Österreich ist Europameister!!!
Subjektiv habe ich Österreich schon lange als Raucherland wahrgenommen. Gestern bin ich über die Seite der Europäischen Statistik-Behörde EUROSTAT gestolpert und dort gibts dann die objektive Preisverleihung:
Österreich ist Europameister!!!
Kurzbeschreibung: Der Tabakkonsum stellt weiterhin die führende vermeidbare Ursache für Krankheit und Todesfälle in unserer Gesellschaft dar. Er bildet einen hohen Risikofaktor für Herz- und Gefäßkrankheiten, chronische Bronchitis und Emphyseme, Lungenkrebs und andere Erkrankungen. Der Indikator wird definiert als Zahl der aktuellen Raucher, ausgedrückt als prozentualer Anteil an der Bevölkerung. Als aktueller Raucher gilt, wer angibt, täglich oder gelegentlich zu rauchen. Die Daten stammen aus nicht-harmonisierten nationalen Gesundheitserhebungen (HIS, Health Interview Surveys). Die Länder wurden gebeten, die Daten gemäß den Eurostat Leitlinien nachzubereiten. Die HIS-Daten wurden je nach Land in verschiedenen Jahren erhoben, im Zeitraum von 1996 bis 2003.
Quelle: Eurostat
Austria Tabak
Dass man sich in Österreich in besonderer Weise der Raucher annimmt, zeigt auch die Existenz dieser skurrilen Krankenkasse, der Betriebskrankenkasse Austria Tabak.
Die Selbstdarstellung verrät: „Wir wollen ein fairer Partner für Sie sein. Ihre Gesundheit ist unser Anliegen.“
Nicht ganz so fair ist es, dass der Eigentümer von Austria Tabak (fehlende) Sprachkenntnisse zu seinem Vorteil nutzt. Auf der internationalen Seite von Japan Tobacco Inc., dem drittgrößten Tabakkonzern der Welt, ist die Sektion „Smoking and Health“ als Teilbereich der „Corporate Responsibility“ absichtlich nur in englischer Sprache verfügbar.
Widerstand
gegen die Qualmerei gibt es aber auch. Er findet sich in Form von Stickern an Laternenpfosten.
Zur Erklärung sei vermerkt: Ein „Tschick“ ist in Österreich das, was man in Deutschland als „Kippe“ bezeichnet. Und die Kampagne „Ka’ Tschick ist an! – Keine Kippe ist an!“ richtet sich gegen das Rauchen im Auto:
Dass Zigarettenrauch schädlich ist, hat sich schon herumgesprochen. (Passiv)rauchen im Auto ist besonders gefährlich: Die Schadstoffkonzentration und die Feinstaubbelastung im Wageninneren übersteigen die im Freien erlaubten Grenzwerte bis um das 20-Fache!
Kinder leiden besonders unter den Auswirkungen des Passivrauchens, da ihre Organe und ihr Immunsystem noch nicht voll entwickelt sind. Auch nichtrauchende erwachsene Mitfahrer (und natürlich Sie) sind der höheren Schadstoffkonzentration ausgesetzt.
Darüber hinaus gefährdet Rauchen im Auto die Verkehrssicherheit: Es lenkt ab (Zigarette anzünden, Abäschern, etc.), wirkt sich negativ auf die Konzentrationsfähigkeit aus (der Kohlenmonoxidgehalt im Blut steigt, während der Sauerstoffgehalt im Gehirn sinkt), und nicht zuletzt können noch brennende, aus dem Fenster geworfene Zigarettenstummel gefährliche Brände verursachen.
Darum: verzichten Sie auf die Zigarette im Auto!
Alles in Ordnung!
Rund 868 Millionen Zigarettenstummel landen jährlich in Wien am Boden: Damit könnte man flächenmäßig 30 Fußballfelder füllen. Ob die Magistratsabteilung 48, zuständig für Sauberkeit und Müllentsorgung in Wien, mit den neuen zigarettenförmigen Sonderbehältnisse dem Werfen von Zigarettentummeln aus dem Autofenster Einhalt gebieten kann, ist fraglich.
Das jährliche Volumen der weggeworfenen Stummel entspricht dem Inhalt von 36.200 Papierkörben. Mit der Aufschrift „Host an Tschick?“ versehene Aschenrohre aus einem feuerfesten Metall- Zylinder sollen jetzt für mehr Sauberkeit sorgen. Die neuen Aschen- Rohre fassen über 1.000 Zigarettenstummel und sind daher auch auf gut frequentierten Plätzen ausreichend dimensioniert. Die Entleerung erfolgt mittels Klappe am unteren Ende, welche die MA 48 selbst entwickelt und beim Patentamt angemeldet hat.
„Es gibt längst keine Ausreden mehr, Zigarettenstummel ordentlich zu entsorgen, das Angebot der MA 48 steht“, so Umweltstadträtin Ulli Sima. Zigaretten benötigen rund ein bis fünf Jahre zum Verrotten. In Grünflächen sind sie nur sehr schwer bis gar nicht zu entfernen. Dass die neuen Aschen- Rohre allein für mehr Sauberkeit in der Stadt sorgen werden, glaubt aber anscheinend auch im Rathaus nur wenige. Deshalb wurde in einer Aussendung der Wiener Rathauskorrespondenz auch gleich vorsorglich darauf hingewiesen, dass „die Wiener WasteWatcher befugt sind, bei Nichtbefolgen der ordnungsgemäßen Entsorgung zu ermahnen, aber auch Organstrafmandate in der Höhe von 36 Euro zu verhängen“.
Quelle: www.austria.com – „Host an Tschick?“ – Wien macht gegen Zigarettenstummel mobil
Gut gelaufen
Ein wichtiger Schritt: Ein Lockangebot bei GEA beschert mir meine ersten Waldviertler!
Fast dasselbe, genau das gleiche
Beobachtender Ausländer zu sein ist in Österreich für einen Deutschen eine etwas komplexere Aufgabe, als es das in Indien war. Die Unterschiede sind viel feiner. Entgegen der optischen Lehre verschwimmen die Konturen offenbar mit der Nähe. Dasselbe Anschauungsobjekt erlaubt verschiedene Ableitungen, wie diese Karten aus einem Kinderlexikon uns lehren.

Bild: Eine Landschaft, zwei kartographische Darstellungen: deutsche und österreichische Ansichtssache.
Ähnlich verhält es sich mit der Grammatik:
Ihre Announce wurde erfolgreich aufgegeben!
Sie wird spätestens am nächsten Werktag freigeschalten.
Aus freigeschaltet wird freigeschalten, und die Monate wechseln im Singular das Geschlecht – aus der Monat wird das Monat. Das Service heißt es und auch das e-Mail.
Aber dafür wird in Österreich ganz rückbezüglich „Bitte“ groß geschrieben.
Ein Souvenir der anderen Art
Mit vielen religiösen Festivals in Indien geht eine Mela – ein Jahrmarkt – einher. Händler bieten Süßigkeiten, es gibt ein Kulturprogramm und Spielsachen werden verkauft. Ganz so wie bei der Kirchweih in Europa. Beim Besuch der Shiv-Puja in Jalpes, einer regional sehr bedeutenden Tempelstätte für den Gott Shiva, erregte besonders ein Spielzeugverkäufer meine Aufmerksamkeit. Er bot kleine Blechboote an, die angetrieben von einer Kerze in einer Wasserschüssel ihre Runden drehten. Ein ideales Souvenir, wie ich fand: Nicht schwer, nicht zerbrechlich, nicht verderblich, zudem günstig und ein schönes Mitbringsel für Kinder. Nach kurzem Verhandeln des Preises kaufte ich dem Händler fünf Exemplare ab und ging meiner Wege.
Als ich am nächsten Tag die Boote zuhause genauer inspizierte, war ich erstaunt. Drei Schiffchen waren hergestellt aus Deodorant-Dosen – eine sinnvolle Weiterverwertung, so mein Gedanke. Bei den nächsten beiden Booten allerdings wurde ich nachdenklich. Auf dem Blech war die Beschriftung „Faserfrisch – für alle Teppiche“ auf Deutsch zu lesen. Man kann sich leicht einen Reim darauf machen, wie Deodarant-Dosen mit deutscher Aufschrift als nach Asien kommen. Teppichreiniger als Abfallprodukt des weltweiten Tourismus erscheint mir aber skurril. Hatte ich einen handfesten Beweis für den Export deutschen Mülls ins Ausland in der Hand? Die Antwort muss ich offen lassen. Einzig dass der Abfall als geschätzter Zeitvertreib meiner Kinder nun wieder in Europa angelangt ist, lässt ein wenig positives Licht auf die Sache fallen. Müll-Reimport via Recycling-Spielzeug aus Asien. Ein Mitbringsel der anderen Art.
Die Welt in H0
Das Geräusch, das im Morgengrauen durch unser Schlafzimmerfenster dringt, ähnelt dem einer Roulettekugel auf dem Drehteller. Es ist das ungleichmäßige Plätschern von dicken Regentropfen im Wind der Berge. Gestern noch, bei unserer Ankunft, hatte die Sonne freundlich gelacht. Zu Fuß hatte uns unsere Freundin Ingrid am Bahnhof abgeholt und durch die kleinen Gässchen ihrer neuen und erstaunlich beschaulichen Heimatstadt Bad Reichenhall geführt. Keine Spur von Gefahr, obwohl doch der Marktflecken im letzten Jahrzehnt mehrfach in rotem Fettdruck die Republik in Atem gehalten hatte mit dem Amok laufenden jugendlichen Hobbyschützen und dem Drama der eingestürzten Eis- und Schwimmhalle, die den Schneemassen nicht gewachsen war. Läge das Berchtesgadener Land in Lateinamerika – das Außenministerium hätte uns vermutlich von einem Besuch abgeraten. Aber statt Bad-Reichenhaller Roulette erwartet uns im „Glück im Winkel“ (tatsächlich schmückt sich ein Gässchen mit diesem wohlklingenden Namen) und rund um den Florianiplatz eine Welt in H0. Das Entzücken eines jeden Hobby-Eisenbahners muss maßlos sein. Wie viele der durchaus zahlreichen Gäste dem Hobby Modell-Eisenbahn frönen, bleibt indes schwer abzuschätzen. Nicht, dass man die Zielgruppe Zug-Liebhaber nicht wahrnehmen würde: Gleich zwei Orte der Region haben sich dem Ortsverbund für Sanfte Mobilität im Alpenraum, den Alpine Pearls, angeschlossen.
Es ist auch weniger der städtebauliche Maßstab oder das öffentliche Nahverkehrs-Angebot, als vielmehr das Vorhandensein von Salz, das der Stadt zu Berühmtheit verholfen hat. Das war in der Zeit, als es außer dem weißen Gold noch wenige Optionen zur Konservierung von Lebensmitteln gab. In der Neuzeit vermarktet man reziprok: Bad Reichenhaller Salz in die Welt hinaus und die Welt hin zur Kur an die Ufer der Saalach zu salzhaltiger Luft und Solewasser. Und Konservierung scheint auch noch in Zeiten von Kühlschränken durchaus ein gewichtiger Faktor am Fuße des Watzmanns zu sein; Für lebhaftes Treiben in den schönen Fußgängerzonen von Reichenhall und Berchtesgaden sorgen vorwiegend Menschen, die schon das zweite oder dritte Jahrzehnt ihres Rentnerdaseins genießen. Inwieweit sie an den historischen Stätten der NS-Zeit, allen voran das Kehlsteinhaus, den vielen Gästen aus aller Welt als authentische Zeitzeugen Rede und Antwort stehen, ist unklar. Die Ansätze, wie dieser Teil der Vergangenheit Mitteleuropas reflektiert wird, sind ohnehin differenziert.
Im nahe gelegenen, einzigen alpinen Nationalpark Deutschlands, der sich über 210 Quadratkilometer um den malerischen Königssee mit der idyllischen Wallfahrtskirche St. Bartholomä erstreckt, wird auf Interaktion nur beschränkt Wert gelegt. Das Nationalpark-Haus freut sich auf seine Re-Inkarnation 2012 – was dann aus den unvollständigen Ausstellungstafeln und den Spinnweben auf der Videoleinwand wird, wird die Zukunft zeigen. Das eigentlich Eindrucksvolle ist ja ohnehin nicht das Info-Zentrum sondern die Bergwelt als solches. Ein Besuch blieb uns für dieses Mal verwehrt, weil die Bergwacht von Wandertouren ob der Schlechtwetterlage abgeraten hat. Es stehen also weitere Besuche an und dann wird mit Spannung zu beobachten sein, ob das Berchtesgadener Land rechtzeitig den Schwenk von den konservierenden und die belebenden Kräfte des Salzes geschafft hat. Wer allzu lange in der Vergangenheit lebt, wird in Zukunft wohl öfter mal im Regen stehen.
Eine Bildergalerie gibts auf agricolus.de
Baumwoll-Integration
„Wenn Menschen wirklich rationale Wesen wären, würden wir alle in Kartoffelsäcken statt in teuren Markenkleidern herumlaufen. “ An diesem Ausspruch meines Professors mag viel Wahres sein, mein Kompromiss ist: Second Hand und Schnäppchenjagd. Aber selbst die hat mich vor kurzem ins Grübeln gebracht. Ein Diskount-Laden hatte in der Auslage original Österreich-Trainingsjacken für zwei Euro im Angebot. In super Qualität – ein wahrhaftiges Schnäppchen. Was gibt es lange zu Überlegen?
Nun ja: Ich wohne seit letztem September als einer von 40 000 Deutschen in Wien. Und die Jacken – ein Restbestand der EURO 2008 – sind Replika der offiziellen Cordoba 19
78 Ausstattung. Nun muss man wissen – wohl kaum ein Österreicher, der es nicht weiß –, dass Österreich im WM-Turnier in Argentinien wie durch ein Wunder Deutschland im Fußball besiegt hat, in Cordoba, am 21. Juni 1978.
Mir kamen Zweifel: Wie wird meine österreichische Umwelt das Tragen einer solchen Jacke aufnehmen? Die Allgemeinheit wird – solange ich den Mund halte – von meiner Kleidung kaum Notiz nehmen. Etwas Anderes ist es im Bekanntenkreis. Dort muss ich nichts mehr sagen, um mich als Deutscher zu Erkennen zu geben. Eine kurze Umfrage brachte Reaktionen von „überintegriert“ bis „schwierige Sache“ zutage. Andererseits: Auf Wiens Straßen sind auch Trainingsjacken aus Jamaika ein durchaus häufiger Anblick. Ein Deutscher mit Cordoba-Jacke wäre eben mal etwas Anderes.
Als ich dann, nach erstmaligem Waschen, einige Zeit später die Jacke Premiere trug, geschah etwas Sonderbares. Auf dem Weg vom Meiselmarkt bis zur Wienzeile – Wiens 15. Bezirk wird von vielen Menschen aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien bewohnt – sind mir an diesem Morgen auf den wenigen Kilometern sage und schreibe viermal Österreich-Jacken Cordoba 1978 begegnet. Getragen meist von Männern im Pensionsalter, dem Aussehen nach durchwegs mit Migrations-Hintergrund. Erste Geschäfte verkaufen die Jacken nun um zehn Euro – ein guter Zugewinn bei zwei Euro Einkaufspreis. Der Markt entfaltet seine Kräfte. Und binnen kurzer Zeit sind Cordoba-Jacken ein alltäglicher Anblick geworden im 15. Bezirk.
Die Erinnerung an das große Glück des kleinen Fußball-Landes, genäht in China und zum Wahnsinnspreis in Billigläden erhältlich, wir allerorten auch von Ausländern geteilt. Ein durchaus willkommener Beitrag zur Integration inmitten der ausgrenzenden Wahlwerbung der FPÖ. An diese Nebenwirkung hatte ich beim Schnäppchenkauf gar nicht gedacht.
…und draußen stirbt die Reindorfgasse
Am oberen Ende der Gasse, dort nur ein paar Treppenstufen entfernt von der Mariahilfer Straße – der äußeren – brummt unverdrossen
ein Laster. Der Fahrer raucht genüsslich eine Zigarette. Ebenso gemütlich dreht sich auf der Ladefläche der Asphaltmischer. Sein Inhalt wird von Hand aus Eimern auf den Fahrweg geschüttet: Eine langsame traditionelle Arbeitsweise. Ganz Reindorfgasse: Langsam und mit Tradition.
Direkt gegenüber kündigt ein neonbuntes Schild den Total-Abverkauf eines Modegeschäfts an. Die Mode im Schaufenster war modern als die Reindorfgasse noch prominent war. Heute schlendert man an leeren Schaufenstern vorbei. Das Cafe Plauscherl trotzt mit stoischer Ruhe und den wenigen Stammgästen der Rückzugswut. Kaffee und Imbiss – auch Bier gezapft, der Piff zum Frühstück. Aus dem Radio singt Reinhard Fendrich vom Glück, das ihn verlassen hat. Draußen kämpft die Reindorfgasse ums Überleben.
Eine niedliche Pfarrkirche steht etwas zurückgezogen auf dem mediterran anmutenden Platz mit den Bäumen, Bänken und den betagten Bewohnern, der die Gasse in der Mitte teilt. An die Ecke zur Oelweingasse schmiegt sich der schöne Schanigarten des legendären Gasthaus Quell – auch dort wenig Neues (der letzte Newseintrag auf der Webseite ist acht Monate alt). Ist Dr. Ostbahn in den Ruhestand getreten? Das Siechtum zieht sich ohne erkennbares Muster durch die gesamte – wahrscheinlich ehemals quirlige – Einkaufsstrasse. Leer
stehende Geschäfte als Metastasen eines nicht lokalisierbaren Geschwürs.
Lebenserhaltend wirken noch ein paar Geschäfte und Gastronomiebetriebe. Die Firma Urban Tools hat sich auf die andere Straßenseite vergrößert. Eine Dependance mit integrierter Küche und Essbereich repräsentiert stolz die gelebte Work-Life-Balance der Kreativen. Einige Galerien haben eröffnet in leerstehenden Geschäftsläden. Noch zu wenige Pflaster, als dass man von einem Heilverband reden möchte. In ihrer Betonung des Außergewöhnlichen stellen sie einen angenehmen Gegenpol zur engstirnigen Plakatwerbung der FPÖ dar, die am unteren Ende der Gasse ein Parteibüro innehat.
Kulinarische Berührungspunkte: Die auf Spanferkel und -lämmer spezialisierte Fleischerei – deren Verkäuferin mir auch nach Dutzenden liebevollen Ermahnungen noch immer die Leberkäs-Semmel zum Direktverzehr in Folie einpackt und die Pizzeria Mafiosi. Eingekleidet in eine dunkle Holzvertäfelung, wird man den Eindruck nicht los, eine Räuberhöhle zu betreten. Viel gemütlicher ist es im Innenhof, wo bei Preisen von zwei Euro pro Halbliter-Flasche das Feierabendbier vielen Studenten, Arbeitstätigen – und solchen, die es einmal waren – schmeckt.
Nur blitzlichtartig scheint manchmal auch die versteckte Seite der Reindorfgasse geheimnisvoll auf: Routiniert diagnostiziert die Rettungs-Assistentin die Droge, die den jungen Mann im Hauseingang hat zusammenbrechen lassen. Eine unbekannte Welt auch die Beisln mit den austauschbaren Namen, in denen in Lederjacken gekleidete Männer sich vor dem Satelliten-TV räkeln, wenn sie nicht gerade in fremder Sprache geschäftig mit ihren Mobiltelefonen vor dem Gasthaus auf und ab laufen.
Die Reindorfgasse ist eigentlich genau so, wie eine Wiener Gasse – Straßen sind selten im eng bebauten Alt-Wien – sein soll. Leicht verträumt, angenehm gemächlich, einladen gemütlich und etwas verstaubt. Vielleicht ist es diese Patina alter Zeiten, die heute von der kleinen, einst großen Gasse ablenkt. Es bleibt zu hoffen, dass der Fahrradweg, den die Bauarbeiter am oberen Ende gerade errichten, Menschen in die Gasse zieht, die den sanften Wandel zur Kreativ-Meile mit Traditionsbestand so sehr zu schätzen wissen wie ich.
mehr Bilder aus der Reindorfstrasse: auf agricolus.de
Nasenbluten
Seit ich die Kids schon vor 14 Uhr im Kindergarten abhole, verbringe ich so einige Zeit auf Kinderspielplätzen (Erwachsenenspielplätze sind leider selten – dies am Rande). Eines Tages war eine Hortgruppe zu Gast und die einzige Betreuerin widmete hektisch ihre Aufmerksamkeit überwiegend einem einzigen Kind: Dem mit dem Nasenbluten. Mit einem Auge immer nach der Meute auf dem Spielplatz schielend, hielt sie den Kopf des Jungen und erklärte gebetsmühlenartig: „Du musst den Kopf nach unten halten – ich presse dir feuchte Tücher auf die Stirn.“ Die feuchten Tücher wurden über eine filigrane Lieferkette von den Kindern erst trocken zum Brunnen und dann feucht wieder zurück gereicht.
Ich wunderte mich: „Der Kopf muss ins Genick. Sonst hört das nie auf.“ Meine Bank-Nachbarin, mit der ich den Gedanken teilte, schlägt vor: „Hinlegen und ein feuchtes Tuch in den Nacken.“ Aber wir schwiegen. Nicht so die drei Frauen, die im Verlauf der nächsten Minuten die Erzieherin mit guten Ratschlägen versorgten. Die erste schlug vor, die Nasenflügel zusammen zu drücken. Die zweite riet: „Fest an der Nasenwurzel pressen.“ Der Vorschlag der dritten, einen Bindfaden ums Handgel
enk zu binden, wurde mangels Schnur ohnehin gleich abgelehnt. Aber die Erzieherin blieb standhaft. Nach circa einer Stunde, geschätzten zwei Litern Blut und vierzig Taschentüchern hörte die Blutung endlich auf. Die beratungsresistente Erzieherin hatte offenbar recht mit ihrer Heilmethode.
weitere Infos: Verband unabháengiger Blutspendedienste im deutschsprachigen Raum
Alle Vöglein sind schon da – Fahrradausflug zum Frühlingserwachen am Neusiedler See
Vom Wiener Südbahnhof fährt man mit dem Zug gerade einmal 45 Minuten bis zu dem einzigartigen Flachsee im Burgenland. Etwa 40 Fahrräder im vollbesetzten Zug lassen erkennen, dass viele Wiener den See als Frühlings-Ausflugsziel schätzen. Und man lockt sie mit großformatigen Plakaten: Eine scharf angeschnittene Radfahrerin vor der Kulisse des Schilf bewachsenen See-Ufers fragt platonisch: „Kennen Sie das Gefühl?“ Die Tourismuswerbung des Bundeslandes im Süden Wiens hofiert die Radfahrer als umwelt-, genuss- und gesundheitsbewusste Zielgruppe. X Radwege wurden ausgebaut und eine kostenfreie Karte weist den Weg. Wie wertvoll die Karte ist wird deutlich, wenn man sich ohne sie auf Entdeckungsfahrt begibt. Viermal fragen, vier Antwortvarianten mit vier verschiedenen Richtungsangaben: „Auto-mobil“ denkende, Abkürzungen anratende, ortsunkundig „glaubende“ und Distanz schlecht bewertende Einheimische. Die Beschilderung weist den Weg sporadisch und undetailliert – die Qualität der Wegweiser steht weit hinter der der Wege zurück.
Wenn im Frühjahr die Zugvögel zurückkehren zu ihren Brutplätzen in Europa, verwandelt sich die beschauliche Stille des Sees in einen Tummelplatz von Federvieh. Im Schilfgürtel und den Lacken am Rande des Gewässers ziehen Dutzende, teils sehr seltene und bedrohte, Arten ihre Jungen groß. Die Vielfalt von Sprachen und Autonummern verrät, dass Vogelbegeisterte aus Nah und Fern hier jetzt gerne mit ihren Ferngläsern auf die Pirsch gehen. Dennoch machen sie – zumindest am Wochenende – nur einen Bruchteil der Besucher aus. In den Ausflugslokalen liegt die Aufmerksamkeit der Gäste eher auf den regionalen Wein- und Essens-Spezialitäten als auf den Grauganskolonien jenseits des Zaunes zum Nationalpark.
Während manche Gastwirte das Kommen und Gehen von Touristen aktiv durch Werbetafeln schon auf den Anfahrtswegen forcieren, verzichten andere Betriebe bewusst auf laute Lockrufe. „Wir wollen gar nicht von allen See-Besuchern gefunden werden“, erklärt ein Wirt etwas abseits der Hauptroute, die um den See führt. Seine Gäste kommen, weil sie den kleinen Schankgarten mit dem liebevoll gestalteten Kinderspielplatz den großen Bierbank-Kolonien vorziehen. Immer wieder kommen sie – und sie erzählen ihren Freunden und Bekannten
vom Gastgarten mit den hausgemachten Spezialitäten aus der Familienküche und dem hauseigenen Weingarten. Als er die Kondensmilchpackung eilig vom Unterteller vor den starken Windböen rettet, erklärt mir der Wirt entschuldigend, dass er letzte Woche sechs Säcke voll Plastik- und Glasmüll aus den Hecken um sein Haus gelesen habe. „Das Umweltbewusstsein der meisten Touristen ist sehr gering“, beklagt er. Daran habe auch die Auszeichnung des sensiblen Ökosystems zum Nationalpark wenig geändert. Dass nach XY Jahren der Schutzgedanke endlich in der Bevölkerung einigermaßen verankert sei, sei nur ein erster Schritt. „Gerade die Ausflügler müssten besser geschult werden.“
Folgt man dem Radweg weiter nach Norden weg von der Haupt-Schutzzone des Nationalparks prägen zunehmend Ferienhäuser, Eigenheime und Campingplätze mit Seezugang das Landschaftsbild. Die großen Parkplätze vor den Strandbädern sind gut gefüllt mit den Autos sonnenhungriger Badegäste. Kite-Surfer, Segelboote, und Lenkdrachen teilen sich den Wind mit Möwen und Greifvögeln vor der Kulisse der Windkrafträder an den Hängen der Hügel am Horizont. Der See erfreut sich großer Beliebtheit und wohin die Entwicklung des zum Welterbe zählenden Naturjuwels Neusiedler See/ geht ist ungewiss. Das verschlafene Neusiedl, das mir von meinem ersten Österreich-Urlaub mit Oma und Opa vor fast dreißig Jahren in Erinnerung war, hat sich ein eine quirlige Kleinstadt verwandelt. Kurz hinter dem See-Radweg weisen große Schilder auf den städtischen Bauhof hin. Zum Bahnhof muss man sich mühsam durchfragen.
Weitere Fotos vom Neusiedler See
web: Nationalpark Neusiedlersee-Seewinkel — Ferienregion Neusiedler See/Burgenland — Welterbe-Region Ferto&Neusiedlersee






























