Beim Kinderarzt

Beim Kinderarzt
Manchmal ist man sich nicht ganz sicher über den Gesundheitszustand der Kinder und wünscht professionellen Rat. So ging es uns mit dem Kleinen: Schon seit Monaten beobachten wir aufmerksam aber gelassen die Entwicklung einer drohenden Phimose, ganz so wie es uns die Kinderärztin in Berlin vor Monaten angeraten hat. Als aber eines Morgens sein Unterleibsfortsatz geschwollen war, haben wir uns nach einem guten Doktor umgehört. Ein Freund aus Siliguri hat uns per Telefon aus Mumbai, wo er gerade eine Messe besucht, zum “besten Kinderarzt der Stadt” verwiesen. Dessen Nummer im Internet zu finden war nicht schwer; wo eine Nummer ist, ist aber noch lange keine Leitung. Also habe ich die Frau meines Bekannten angerufen, die schon über alles informiert war und besorgt ihre unverzügliche Hilfe anbot. Wir haben mit der genauen Anschrift der Praxis vorlieb genommen und dem Hinweis, dass der Doktor nur Donnerstag und Samstag Abend konsultiere. Es war Samstag, also sind wir alle nach dem Abendessen gegen acht mit einer Rikshaw los zum Arzt. Es ist hier üblich, dass die Ärzte im Nebenzimmer von Medical Shops – halb Apotheke, halb Drogerie – ihre Sprechstunden abhalten. Vorteil hiervon ist, dass vor dem Geschäft ausreichend Warteraum – ein Zimmer ist es ja nicht, vielmehr eine Ladenpassage – zur Verfügung steht. Aus Berlin sind wir einiges gewöhnt mit vollen Wartezimmern, schließlich weist der Wedding eine beachtliche Bevölkerungsdichte auf. Kleine Fische. Indien ist mit mehr als einer Milliarde Menschen Nummer zwei im Ranking der bevölkerungsreichsten Staaten. Und wird – so schätzen die Experten – im Jahr 2040 mit 1,4 Milliarden China überholt haben. In anderen Worten: die Bevölkerung wächst und entsprechend sah es im Wartebereich aus. Überschlägig 30 Kinder in Begleitung von mindestens einem Erwachsenen – eher mehr; Schlagwort: Großfamilie. Das Warten geht sehr geordnet vonstatten. Man meldet sich an und erhält eine Nummer. Obwohl wir – wieso sollte es hier auch anders sein – als einzige Nicht-Inder aufgefallen sind, so unterscheidet sich das “Wartezimmer” eines Kinderarztes doch erheblich von unserem sonstigen alltäglichen Exotentum. Wenn sonst Mütter, Omas, Teenager aufgeregt über die Straße hüpfen, um die weiße Haut unserer Kinder zu begreifen, so ist beim Kinderarzt die versammelte Weiblichkeit vorrangig mit ihren eigenen Sprößlingen beschäftigt. So gesehen hatten wir eine entspannte Zeit bis wir nach zwei Stunden endlich aufgerufen wurden. Statt ins Untersuchungszimmer führte uns der Arzthelfer zu unserer Überraschung in einen Warteraum. Dort trafen wir auch die drei vor uns aufgerufenen Familien wieder und wir kamen uns näher – kein Wunder, das Zimmer maß ungefähr drei Quadratmeter. Die Untersuchung selbst war unspektakulär, der freundliche Doktor vermittelte einen sehr kompetenten Eindruck. Unsere Engstellen-Sorge hat er beruhigt, auch ansonsten sei alles normal: Kopfumfang, Gewicht, Herztöne etc. pp. Gegen den etwas rauhen Hals haben wir ein Rezept für zwei Flaschen Hustensaft bekommen – viel hilft offenbar viel und der angegliederte Medicine Shop will schließlich auch leben. Gekostet haben die Untersuchung plus Medikamente etwa soviel wie ein Einschreibebrief. Vermutlich leben die Reiseversicherungen davon, dass bar zahlen billiger ist als das Porto zur Belegeinreichung. Um 22 Uhr 45 waren wir wieder daheim von unserem Samstag-Abend-Programm. Beim Auspacken der Medikamente müssen wir schmunzeln. Auf der Packung steht “Keep out of reach of children” – von Kindern fernhalten.

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