Indien sind seine Dörfer

38,8 Grad in Mumbai. Nicht Außentemperatur, sondern Fieber. Die Klimaanlagen im Flugzeug und im Transitbereich in Bahrain waren verkleidete Froster.
Im Ankunftsbereich steht ein Mann mit Schild: Mr. Marcus, Germany. Die digitale Gastfreundschaft funktioniert, es ist Lauren. Er fährt mich in sein Appartment nach Colaba, dort wo die Halbinsel Mumbai nur noch einige hundert Meter breit ist. Er zeigt mir Bad, Bett und Küche, gibt mir einen Schlüssel und verschwindet. Ausschlafen, die beste Medizin.
Als ich aufwache, dämmert es bereits. Ich bin immer noch gerädert, der Hunger treibt mich vor die Tür. Von der Ecke gegenüber riecht es nach Pizza. Ein kultureller Affront sicherlich, aber die schnellste Variante. Die Pizza kostet 350 Rupien. Dafür muss mancher Inder ein paar Tage arbeiten. Die 15 Roller, die als Lieferfahrzeuge vor der Tür stehen, sagen mir, dass dies für viele andere in Mumbai unerheblich zu sein scheint …
Als ich morgens aufwache, steht Lauren schon angezogen neben seinem Bett. Wenn ich mit ihm frühstücken will, soll ich mich beeilen. Nach dem europäischen Frühstück, zu dem er mich einlädt, erfahre ich den Grund für die Eile: Es ist Sonntag. Er fragt, ob ich ihn zur Messe begleiten will. Lauren ist Protestant. Es ist lange her, dass ich einen Gottesdienst besucht habe. Einen protestantischen sowieso, geschweige denn in Englisch. Nach der Messe passt mich der Priester ab. Er hatte mir Messwein über die Hose geschüttet und will sich dafür entschuldigen. Der spirituelle Tageseinstieg ist gemacht.
Ich frage Lauren, ob er mir die Towers of Silence zeigt. Die Parsen bestatten ihre Toten, indem sie sie auf Türmen den Geiern zum Fraß vorlegen. Es ist nicht viel zu sehen, hohe Zäune und Hecken schützen vor neugierigen Blicken.
Auch meinem zweiten Besichtigungswunsch wird entsprochen – das Rotlichtviertel. Prostitution ist in Indien verboten, dennoch ist dieser Bezirk im Reiseführer erwähnt. An der
Ecke zu einem maroden Viertel hält Lauren an. Die Damen tragen bunte Kleider und stehen beieinander wie Hausfrauen, die nach dem Marktbesuch ein Schwätzchen halten. Einzig ihr massiertes Auftreten und viel sagende Blicke erklären die Besonderheit des Ortes …
Die Universität, in der ich mit Professor Munshi verabredet bin, hat zwei Standorte. Einer in Colaba, der andere in Santa Cruz. Das bedeutet 45 Minuten Bummelzug.
Was immer ich über die Vorortzüge von Mumbai gehört hatte, es ist wahr. Es zu fühlen, ist eine andere Qualität des Erlebens. Als der Zug abfährt, bin ich fast alleine im Abteil. Drei Stationen später sind die Stehplätze besetzt. So glaube ich. An jeder Station steigen neue Menschen ein. Wer aussteigt, und ob dies überhaupt jemand tut, ist meinem Blick entzogen. Ich fühle aber, dass der Zug immer voller wird. Drei Stationen vor Santa Cruz rät mir ein Mitfahrer, mich gen Ausgang zu bewegen. Die drei Meter sind weit. Es ist ein eigenartiger Prozess, vergleichbar einer Hand die in einer Schüssel mit Reis rührt. Die Körner tauschen den Platz, und was vorher in der Mitte war, ist irgendwann am Rand. Mit einem heftigen Ruck und einem Sprung in die Menge, die auf die Zugtür zustürmt, lande ich am Bahnsteig. Geschafft, in allerlei Hinsicht.
Der Universitätscampus scheint noch im Bau, ob noch gebaut oder schon renoviert wird, verraten die halbfertigen Häuser nicht. Am nächsten Morgen befreit mich ein Zug von den Wirren der Großstadt …
Es ist schon dunkel, als ich in Mananthavady eintreffe. Es ist eine Stadt, nach indischen Maßstab vermutlich eine Kleinstadt.
Die Zeit, bis mich Sumesh am Busbahnhof einsammelt, überbrücke ich mit Tee trinken. Ich komme ins wortlose Gespräch mit einem anderen Fahrgast, der auch wartet. Er hat Frau und Kinder. Ich zeige ihm Bilder von meiner Frau und meiner Tochter. Die Fotos, kaum abgelegt, verlassen den Tisch und kreisen einmal durch die
Teestube. Jeder will sie sehen. Ein deutscher Bahnhof bei Schnee, die Fußgängerzone in Wien und Fathermother meine Oma, väterlicherseits wohlgemerkt, so genau muss man schon sein.
Das Beste an Mananthavady ist vermutlich das Kaffeehaus, das die Indian Coffee Worker Cooperation Limited betreibt. Wayanad, der Distrikt in dem die Stadt liegt, ist umgeben von Kaffeeplantagen. Frischer bekommt man ihn wohl kaum. Und was in Darjeeling beim Tee ein Sakrileg ist, ist hier Alltag – der Kaffee wird mit Milch und gezuckert serviert.
Nach fünf Tagen in der Stadt bin ich einigermaßen akklimatisiert. Das mal zögernde, mal eilige Tanzen von einer Straßenseite zur anderen, durch den immer hupenden fließenden Verkehr. Die Restaurants, deren Aussehen im umgekehrten Verhältnis zur Qualität des Essens steht – je einfacher, desto besser.
Die freundlichen Rufe und Grüße. Am ersten Tag skeptische Blicke, am zweiten ein Gerede, hinterrücks: foreigner. Am dritten hatte sich herumgesprochen, dass ich aus »Jarmeny« komme und am vierten wurde ich mancherorts bereits mit Namen gegrüßt.
»Indien sind seine Dörfer«, hatte Ghandi gesagt. Spätestens am fünften Tag in der kleinen Stadt, am 165. Geburtstag des Nationalidols, wusste ich in etwa, was er meint.

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