Fragen über Fragen

Fragen über Fragen

Ein Ochse am Bahnhof

Eine Kuh spaziert des Nachts über den Bahnhofsvorplatz

„Gute Frage“, denke ich. Wieder mal stehe ich da wie der berühmte Ochs vor´m Berg. Mein einheimischer Bekannter will – nachdem er mich eine halbe Stunde durch sein Dorf geführt und mir allerlei Fragen beantwortet hat – von mir wissen, wie eigentlich unsere Dörfer aussehen. Ich bin in einem aufgewachsen, ich sollte es doch wissen. Aber er hat – wenn überhaupt – nur eine vage Vorstellung von Europa. Was er vielleicht aus Zeitungs- und Magazinberichten evtl. aus dem Fernsehen (auf der Insel selbst gibt es aber keines), über Europa weiß, bezeichne ich nicht gerade als Abbild der Realität. Ein Dorf ist selten eine Nachricht wert, und was die Medien über Europa berichten ist meist Hochglanz auf Seifenoper-Niveau. Etwas unbeholfen versuche ich also, ihm ein einigermaßen realistisches Bild vom dörflichen Leben im Südwesten Deutschlands zu vermitteln. Jeder Satz ist Anlass für eine weiterführende Frage: „Landwirtschaft ist selten geworden!“ – „Ja von was leben denn dann die Menschen?“ Nach einer halben Stunde gebe ich auf. Ein deutsches Dorf ist zu abstrakt, als dass ich es ohne anschauliches Beispiel auch nur annähernd vermitteln könnte. Also verspreche ich, beim nächsten Mal Fotos mitzubringen.

Reisen bildet. Aber dass ich derart viele Gedanken über meine Heimat anstellen müsste, hätte ich nicht gedacht. Mehr als einmal haben mich „gute Fragen“ aus dem Konzept gebracht. Einfache Fragen, eigentlich: Was sind eure Grundnahrungsmittel, wieviel kostet ein Arztbesuch, wieviele Jahre besucht man durchschnittlich die Schule, wie hoch ist der staatliche Mindestlohn, wie lange geht man arbeiten, gibt es eine Berufsarmee…

Vermutlich habe ich eine Neigung, die Dinge unnötig zu komplizieren. Andererseits bin ich bemüht, Antworten zu geben, mit denen ich auch zufrieden wäre. Schließlich geht es um nicht Weniger, als dem Bild, das man von sich selbst und seinem Herkunftsort vermittelt. Und schnell wird dieses allzu paradiesisch. Simpel „keine direkten Kosten für Arztbesuche“ oder die Erklärung des Sozialversicherungssystems. Ersteres – paradiesisch – ist nicht wahr, zweiteres recht schwer zu erklären.

Letzte Woche hat mich ein junger Mann verschämt und hinter vorgehaltener Hand mit einer Frage konfrontiert, die man in seinem Freundeskreis schon lange heftig diskutiert: „Ist es wahr, dass man in Deutschland einfach so Sex haben kann, wenn man will?“ Zuvor hatte er gefragt, welchen Weg man gehen müsse, wenn man in Deutschland studieren will. „Gute Frage“, habe ich geantwortet.

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