Auf Messers Schneide

Vereinzelt findet man sie noch, zum Beispiel im Osten vom Westen, im Wedding. Barbiere. Hier ist es mir ein Fest, dass ich dieses lästige Übel delegieren kann. In den Städten ist es meist Bequemlichkeit.  Auf dem Land – je kleiner das Dorf, umso besser – kommt ein gewisser Unterhaltungseffekt dazu. Mit jedem Schritt, mit dem man sich dem Barber nähert (nicht immer ist es ein Salon, oft ist es nur ein Stuhl auf der Strasse inkl. eines Spiegels an einem Baum oder einer Wand), werden seine Augen größer. Wer in der Kunst des Blicklesens bewandert ist, weiss: aus einem anfänglichen „der hat sich wohl verlaufen“, wird ein erstauntes „oder etwa doch nicht“, gefolgt von einem „der meint es tatsächlich ernst“, sobald man den Stuhl besteigt und mit Gesten den Grund des Besuches kommuniziert. Zwar rasiert ein indischer Barbier pro Tag geschätzt 20 Leute, selten jedoch derart hellhäutige. Daher vermutlich die anfänglich spürbare Unsicherheit: „Rasiert man eine helle Haut genauso wie eine dunklere?“ Schon während des Einpinselns entspannt sich die Situation. Die Rasur beginnt an den Koteletten und ein Schnitt hier wäre zwar peinlich, aber dennoch verkraftbar. Mit jedem Quadratzentimeter weggeschabtem Schaum wird der Maestro sicherer. Und bis es mir an die Gurgel geht, sind auch die letzten Schweisstropfen von seiner Stirn verschwunden. Ich bin ein ganz gewöhnlicher, wenn auch ungewöhnlicher Kunde. Haarscharf.

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