einen Bogen über sie schlägt. Auf ihren letzten Metern wirkt sie fast verschämt. Nur der einsame Angler, der es sich mit seiner Rute neben ihr bequem gemacht hat, signalisiert Lebenszeichen.
Groß wäre der Aufwand, ihr wieder Selbstbewusstsein einzuhauchen. Schminke alleine reichte nicht aus, um die alte Schönheit wieder hervorzuheben. Und Operationen würden bei aller Kunstfertigkeit tiefe Narben hinterlassen. Aber sie würde ihre Fans finden. Viele, die ihre Lebenskraft wertschätzten. Die dankbar ihre Stille und ehrfurchtsvoll ihre Rauheit genießen würden. So wie sie es draußen tun, vor der Stadt, im Grünen. Aber noch sind die Wärter zu streng, die Wälle zu hoch. Es ist schwer, aus der Gefangenschaft einen Freundeskreis aufzubauen. Besonders, wenn der Körper entstellt ist, von der langen Beugehaft.

Wien, Wien – nur du allein!

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