Der Visa-Run

Der Visa-Run

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Es gibt da bestimmt genaue Regelungen, irgendwo, mal sehen, in einem der Bücher...

Eine der Nebenwirkungen des Schengen-Vertrages ist, dass man es als Europäer allzu selbstverständlich nimmt, ohne Eintrittskarte in ein anderes Land zu reisen. Aber die Welt ist umfassender als die Wirkungskraft dieses EU-Vertrages und so braucht man auch für Indien ein Visum. Dieses kann man ganz einfach bei der indischen Botschaft in Deutschland bekommen. 50 EUR berechtigen zur halbjährigen Teilnahme am Abenteuer Indien, sonstige Hürden gibt es kaum. Bis Ende Januar galt unser Visum, heimreisen wollten wir aber noch nicht. Also muss eine Visumverlängerung her. Man versucht, sich schlau zu machen, man telefoniert, man sucht im Internet etc. Informationen über das Vorgehen gibt es viele. Zu viele. Verwirrend viele. Widersprüchliche Erfahrungsberichte in Traveller-Foren – Stichwort “Faction”, offizielle Webseiten, die vor zwei Jahren letzmals gewartet wurden und auf denen man Telefonnummern für Rückfragen lange bzw. vergeblich sucht, unklare Aussagen beim Behördenanruf.

“Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah”, denkt man sich und geht zur nächsten Ausländermeldestelle der Polizei. Fehlanzeige. “Nicht zuständig”, sagt der Offizier und verweist weiter nach Kalkutta, der Hauptstadt des Bundesstaates. Mehrere Anrufe dort lassen vor allem eines klar werden: Man sollte persönlich vorbeikommen. Eine Nachtzugreise und 650 Kilometer später finde ich mich im Büro der zentralen Ausländerregistrierung West-Bengalens wieder. Ausgestattet mit Kopien von Pass und Visum, mit frischen Passbildern, mit einem Referenzschreiben meines Partnerunternehmens, zudem frisch rasiert, gekämmt und mit sauberem Hemd. Offizier Nummer drei, dem ich mein Anliegen vortrage und der gewissenhaft meine Unterlagen durchsieht, verkündet mit ernsten Gesicht, mein Fall könne nur vom Polizeichef persönlich entschieden werden. Der sei aber erst morgen wieder zu sprechen, zwischen 10 und 14 Uhr. “Bitte”, sage ich, “es ist Viertel nach zwei, der muss doch noch da sein”. Nix zu machen. Am nächsten Morgen empfängt mich der hohe Herr denn auch, um mir nach nur flüchtiger Prüfung mitzuteilen, dass für meinen Fall das Büro im Erdgeschoss zuständig sei. Dasselbe Büro, dass mich am Tag vorher zu ihm verwiesen hatte. Also am Tag drei in Kalkutta wieder zu den bekannten Herren. Diesmal werde ich nach Delhi weiterverwiesen. Ausweichvariante sei ein Rückflug nach Deutschland, wo ich bestimmt erneut ein Visum erhalten könne.

In Delhi geht es vom Flughafen, wo ich der Einfachheit halber gleich die Nacht verbracht habe, direkt zum Innenministerium, Sprechstunde laut telefonischer Auskunft von 8 bis 12, Montag bis Freitag. Der Winter in Delhi ist berüchtigt. Nach fast zwei Stunden in der Schlange, bis um 9.30 Wartenummern vergeben werden, weiß ich warum. Total durchgefroren halte ich stolz Wartenummer 2 in Händen. Gegen 11 kommt Leben in die Sache, mit Eintreffen des für Deutsche zuständigen Beamten. Ich erkläre mich, präsentiere meine Dokumente und werde gebeten, um 16.30 wieder da zu sein, mein Fall werde geprüft. 19.30 erfahre ich vom Sachbearbeiter, dass ich einen Brief nach Darjeeling zur Ausländerbehörde bringen müsse, danach werde entschieden. Ob mein Visum verlängert werde, will ich wissen. Ich solle zuversichtlich sein, mehr ist nicht herauszubekommen. Langsam werde ich nervös, das Visum läuft in zwei Wochen ab, und ohne Visum im Land ist ganz schlecht.

Schreibtisch

Ist der Fall erst einmal bei den Akten, dann ist Aufklärung nicht weit.

Von Delhi aus geht es nach Kathmandu, der Hauptstadt Nepals. Schließlich muss nicht nur mein Geschäftsreisevisum verlängert werden, sondern auch die Touristenvisa der Familie, und das geht nur außerhalb Indiens. Fünf Tage dauert die Bearbeitung, wie wir erfahren. Erst muss grünes Licht aus Deutschland von der indischen Botschaft kommen, und das dauert eben ein paar Tage. Schlecht für uns, dass auch noch ein Wochenende dazwischenliegt. Dienstags erhalten wir die Bestätigung aus Berlin und tatsächlich am gleichen Mittag die Visa. Nur viermal auf der Botschaft vorsprechen. An dieser Stelle muss lobend der Schalterbeamte erwähnt werden, der uns nach einmaligem Schlangestehen zu verstehen gibt, dass wir mit Kindern zukünftig durch den Seiteneingang direkt in sein Büro kommen sollen. Ein Luxus, bedenkt man, dass in Nepal im Januar die Temperaturen im offenen Wartebereich um die zehn Grad liegen.

Nach der Rückkehr aus Kathmandu geht es nach einer kurzen Nacht in Siliguri schon um 5 Uhr los in Richtung Darjeeling, bloß keine Zeit mehr vertrödeln. Ein Streik hatte am Tag vorher die Berge lahmgelegt, eine möglichst frühe Abfahrt ist deshalb ratsam. Der Chef der Ausländerbehörde nimmt den Brief entgegen, liest und verkündet, er solle einen Bericht aus Siliguri anfordern. Die dortige Polizeibehörde müsse einen detaillierten Report über meine Geschäftstätigkeit, meinen Leumund und meine Person überhaupt erstellen. Dieser sei dann an ihn zu senden und werde von ihm weitergeleitet nach Delhi. “Wie bitte?”, rutscht es mir heraus, “das kann doch Wochen dauern.” Ich solle mir keine Sorgen machen, mein Visum werde unter Vorbehalt bis Ende Juli verlängert, er statte mich mit einem entsprechenden Schreiben aus. Ich solle aber nicht den Bundesstaat geschweige denn das Land verlassen in der Zwischenzeit, am besten überhaupt in Siliguri bleiben.

Drei Tage danach erkundige ich mich bei der Polizeibehörde in Siliguri, ob der Bericht schon von Darjeeling angefordert sei. “Gerade reingekommen”, erfahre ich, “morgen nochmal kommen, der Chef muss das mal in Ruhe lesen.” Also gut, am nächsten Tag wieder hin. Der Beamte ist kreativ: Eine notarielle Beeidigung, dass meine Partnerfirma im Falle eines Falles für mich einsteht, soll es diesmal sein. Ohne die gehe nix. Am nächsten Tag präsentiere ich das Papier, dessen Überprüfung wohl einen Tag in Anspruch nehmen wird, wie man mir sagt. Zwischenzeitlich war mein fürsorglicher Geschäftsfreund noch drei mal dort und es scheint, dass der Bericht nun fertig ist. Dieser muss jetzt nur noch nach Darjeeling, dann nach Delhi,….

Ich kümmere mich mittlerweile nicht mehr um die Sache, nach 24 Tagen “Visa-Run” bin ich müde. Mein Visum ist unter Vorbehalt verlängert, und solange man mir nichts Gegenteiliges mitteilt, halte ich mich lieber ruhig.

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