Couchsurfing – Geburtstag eines neuen Lebensgefühls!
Heute haben wir Geburtstag. Seit fünf Jahren sind wir Mitglied bei Couchsurfing.
In den letzten fünf Jahren haben wir Dutzende unglaublich nette Menschen aus und in aller Herren Länder kennengelernt, einige von ihnen sind in der Zwischenzeit enge Freunde geworden. Wir haben erfahren dürfen, wie gute Gastfreundschaft funktioniert und wie man ein guter Gast ist. Und wir versuchen seither selbst bessere Gastgeber zu werden.
Die Diskussions- und Interessen-Gruppen sind uns eine willkommene Anregung für neue Gedanken, Ansichten und Ideen. Wir tauschen uns mit anderen Familien auf der ganzen Welt aus über Erziehung und Reisen mit Kindern, und wir bekommen aus der ganzen Welt Postkarten, die uns leckeres lokales Essen vorstellen.
Was die Kinder betrifft: Die werden mittlerweile mit neuen Menschen – Gästen oder Gastgebern – ganz schnell warm, wir hören selten Gemecker über exotisches Essen, sie fangen an in neuen Sprachen zu sprechen, und sie fühlen sich dort daheim, wo sie ihren Kopf hinlegen. Ich kann mir keine bessere Vorbereitung für eine weltweite, friedliche und nachhaltige Gesellschaft vorstellen.
Vielen Dank, Couchsurfing!
Today is our fifth anniversary with CS: We have met dozens of lovely people, and some of them have become close friends. We have experienced great hospitality as guests and also learned how to be good hosts. We continuously pick up new thoughts and ideas from the various groups. We exchange worldwide with other families about parenting and travelling, and we get postcards showing local food from all over the world. Looking at our little ones: They are so easy with meeting new people, they conversate in new languages, and they are at home whereever they lay their head. I wouldn’t know any better preparation for a global, peaceful and sustainable society. Thanks Couchsurfing!
Wer mehr lesen will über Couchsurfing: Die Familie Arzl hat ein schönes Buch geschrieben, das „Couchsurfing Buch“ http://couchsurfing.arzl.net/
20 Fragen an Wien
Nach zwei Jahren in Wien beginne ich langsam mich an die lokalen Eigenheiten zu gewöhnen. Ich „sudere“ und „motschkere“ nach Kräften – wenn auch noch auf Grundkurs-Niveau. Allerdings sticht mir beim „Gewöhnen“ an die lokalen Besonderheiten immer wieder das eine oder andere ins Auge:
- Wieso gehen die Tore von Spielplätzen meist nach außen auf? Damit die Kinder einfacher abhauen können, oder um ihnen den Zugang zu erschweren?
- Wieso sind die Haltestellen der Straßenbahn meist hinter der Ampel? Damit die Öffi-Nutzer mehr Abgase einatmen während einer Rot-Phase?
- Wieso werden, wenn’s eng wird, immer die Fahrradwege wegrationalisiert?
- Wie kann mein nicht Deutsch sprechender Nachbar die Mülltrennung verstehen, wenn statt Bildern Buchstaben auf den Containern sind, und dazu das Maskottchen der MA48, das eine Blechbüchse im Haar hat?
- Warum hat man bei der Fahrplanauskunft der Wiener Linien immer dann, wenn man mal wirklich eine Frage hat, das Band dran?
- Wieso kosten die Fahrscheine in der Straßenbahn mehr als im Vorverkauf? Um Spontannutzer zu bestrafen?
- Warum kann man in der Straßenbahn keine Kurzstrecken-Tickets kaufen?
- Wieso ist auf Kinderspielplätzen das Ballspielen und Fahrradfahren verboten aber nicht das Rauchen (update August 2010: die meisten Spielplätze haben nun entsprechende Stickers angebracht, mal sehen wann die Umerziehungsphase gelungen ist).
- Dienen die dunklen Folien an der Straßenbahnfenstern dazu, dass die Fahrgäste von öffentliche Verkehrsmittel anonym benutzen können, oder damit die Stadterkundung erschwert wird?
- Was macht ein nicht Ortskundiger, wenn er wegen der Sperrung vom Südbahnhof den Ausweich-Bahnhof Meidling sucht und nicht weiß, dass die entsprechende U-Bahn-Haltestelle Philadelphia-Brücke heißt?
- Wirkt die Aufforderung an den Rolltreppen „Rechts stehen“ politisierend?
- Warum hat die U3 in der Station Herrengasse braune Bügel, wenn die Linie Orange ist?
- Wäre es nicht sinnvoll, wenn auf dem Bratislover-Prospekt der OEBB der Bahnhof in Bratislava so eingezeichnet wäre, dass man ihn auch findet?
- Der Ansager auf der U6 sagt richtig „49ich“ aber falsch „52ik und 58ik“. Wieso diese Sprachvielfalt?
- Wieso hat der Fahrkartenautomat am Flughafen Wien-Schwechat keine Auswahltaste für das Fahrtziel „Wien-City“?
- Was ist der Erfolgsindikator, wenn die Wiener Linien stolz verkünden, dass sie jeden Tag 100 Tonnen Müll einsammeln?
- Wieso muss man sich in der U-Bahn mit der Nase über den Mistkübel bücken, um etwas auf dem Stadtplan nachzusehen?
- Warum erhalten Hausfrauen bzw. -männer keine Förderung vom Wiener-Ausbildungsförderungs-Fonds?
- Woher soll man wissen, was eine Zusatzwertkarte für die Wiener Linien ist, wenn noch nicht einmal google mit dem Begriff etwas anfangen kann?
- Wie kalkuliert denn dieser Bäcker? 2 Semmeln, 2 Laugenstangen und 1 Körnerbrötchen: Das macht dann 3,49 EUR.
Orient trifft Okzident – Reisenotizen aus Bosnien
Unterwegs im Orient-Express
Andächtig stehen wir vor dem Verkaufsschalter im Bahnhof in Istanbul. Wir würden gerne nach Wien fahren, geht das?
Der Schalterbeamte scheint die Frage nicht recht zu verstehen: Haben Sie Geld? Welche Klasse wollen Sie reisen? Wann?
Zehn Minuten später halten wir die Tickets für den Orient-Express in der Hand.
- Ticket Orient Express Istanbul Wien
- Tamuna und Samiran ungeduldig vor der Abfahrt – noch eine Stunde Zeit
- Großer Bahnhof in Istanbul – Hier geht die Reise los
- Der „Orient-Express“ auf einem Zwischenstopp in Bulgarien
- Orient Express fährt zum letzten Mal – oe24-Meldung Dez 2009
Zumindest bis Wien. Und auch unter anderem Namen. Aber die gleiche Strecke. Ostwärts über Bulgarien und Rumänien. Eine schöne Reise, wenn es hell wird und man sieht was, ist man schon weit in Bulgarien. Negativ in Erinnerung bleibt der türkische Grenzbeamte, der bei Ausreise morgens um 3.30 eisern darauf besteht, die Kinder persönlich an seinem Schalter vorzuführen. Keine einfache Aufgabe, wenn so hoch Schnee liegt, dass die Unterführung unpassierbar ist. Die B-Note für Andrea beim Durchklettern durch einen anderen Zug war nicht berauschend, das Bein geprellt, die Hose gerissen, Samiran am Kreischen… Aber immerhin haben wir jetzt alle einen türkischen Ausreise-Stempel im Pass. Die Anregung, dass der Stempel ja zum Pass kommen könnte, statt umgekehrt, verhallt ungehört.
Besser vorbereitet sind wir nächstes Mal bzgl. Verpflegung. Schon erstaunlich, dass es auf einer 21 Std. Zugfahrt nix zu kaufen gibt. Kein Kaffee (nicht mal beim Zwischenstopp in Bulgarien – weil „Euro nehmen wir nicht“), keine Süßigkeiten, keine Suppe…. Glücklicherweise sind in Bukarest am Bahnhof die Geschäfte auf für Nachschub-Versorgung.
Zum Abschluss noch eine traurige Meldung. Unser geliebter Heimat-Nachtzug von Wien nach Straßburg wurde eingestellt. Das wäre die Anschlussverbindung des Orient-Express gewesen, auf dieser Linie sogar noch unter dem historischen Namen. Aus der Fernverbindung wird ein Flickenteppich, so scheint’s. Liegt’s an den billigen Flügen in die Türkei???
- Orient Express fährt zum letzten Mal – oe24-Meldung Dez 2009
Unglaublich: auf Pilgerreise im Heiligen Land
Kurz vor unserer Abreise ins Heilige Land hatten wir uns offiziell von der Heiligen Mutter Kirche (katholischer Prägung) abgenabelt.
Beste Voraussetzungen, um religiös völlig unbefleckt eine Reise zu unternehmen, die vor heiligen Orten geradezu trieft.
Palästina
Unser Appartment in Beit Sahour ist nur wenige Meter vom Hirtenfeld entfernt. Hier hatten die Schäfer die galaktische Nachricht von der Geburt des Messias im nahen Bethlehem empfangen. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es zwischen orthodoxer und katholischer Kirche auch in geographischer Hinsicht Differenzen gibt. Entsprechend befinden sich in Beit Sahour zwei Hirtenfelder. In Zeiten des Massentourismus kann man dies durchaus auch als sinnvolles Element der Besucherlenkung verstehen.
Ein Ganztagsausflug führt uns nach Hebron zum Grab von Urvater Abraham, das sich Muslime und Juden stacheldrahtgetrennt teilen. Seit einem Blutbad in der Moschee gewähren schwer bewaffnete Soldaten – und Soldatinnen – den Besuchern erst nach Läuterung mittels dreifacher Metalldetektor-Schleuse Zutritt in die Heiligtümer.
Ein weiterer Ausflug führt uns nach Jericho, die älteste Stadt der Welt, deren Mauern durch heftigen Posaunenchor zum Einsturz gebracht wurde. Vermutlich die letzte große Party in dieser verschlafen wirkenden Kleinstadt.
Bethlehem ist nur zwanzig Minuten Fußweg von Beit Sahour entfernt und wir teilen uns regelmäßig den Anblick der Geburtskirche und der Milchgrotte mit Horden von Gläubigen, die im Akkord von Reisebussen ausgespuckt werden.
Insgesamt dreimal schaffen wir es nach Jerusalem und immer nur in die Altstadt. Das quirlige neue Zentrum kennen wir nur durch An- und Abreise via zentralem Busbahnhof. Das österreichische Hospiz – unser erster Anlaufpunkt, der guten Kaffee verspricht aber nicht hält – liegt an der Via Dolorosa. Der Weg, der Jesus nach Golgatha geführt hat, ist heute der rote Faden, der Pilger durch die Heilige Stadt leitet.
Ebenso wie in der Geburtskirche in Bethlehem beten die Pilger in der Auferstehungskirche in Jerusalem ein Loch an. An einem Ort das Loch, aus dem das heilige Jesuskind geschlüpft ist – bildlich gesprochen. Am anderen das, durch das er in den Himmel aufgefahren ist.
Die überwältigende Präsenz von katholischer und protestantischer Denomination in West-Europa verschleiert leicht die Vielfältigkeit der christlichen Religion. Das Kloster Mar Saba, das älteste Kloster Palästinas, hängt spektakulär in der kargen Felsenlandschaft der judäischen Wüste wie ein Vogelnest am Berg. Dort belehrt uns ein Mönch, dass von den ca. 2600 Glaubensgemeinden weltweit nur die östlich-orthodoxe die wahre, ursprüngliche und echte Kirche sei. Alle anderen seien häretische Irrlehren, die sich aus dem römisch-katholischen Glauben entwickelt hätten. Der Bischof von Rom spaltete 1054 die römisch-katholische Kirche von den anderen vier Patriarchalen Zentren – Antiochia, Alexandria, Jerusalem und Konstantinopel – ab. Damit verließ er die eine heilige katholische und apostolische Kirche. Für eine ausführliche Erläuterung fehlt leider die Zeit. Draußen warten die Frauen am Parkplatz. Ihnen gewährt die Bruderschaft keinen Zutritt in ihr Reich rund um den unverwesten Leichnam ihres Gründungsvaters, des Hl. Sabas.
Jordanien
Die Stelle der Taufe des Messias im Flusstal des Jordan in Jordanien verpassen wir knapp. Ein freundlicher Autofahrer setzt uns an der Bushaltestelle nach Amman in der nahe gelegenen Stadt ab.
In Amman kommt kurz vorweihnachtliche Stimmung auf, als wir einen abendlichen Ausflug in ein überwiegend von Christen bewohntes Dorf machen. Die lebensgroßen Krippenfiguren, der riesige Weihnachtsbaum und die dekorierten Straßen in Fuheis ziehen viele Begeisterte aus der nahen Hauptstadt an.
Christlich wird es erst wieder im Norden im Distrikt Irbid, wo wir von einer Anhöhe inmitten römischer Ruinen in der Ferne am Fuß der Golan-Höhen den See Genezareth sehen.
Syrien
Damaskus in Syrien ist aus christlicher Sicht vor allem wegen Saulus, der hier zu Paulus wurde, bedeutend. 2000 Jahre später ist im Christenviertel der Altstadt und in Nazaar rund um das Stadttor Bab Tooma das Weihnachtstreiben bei milden Temperaturen voll im Gange.
Türkei
Antakia, das alte Antiochia, ist heute Teil der Türkei. Man spürt, dass die Stätte der ersten Christengemeinde kaum mehr als ein touristisches Highlight in einem überwiegend andersgläubigen Gebiet ist.
Nach Wochen in Ländern der kurzen Distanzen – der Nahe Osten ist kulturell zwar ganz groß aber räumlich sehr überschaubar – verlangt uns die Weite der Türkei zwei Nachtzugreisen ab, bevor wir Izmir an der Westküste erreichen.
Nach Wochen in Ländern der kurzen Distanzen – der Nahe Osten ist kulturell zwar ganz groß aber räumlich sehr überschaubar – verlangt uns die Weite der Türkei zwei Nachtzugreisen ab, bevor wir Izmir an der Westküste erreichen. Die heute drittgrößte Stadt der Türkei war als frühe Christengemeinde eine der sieben Gemeinden aus der Offenbarung des Johannes. Vom Christentum spüren wir hier wenig.
Auch in Istanbul ist die Eröffnungszeremonie zur Europäischen Kulturhauptstadt 2010 eher gegenwärtig, als christliche Wurzeln. Wir schauen beim nächsten Mal aber gründlicher – bei Sonnenschein statt Dauerregen.
Dabei gibt es viel zu sehen, wie die Broschüre „Heimat des Glaubens“, herausgegeben vom türkischen Ministerium für Kultur und Tourismus, zusammenfasst.
Flugverkehr am Toten Meer
Am Toten Meer geht es ausgesprochen lebhaft zu: Im Wohnzimmer unseres Gastgebers zähle ich bereits wenige Minuten nach unserer Ankunft elf Fliegen auf einem kleinen Marmeladefleck, den das Frühstück am Morgen auf meiner Hose hinterlassen hat. Während der nächsten Tage wird die Scheibenwischer gleich vor dem Kopf wedelnde Hand zur kontinuierlichen Übung. In einer kurzen Pause zwischen dem Summ-Summ um die Ohren stehe ich irgendwann vor einer logischen Kluft: Der Volksmund sagt, dass Fliegen in Bodennähe ein Zeichen für schlechtes Wetter sind. Weil die Insekten bei niedrigem Luftdruck nicht in die Höhe entschwinden können, gehen auch die Schwalben auf Tiefflug-Jagd. So der landläufige Glaube. Unsere Unterkunft liegt aber in unmittelbarer Nähe zum tiefsten Punkt der Erde und dort ist der Luftdruck um mehr als zehn Prozent höher als auf Normalnull.
Während diese Bauernweisheit also getrost zu vergessen ist, zeichnet eine andere verantwortlich für das Fliegenheer: „Tomaten gedüngt mit Sch… sind des Netzflüglers Lieblingsspeise.“
Dass sich der Bauer ausgerechnet am Toten Meer mit Bauernweisheiten beschäftigt, hätte er in seinen wildesten Träumen nicht erwartet. Die Bäuerin hingegen meint: „Na typisch!“
It’s only water
Über den Jordan gehen
Jordantal in Jericho / West-Jordanland, Palästina
Über den Jordan gehen. Easy, seit die Wasserversorgung in Bewässerungskanäle abgezweigt und das Jordantal staubtrocken ist.
Wasser ist zum Waschen da?
Beit Sahour / West-Bank, Palästina
Vom Stadtzentrum von Beit Sahour ist es nur ein kurzer Spaziergang zum Bustan Qaraaqa. Die Hänge des Taleinschnitts, in dem der „Garten der Schildkröten“ liegt, sind mit Wohnhäusern bestückt, die Sohle wird landwirtschaftlich genutzt. Olivenbäume, Kräuter- und Gemüsebeete verleihen dem Tal einen romantischen Charakter, eine Oase inmitten der beigefarbenen Steinlandschaft kurz vor dem Einsetzen der Regenzeit. Dass dieses grüne Paradies nur durch immensen Aufwand zu erhalten ist, lernen wir von einer Dame, die sich selbst Moonbeam nennt. „
Letzten Sommer war das Wasser so knapp, dass wir auf Wäsche waschen verzichten mussten und uns selbst nur die notwendigste Körperhygiene gönnten. Sonst wären die neuen Setzlinge uns eingegangen.“, erklärt die Aktivistin. Der Bustan Qaraaqa wurde vor eineinhalb Jahren gemeinsam von Europäern und Palästinensern gegründet als Modellprojekt für nachhaltige Landwirtschaft auf Basis von Permakultur. Ob das langfristige Ziel, den Garten in die Hände von lokalen Genossenschaftern zu übergeben, erreicht werden kann, ist ungewiss. „Unsere Befürchtung ist, dass der Klimawandel im vollen Gange ist. Die Regenzeit wurde in den letzten Jahren immer kürzer, und wenn es schlimm kommt, wird dies hier zu einer Regenschatten-Zone.“ Externe Geldquellen für das alternative Projekt zu erschließen ist schwierig, und die Einnahmen aus dem kleinen Gästehaus des Bustan sind gering und unregelmäßig.
Beschmutzte Blumen
Ma’ale Adumin / Israel
Ma’ale Adumin, die große israelische Siedlung zwischen Bethlehem und Jericho, erscheint wie eine Oase. Die Straßen sind gesäumt von prächtigen Bäumen, die Hänge sind mit Hecken bepflanzt und immer wieder laufen wir an großen Rasenflächen entlang. Möglich wird diese grüne Pracht durch ein zentrales Bewässerungssystem, die Schläuche liegen zwischen den Sträuchern und verbinden unterirdisch die Pflanzkübel. Zentraler Punkt der Siedlung – ein weithin sichtbares Monument – ist der riesige Wasserturm. Voller Stolz zeigt uns unsere Gastgeberin ihren Kräutergarten und die liebevoll gepflegten Bambus-Stauden. Getrübt wird diese Pracht durch die Kotflecken, mit denen die zahlreich vorhandenen Tauben die Terracotta-Platten dekorieren. Einer Bitte unserer Gastfamilie Folge leistend, übernehmen wir den Auftrag, den Dreck mit Wasser und Schrubber weg zu putzen.
Wasserspiele und Stadtklima
Aqaba / Jordanien
Aqaba an der jordanischen Küste des Roten Meeres präsentiert sich aufgeräumt und wohl temperiert. Neben Weltklasse-Tauchrevieren zeichnet sich die Stadt vor allem durch das ganzjährig milde Klima aus. In den weitläufigen Grünflächen im Zentrum wirken Springbrunnen von teils beachtlicher Größe als „natürliche“ Klimaanlagen. Jordanien ist eines der wasserärmsten Länder der Welt. Diese Problematik ist für Besucher, ein großer Teil besucht die City als Landgang während einer Kreuzfahrt, in Aqaba keinesfalls erkennbar.
Schmutzwäsche und Körperhygiene
Umm Saihoun / Wadi Musa / Jordanien
Das Beduinendorf oberhalb der historischen Stätte Petras erscheint wie ein kläglicher Versuch Nomaden sesshaft zu machen. Im Haus unserer Gastfamilie spielt sich das Leben auf dem Boden ab. Polstermatten dienen als Sitzgelegenheit, gegessen wird mit der Hand aus der Schüssel. Trotz der trockenen Lage im Wadi Musa ist die Trinkwasserqualität außerordentlich gut. Vom Hausherrn erfahren wir, dass es aus einem unterirdischen Wasserspeicher bezogen wird. Eine unerschöpfliche Ressource, wie es beim Anblick des defekten und deshalb dauerhaft träufelnden Wasserhahns scheint. Einen ausgiebigen Duschgang und die Wäsche unserer Kleider verschieben wir. Die Nasszelle beherbergt neben der Dusche auch das Hock-Klo und bei acht permanenten Bewohnern und fünf Gästen wollen wir die Nachfrage nicht allzu lange blockieren.
Alles im Fluss
Wadi Weida’a/Jordanien
Dass Umweltschutz richtig Spaß machen kann und sogar touristisches Potential bietet, erleben wir während einer samstäglichen Aufräum-Aktion im Wadi. Zwei Dutzend Freiwillige aus der Gemeinde Ghor Mazra’a am Toten Meer sowie weitere zwanzig Volontäre, die organisiert über eine lokale Couchsurfing-Gruppe extra mit dem Bus aus der Hauptstadt Amman angereist sind, treffen sich am späten Vormittag zum Canyoning Clean-up. Ausgestattet mit Müllbeuteln geht es eine Stunde durch die traumhafte Schlucht-Landschaft dem Flusslauf folgend bergauf. Vor der Steilwand verteilen sich kleine Gruppen, um auf dem Rückweg ins Tal all den Müll einzusammeln, den Besucher, der Wind und die sturzflutartigen Regenfälle über die Jahre im Gebirgseinschnitt angelagert haben. Stolzes Resultat: Fünfzig prall gefüllte Abfallsäcke und die Hälfte des Weges einigermaßen gründlich gereinigt. Was sich im unteren Teil des Wadis alles angesammelt hat, bedarf mindestens einer weiteren Reinigungs-Aktion. Und dann mit mehr Säcken.
Warmduscher
Ghor Mazra’a/Jordanien
Unser Gastgeber entschuldigt sich gleich nach unserer Ankunft: Kein heißes Wasser – erst muss der Boiler repariert werden. Durch den hohen Salzgehalt des Wassers im kleinen Dorf nur wenige hundert Meter entfernt vom Toten Meer ist – mal wieder – der Heizstab unbrauchbar geworden. Ein Ersatzteil ist am nächsten Tag schnell besorgt. Nach vier Tagen Abstinenz wirkt die warme Dusche wie ein alles erneuernder Sommerregen.
Siedler spielen in der Westbank
Der Geburtstag vom jüngsten Spross unserer Couchsurfing-Gastgeber steht vor der Tür. Bereits am Vorabend hatten wir unser gemeinsames Interesse an Gesellschaftsspielen festgesetellt und Rachel erzählt uns, dass sie ihm ein Spiel kaufen will: Catan. „Natürlich kenne ich das.“, beantworte ich ihre Frage. „Ein paar Dutzend Nächte habe ich mir mit Siedler spielen bestimmt schon um die Ohren geschlagen.“
Jetzt ist „Siedler von Cartan“ nicht gerade das Spiel, das man auf Reisen mit sich herumschleppt. Aber wir haben immer „Carcassonne“ dabei, ein ähnliches Legespiel, das vorteilhafterweise kompakt in einer Brotbox unterzubringen ist. Das Abendprogramm ist damit klar.
Wir besetzen Straßen, übernehmen feindlich Siedlungen von anderen und bekommen Punkte dafür, dass wir die meisten Ortschaften auf unserem Grundstück haben. Es ist ein vergnügter Abend und Politik hat während unseres ganzen Aufenthaltes keine große Rolle gespielt. Dennoch kann ich mir während des Spiels ein stilles Schmunzeln nicht verkneifen. Schließlich sitzen wir in einem israelischen Settlement in Palästina. Gesellschaftsspiele sind ein schöner Weg spannungsgeladenem Vokabular auch einen unterhaltsamen Kontext zu geben.
Studiobesuch beim Barbier
Mein Gesicht brennt wie Feuer, als ich den Frisörsalon verlasse. Ich liebe es, mich rasieren zu lassen, und in Bethlehem gab es Gelegenheit. Zu einer glatten Gesichtshaut gehört hier neben dem üblichen Prozedere mit Schaum und Klinge auch die Entfernung von Wangen- und Ohrenhaaren. Kunstvoll wickelt sich der Barbier einen roten Bindfaden um die Finger und reißt mir in rasender Geschwindigkeit selbst den kleinsten Flaum von der Pelle. „Ob der Bindfaden rot ist, damit man das Blut nicht sieht?“, denke ich bei mir und gebiete rechtzeitig Einhalt, bevor meine Augenbrauen ausgedünnt werden sollen. ‚Wer schön sein will, muss leiden’, sagt das Sprichwort. Und mein Folterknecht ist ein wahrer Meister seines Faches. Da wundert es kaum, dass ich auf zwanzig Schekel nur fünf Schekel Wechselgeld zurück erhalte. Studiobesuche sind eben teuer.
Bethlehem – Besuche an der Oberfläche
1,5 Millionen Menschen besuchen, laut Angabe eines Diensthabenden Priesters, jährlich die Geburtskirche in Bethlehem. Sehr bescheiden nimmt sich dagegen das Interesse an dem liebevoll erhaltenen Wohnhaus in der Altstadt aus, das von der Arab Women’s Union verwaltet wird. „2008 hatten wir 567 Besucherinnen und Besucher hier.“, erzählt mir die Dame an der Kasse nach einem kurzen Blick in das Kassabuch. Im angegliederten Verkaufsraum werden Stickereien feilgeboten. Das traditionelle Hochzeitsgewand, einer der schönsten Ausstellungsgegenstände im
Museum, stellt niemand mehr her. „Zu teuer, zu aufwändig, zu wenig Interesse“, bemerkt die Dame recht nüchtern. Die Antwort auf die Frage, was passiert wenn das alte Wissen einmal verloren ist, bleibt sie schuldig.
































































